Energiekrise in Osteuropa: Ungarn, Rumänien, Serbien schalten Kraftwerke ab
"Könnte eine Energiekrise geben" Mehrere Länder rüsten sich für Stromausfälle Von Amy Walker 03.08.2026 - 12:07 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! In Ungarn muss das Atomkraftwerk Paks, das 40 Prozent des landesweit produzierten Stroms erzeugt, abgeschaltet werden. Auch in anderen osteuropäischen Ländern wird die Lage kritisch. Am Sonntag richtete sich Péter Magyar, Ministerpräsident von Ungarn, mit drastischen Worten an die Landesbevölkerung: "Auf unser Stromsystem kommen enorme Belastungen zu. Ich bitte Sie deshalb alle, ab Montag noch mehr aufeinander Acht zu geben", sagt er in einem Video, das er auf der Plattform X gepostet hat. Ungarn stehe vor "kritischen fünf Tagen", da zum ersten Mal in 44 Jahren das Atomkraftwerk Paks vollständig abgeschaltet werden könnte. Das AKW deckt üblicherweise 40 Prozent des gesamten Strombedarfs in Ungarn. Hintergrund sind die extrem niedrigen Pegelstände in der Donau, deren Wasser zur Kühlung der Atomreaktoren benötigt wird. Laut der Messstation "Danube Portal" sinken die Wasserstände in Budapest am Montag auf elf Zentimeter und sollen im Laufe der Woche sogar bis auf neun Zentimeter fallen. Vor vier Tagen lag der Pegel noch bei 23 Zentimetern. Der bisherige Rekordtiefstand lag bei 33 Zentimetern. Ungarischer Industrie drohen Strom-Abschaltungen Magyar rief die Ungarn am Sonntag zum Stromsparen auf, insbesondere in den Spitzenzeiten zwischen 17 und 22 Uhr. Tagsüber kann der Strom zu 80 Prozent aus Solarenergie gedeckt werden, zeigen Daten des Netzbetreibers Mavir. Deshalb entstehen die Engpässe in den Abendstunden, wenn die Sonne untergeht. Die Ungarn sollen deshalb abends insbesondere auf eine starke Nutzung von Klimaanlagen verzichten – angesichts der prognostizierten täglichen Temperaturen über 40 Grad dürfte das für viele eine Zumutung sein. "Es könnte ab Montag zu einer Energiekrise kommen. Koordinierte Schritte und Selbstbeschränkung sind nötig, damit die Folgen nicht schlimmer ausfallen", warnte der Ministerpräsident eindringlich. Die Behörden bereiten Notfallpläne vor, die Industrie muss sich auf rotierende, kontrollierte Stromausfälle vorbereiten. Solche kontrollierten Abschaltungen sollen flächendeckende, unkontrolliert auftauchende Blackouts verhindern. Rumänien versenkt Schiffe in der Donau Ungarn ist nicht allein in dieser Situation. Auch Rumänien, Serbien und Bulgarien sind für ihre Stromerzeugung direkt und indirekt auf die Donau angewiesen. In Rumänien ist bereits der Energienotstand ausgerufen worden. Einer der Reaktoren des Atomkraftwerks Cernavodă musste bereits vor einigen Tagen vom Netz gehen – und die Regierung tut alles, um die dauerhafte Abschaltung des zweiten Reaktors zu verhindern. Das Kernkraftwerk erzeugt 20 Prozent des rumänischen Stroms. Wie "Romania Insider" am Montag berichtet, soll das Verteidigungsministerium am Montag einen großen Felsen in der Donau sprengen, um den Durchfluss durch das Flussbett zu erhöhen. Zudem wird ein weiterer Kanal des Flusses blockiert, damit sich das Wasser stauen kann und in die Donau zurückfließen muss. Laut Radio România Constanta werden dafür vier Schiffe versenkt. Trotz dieser Maßnahmen könnte es rumänischen Medienberichten zufolge, wie schon im Nachbarland befürchtet, zu kontrollierten Blackouts kommen. Am Montag werde mit Industrieunternehmen über die Möglichkeiten des Stromsparens gesprochen, berichtet das Portal "Libertatea". Unternehmen werden gebeten, ihre