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Energiesicherheit in Gefahr: Der Sommer wird zum Belastungstest für die deutsche Energieversorgung

Technologie

Deutschland erlebt derzeit einen der heißesten Sommer seiner Messgeschichte, der ein scheinbares Paradox der Energiewende offenbart. In einer Welt, in der die Sonne als Versprechen für nahezu kostenlose Energie und wirksamen Klimaschutz gilt, gefährden ausgerechnet zu viel Sonne und Hitze die Energiesicherheit. Hitzewellen wie in diesem Sommer treiben den Strombedarf nach oben, während sie die Erzeugung ausbremsen. Klimaanlagen laufen auf Hochtouren, während Flüsse zu wenig Wasser führen, um Kraftwerke zu kühlen oder Turbinen anzutreiben, Windräder in der bewegungsarmen Hitzeluft stillstehen und Solarmodule zwar hitzebedingt an Effizienz verlieren, aber gleichzeitig die Hauptlast des Kühlbedarfs fast alleine tragen müssen. Der Sommer wird zu einem strukturellen Belastungstest für die europäische Energieversorgung. Nach übereinstimmenden Befunden der Klimaforschung treten Trockenheit und Hitzewellen in Europa infolge des Klimawandels häufiger, länger und intensiver auf. Dieses Phänomen dürfte sich in den nächsten Jahrzehnten regelmäßig wiederholen und wird damit auch zu einem Problem für Deutschland, das sich bislang eher als Zuschauer, denn als Betroffener der europäischen Hitze- und Wasserproblematik verstanden hat. Trockenheit erhöht Versorgungsengpässe In der Hitze sinken die Wasserpegel vieler Flüsse in Europa. Wasser ist aus drei Gründen eine Betriebsbedingung großer Teile der europäischen Energieinfrastruktur. Niedrigwasser in den "Lebensadern Europas", wie derzeit an Rhein und Donau, trifft deshalb oft gleich mehrere Länder zugleich. Wasser erzeugt Strom: Wenn weniger Wasser durch die Turbinen von Wasserkraftwerken fließt, sinkt unmittelbar ihre Produktion. In Europa spielt Wasserkraft vor allem in gebirgigen und niederschlagsreichen Ländern eine tragende Rolle. Besonders betroffen sind Österreich, die Schweiz und die Länder auf dem Balkan, aber auch Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland spielt Wasserkraft für die Gesamtversorgung nur eine untergeordnete Rolle, doch regional in Bayern und Baden-Württemberg stellt sie einen deutlich größeren Teil der Stromerzeugung. Wasser kühlt Kraftwerke: Während sich die meisten Debatten über Kernenergie um Brennstoffe, Reaktorsicherheit und Endlagerung drehen, sind Kernkraftwerke auch von ausreichender Wasserverfügbarkeit abhängig. Ein großes Kernkraftwerk entnimmt häufig mehrere zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde. In Ungarn musste entlang der Donau erst kürzlich das Kernkraftwerk Paks, das für knapp die Hälfte der Stromversorgung des Landes zuständig ist, weitgehend heruntergefahren werden. In Rumänien wurden am AKW Cernavodă, das im Normalfall etwa ein Fünftel des Stroms des Landes liefert, nacheinander beide Reaktoren abgeschaltet. Auch Frankreich und die Schweiz kämpfen damit, ihre Kernkraftwerke wie gewohnt zu kühlen. Doch nicht nur die Kernkraft ist betroffen: Auch Kohle-, Gas-, Biomasse- und solarthermische Kraftwerke benötigen Kühlwasser, um die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme abzuführen, und auch Raffinerien und Chemiebetriebe sind auf Prozess- und Kühlwasser angewiesen. Wasser transportiert Energieprodukte und Rohstoffe: Selbst dort, wo Wasser nicht für Produktionsprozesse benötigt wird, bleibt es als Transportmedium wichtig. Ein Fluss wie die Donau