Energie: Aristons Milliardenwette auf den deutschen Heizungsmarkt
Rom. Der italienische Unternehmer Paolo Merloni freut sich über das neue deutsche Heizungsgesetz: „Endlich ist die Phase der Unsicherheit beendet, die auf der Branche in Europa lastete“, sagt er. Sein Unternehmen, die Ariston Group, ist einer der weltweit größten Hersteller von Klimatechnik, Heizungen und Warmwassersystemen. Der deutsche Markt mit seinem Umsatzpotenzial ist inzwischen entscheidend für das Unternehmen. Erst vor rund vier Jahren hatte die Gruppe den größten Deal ihrer Firmengeschichte geschlossen, zahlte eine Milliarde in Euro und eigenen Aktien für die deutsche Centrotec Climate Systems (CCS). Zu CCS gehören Marken wie der Wärmepumpenhersteller Wolf oder der Raumlüfterproduzent Brink. Nun ist Deutschland mit knapp 20 Prozent der größte Absatzmarkt der Gruppe. So beeinflusst die deutsche Klimapolitik durchaus den Erfolg des italienischen Unternehmens. Ein Beispiel ist das Heizungsgesetz von Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck mit Fokus auf erneuerbare Energien und Wärmepumpen. Merloni kritisiert im Rückblick: „Man kann nicht ein ganzes Land innerhalb von drei Jahren auf Wärmepumpen umstellen.“ Mit Logistik, Produktion und Ausbildung der Mitarbeiter kamen die Heizungsanbieter nicht hinterher. So folgte auf das unnatürlich starke Wachstum unweigerlich der Absturz: Wurden 2023 auf dem deutschen Heizungsmarkt mit 1,3 Millionen Stück so viele Heizungen wie seit 28 Jahren nicht mehr verkauft, brach der Markt im Folgejahr um 47 Prozent ein. Von diesem Geschehen hat sich CCS nach Ansicht von Merloni erst heute, zwei Jahre später, wieder erholt. Die Zahlen von 2025 deuten allerdings an: Es erfolgte eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau. Die Ariston Group erzielte im vergangenen Jahr mit 2,8 Milliarden Euro Umsatz und einem Gewinn von 132 Millionen Euro etwa so viel Gewinn wie vor der CCS-Übernahme. Im Vorjahr 2024 war der Umsatz auf 2,63 Milliarden Euro geschrumpft und der Gewinn auf 2,5 Millionen Euro eingebrochen – ein enormer Rückgang von 98,7 Prozent. So könnte Merloni heute kritisch auf sein Milliarden-Investment in Deutschland blicken. Trotzdem sagt der Firmenchef, dass er „äußerst zufrieden“ sei. Das zeigt auch sein Wille, weiter in den Standort Mainburg zu investieren, den Sitz der Marke Wolf: in Logistik, eine neue Produktionslinie sowie in Forschung und Ausbildung. Seit Anfang des Jahres steht in Mainburg auf 4500 Quadratmetern, verteilt auf drei Stockwerken, der „Campus Wolf“. Dort soll zum Thema Energiewende geforscht und Fachkräfte sollen ausgebildet werden. 60 Millionen Euro hat die Gruppe in den vergangenen vier Jahren nach eigenen Angaben in den Standort investiert. Der Ariston-Group-Chef ist überzeugt davon, dass der deutsche Markt auch künftig kräftig wachsen wird. „Die bestehenden Heizsysteme sind veraltet und müssen ausgetauscht werden. Außerdem sind die Anforderungen an Energieeffizienz und die Reduktion von CO₂‑Ausstoß gestiegen“, begründet er seine Einschätzung, die er durchaus auch gegenüber Kritikern verteidigen muss. Sie werfen Merloni vor, dass er die Chancen auf dem deutschen Markt schon vor dem CCS-Kauf betont habe. Bisher könne die Gruppe davon aber nicht profitieren. Zum Börsengang 2021 seien zudem unrealistische Erwartungen geweckt worden: Damals wurden die Aktien zu 10,25 Euro pro Stück verkauft, heute notieren sie bei rund 3,50 Euro. Trotz dieser schlechten Performance urteilt Mediobanca-Analyst Alessandro Tortora positiv: „Ariston ist im Bereich des Heizungs- und thermischen Komforts ein Allrounder, der die Marktentwicklung begleiten kann.“ Das gelte dank der strategischen Akquisitionen insbesondere für Deutschland und Italien, die zwei umsatzstärksten Märkte der Gruppe. Genau das passt zum Selbstverständnis des Unternehmens. „Wir sind ein europäisches Unternehmen mit tiefen Wurzeln in Italien und Deutschland“, sagt Merloni. Die Ariston Group wurde 1930 von Merlonis Großvater Aristide in der mittelitalienischen Marken-Region als Waagenhersteller gegründet, dehnte ihr Geschäft in weitere Branchen aus. Sohn Francesco übernahm schließlich die Sanitärtechnik. Der heutige Executive Chairman Paolo Merloni begann 1995 mit seiner Karriere im Unternehmen. Heute ist Europa für die Gruppe mit rund 18 Prozent Umsatz in Deutschland und 15 Prozent in Italien weiterhin der wichtigste Markt. In beiden Ländern beschäftigt das Unternehmen über 5000 Mitarbeiter, 12.000 sind es weltweit. Auf die Partnerschaft mit CCS folgte in diesem Jahr ein wichtiger Deal in Italien: Anfang Juli schloss die Ariston Group den Kauf der italienischen Riello Group, die im Bereich Klimakomfort und Verbrennungstechnologien aktiv ist, für rund 320 Millionen Euro ab. Analyst Tortora glaubt, dass die Riello-Übernahme für den italienischen Markt „strategisch sehr sinnvoll“ sei, zumal die Marke in Italien als ikonisch gilt. Zudem sei der Marktzugang gefestigt worden, weil der von den Installateuren abhänge. Rund ein halbes Jahr zuvor war die Ariston Group zudem ein Joint Venture mit dem US-Klimatisierungsunternehmen Lennox eingegangen. Das italienische Unternehmen ist heute in 40 Ländern mit Vorverkaufsstellen und Kundendienst präsent, in 19 auch mit Produktionseinheiten. Weltweit setzt das Unternehmen nach der Integration von Riello knapp drei Milliarden Euro um. Merloni blickt weiterhin zuversichtlich in die Zukunft. Von der Politik wünscht er sich allerdings eines: vorhersehbare Rahmenbedingungen. „Wir glauben, dass der Markt sich auf der Grundlage von langfristigen Leitlinien entwickeln sollte, ohne abrupte Kurswechsel“, sagt er.