Produktion in den Zeiten mit hohen Lasten zu stoppen, um etwas Druck aus dem System zu nehmen, berichten rumänische Medien weiter. Ministerpräsident Ilie Bolojan rief die Bevölkerung zum Stromsparen vor allem in den Abendstunden auf. Serbien leidet auch an Treibstoffmangel Kritisch ist die Lage auch in Serbien, wo die beiden Wasserkraftwerke Djerdap 1 und 2 ihre Leistung drosseln müssen. Die beiden Kraftwerke, etwa 240 Kilometer südöstlich von Belgrad, produzieren etwa 18 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs Serbiens. Beide mussten ihre Kapazitäten auf 20 bis 30 Prozent drosseln. Im Mai, Juni und Juli hätten die beiden Kraftwerke die geringste Menge Strom seit ihrer Inbetriebnahme in den 1970er- bzw. 80er-Jahren produziert, so das Energieministerium. Serbien erzeugt etwa 25 Prozent seines Stroms durch Wasserkraft. Auch hier findet der Regierungschef drastische Worte: "Die Lage ist ernst", zitiert das Portal "Srpske Novine" den Ministerpräsidenten Djuro Macut. Am Montag findet eine Krisensitzung seines Kabinetts statt. Im Video | Marine sprengt Donau-Hindernis Player wird geladen Serbien leidet nicht nur unter einer Stromkrise, sondern auch unter einer Treibstoffkrise. Das Land ist auf Benzin- und Diesellieferungen über die Donau angewiesen. Im Juli hat Serbien aber nur ein Viertel der üblichen Lieferungen erhalten, da die Binnenschiffe aufgrund der niedrigen Pegelstände nicht voll beladen werden können. Laut "Srpske Novine" werden deshalb nun die heimischen Reserven angezapft, die das Land für bis zu 90 Tage versorgen könnten. Serbien ist auch durch die ausbleibenden Lieferungen aus Russland, das ein Exportverbot von Treibstoff verhängt hat, empfindlich betroffen. Zugleich bereitet sich das Land dem Portal zufolge auf einen Totalstopp der Schifffahrt auf der Donau vor. Auch andere osteuropäische Portale berichten, dass in dieser Woche der Handel auf dem Fluss vollständig zum Erliegen kommen könnte. EU könnte Krisensitzung einberufen Auch in Bulgarien ist ein Krisenstab einberufen worden, der die Lage in Osteuropa kontinuierlich bewertet. Nach Angaben der bulgarischen Nachrichtenagentur BTA muss bisher keines der beiden Atomkraftwerke im Land seine Leistung drosseln oder abschalten. Anders als in den Nachbarländern seien die AKW für die Kühlung der Reaktoren nicht auf die Donau angewiesen, sondern könnten auf eigene Wasserspeicher ausweichen. Dennoch werde die Lage genau beobachtet. Loading... Loading... Loading... Auch wenn es hierzulande keine Sorge um die Energieversorgung gibt, können sich Engpässe bei längerer Dauer in den Börsenstrompreisen niederschlagen. Die Strompreise in den osteuropäischen Ländern und in Italien sind aktuell die höchsten auf dem Kontinent. Und die Abschaltung der Kernkraftwerke aufgrund von Dürre dürfte auch Frankreich nervös machen: Dort mussten bisher die Atomkraftwerke ebenfalls aufgrund von anhaltender Hitze gedrosselt werden – aber nicht, weil es an Wasser fehlt, sondern weil die Flüsse zu warm werden. Denkbar wäre aber auch das andere Szenario, sollten Flüsse wie die Garonne oder die Rhône austrocknen. Die Europäische Kommission hat derweil signalisiert, dass sie ihre Stromkoordinierungsgruppe aktivieren könnte, sollte sich die Lage in Ungarn und Rumänien weiter verschärfen. Beamte in Brüssel sagten "Euronews", dass sie die Lage genau beobachteten und jederzeit einspringen könnten, um etwa Energielieferungen zu koordinieren. Zuletzt hatte sich die Gruppe in der Energiekrise 2022 und 2023 zusammengeschaltet.