verbindet auf ihrem Weg von Mittel- bis Südosteuropa zehn Länder und ist eine zentrale Versorgungsader für die Verschiffung von Mineralölprodukten, chemischen Vorprodukten und Industriemetallen. Niedrigwasser wird damit zu einem Problem für ganze Ketten verbundener Volkswirtschaften. Deutschland kennt dieses Muster vom Rhein, seiner wichtigsten Wasserstraße, auf der jährlich rund 250 Millionen Tonnen Güter befördert werden, darunter große Mengen Chemikalien, Kohle, Erz und Stahl. Bei Kaub südlich von Koblenz erreichte der Rheinpegel in diesem Sommer den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Frachtschiffe können dadurch nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung aufnehmen. Rohstoffe, Vorprodukte und Energieträger wie Benzin, Diesel und Kerosin gelangen nur langsamer und teurer an ihre Bestimmungsorte. Das könnte sich am Ende auch an der Zapfsäule bemerkbar machen. Hitzewellen erhöhen den Strombedarf und schränken Erzeugung ein Je höher die Außentemperaturen, desto stärker müssen Innenräume gekühlt werden. Die Kühlung von Nahrungsmitteln, Rechenzentren, aber auch Kliniken wird an Hitzetagen energieintensiver. Die mittägliche Spitzenlast fällt dabei glücklicherweise mit dem Ertragsmaximum der Solaranlagen zusammen, doch heutige Photovoltaikmodule verlieren bei Extremhitze an Wirkungsgrad. Und auch der zweite Arm der erneuerbaren Energien hat mit Produktionseinschränkungen zu kämpfen: Heiße Luftmassen bedeuten häufig Flaute für die Windkraft. Wenn Sonne und Wind weniger liefern, müssen Gaskraftwerke als Reserve einspringen, was zu teilweise höheren Preisen an den Strombörsen führt. Perspektivisch ist die Hitze auch eine Belastung für das deutsche Stromnetz, wenn es vermehrt zu Bränden entlang der Infrastruktur kommt und die Netzstabilität gefährdet wird. Erzeugungsausfälle im Ausland wirken über die Strom- und Gasmärkte auch auf die deutsche Versorgungssicherheit. Das europäische Stromnetz ist eng verflochten: Deutschland nutzt den Stromhandel mit Nachbarländern wie Frankreich oder den Alpenstaaten, um Angebot und Nachfrage flexibel auszugleichen. Das europäische Stromnetz funktioniert als Puffer, solange sich Erzeugungsausfälle in den beteiligten Ländern nicht zu stark gleichzeitig häufen. Doch genau das ist bei großräumigen Hitzewellen die Gefahr - wie die parallelen Kraftwerkausfälle in Teilen Osteuropas in diesem Sommer zeigen. Wenn mehrere Nachbarländer zeitgleich unter Erzeugungsausfällen leiden, schrumpft das grenzüberschreitende Marktangebot. Ähnliches gilt für Gas: Die Speicherfüllstände in Deutschland sind vor dem Winter vergleichsweise niedrig, während die geopolitische Versorgungslage angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten angespannt bleibt. Was folgt daraus? Wir brauchen mehr Hitzeresilienz Kraftwerke, Stromnetze und Wasserstraßen sollten künftig nicht mehr allein anhand vergangener, sondern anhand erwarteter Klimabedingungen geplant und ausgelegt werden. Dazu gehören eine hitzefestere Auslegung von Stromnetzkomponenten sowie klimaresistentere Kühltechnologien für thermische Kraftwerke. Auch Behörden und Unternehmen entlang wasserabhängiger Lieferketten wären gut beraten, Hitze- und Niedrigwasserszenarien fest in ihre Risikoplanung aufzunehmen. Der Wassermangel dieses Sommers kann also als Weckruf dienen, eine der unterschätzten Voraussetzungen der europäischen Energieversorgung nicht aus dem Blick zu verlieren: Wasser.

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