Energiewende: Marokko unterstützt Wüstenstrom-Projekt Sila Atlantik
Berlin, Düsseldorf. Für Deutschland ist es ein wichtiges Signal: In einem Schreiben der marokkanischen Energiewende-Ministerin Leila Benali an Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel heißt es, die Regierung begrüße das Wüstenstrom-Projekt „Sila Atlantik“. Es stehe „in perfekter Übereinstimmung mit der strategischen Vision“ Marokkos. Die Regierung sei bereit, die Entwicklung des Projekts in enger Abstimmung mit der Bundesregierung zu erörtern, betont Benali. Das Schreiben liegt dem Handelsblatt vor. Geplant ist der Bau von Windrädern und Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von insgesamt 15 Gigawatt (GW), die pro Jahr bis zu 26 Terawattstunden (TWh) Strom erzeugen können. 26 TWh entsprechen rund fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Ministerin Benali reagiert mit ihrem Brief auf ein Schreiben Wetzels vom Jahresbeginn, in dem der Staatssekretär um Unterstützung für das Projekt geworben hatte. Für die Initiatoren ist die positive Rückmeldung der marokkanischen Regierung von großer Bedeutung. Der Unternehmer Roman Dudenhausen, einer der Initiatoren, sagte dem Handelsblatt: „Damit hat Sila Atlantik einen weiteren Meilenstein erreicht. Die Unterstützung durch die marokkanische Regierung ist für uns essenziell.“ Zusätzlichen Schub erhält „Sila Atlantik“ durch die schwierige geopolitische Lage. Die Sperrung der Straße von Hormus hat den Europäern ihre Abhängigkeit von fossilen Energien erneut vor Augen geführt. Große Mengen an Strom aus Sonnen- und Windkraft könnten helfen, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Damit ließen sich in Industrie, Verkehr und Gebäuden leichter Produktionsverfahren auf regenerativ erzeugten Strom umstellen, die heute mit Öl, Gas oder Kohle betrieben werden. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums sagte, das Ministerium stehe dem Vorhaben „grundsätzlich offen gegenüber“. Man begrüße den weiteren Austausch mit der marokkanischen Regierung. Für Deutschland eröffne das Projekt die Perspektive, erneuerbaren Strom aus einer zusätzlichen Bezugsquelle zu importieren und damit einen Beitrag zur Energiesicherheit zu leisten. Sila Atlantik könne die deutsch-marokkanische Energiepartnerschaft qualitativ weiter vertiefen. „Erstmals würde ein großskaliges Infrastrukturprojekt die Energiesysteme beider Länder direkt miteinander verbinden und könnte damit einen Präzedenzfall für die bilaterale und europäische Energieintegration mit Marokko schaffen“, sagte der Sprecher weiter. Deutschland und Marokko verbindet seit 2012 eine Energiepartnerschaft. Solche Bündnisse hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren mit mehreren Staaten geschlossen. Sie sollen die Energiewende vorantreiben, Investitionen anreizen und Bezugsquellen diversifizieren. Die Bedingungen für eine Stromproduktion mit Windparks und Photovoltaikanlagen sind in Marokko deutlich besser als in Deutschland. Während Photovoltaikanlagen hierzulande im Schnitt etwa 1000 Volllaststunden pro Jahr erreichen, liegt der Wert in Marokko je nach Standort vier- bis fünfmal so hoch. Bei der Windenergie ist der Unterschied zwar geringer. Besonders in Küstennähe ist die Stromausbeute jedoch höher als in deutschen Onshore-Windparks. Eine höhere Auslastung der Anlagen senkt die Kosten pro Kilowattstunde. Die deutlich gleichmäßigere Stromerzeugung aus Wind- und Solarparks in Marokko bietet einen weiteren Vorteil: Sie senkt die Systemkosten in Deutschland. Teure Ausgleichsmechanismen wie Gaskraftwerke müssten dann seltener zum Einsatz kommen. Ende Juli hatte eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters Zweifel an der Unterstützung der marokkanischen Seite für „Sila Atlantik“ geweckt. Darin hieß es, Marokko bestehe darauf, dass die Kabelverbindung einen Stromfluss in beide Richtungen ermögliche. Das Konzept sei jedoch ausschließlich auf den Stromexport ausgerichtet. Eine entsprechende Änderung würde die Kosten in die Höhe treiben und die Rentabilität beeinträchtigen. Auf deutscher Seite erfährt Sila Atlantik nicht nur aus dem Bundeswirtschaftsministerium Unterstützung. Auch Außenminister Johann Wadephuhl (CDU) setzt sich für das Vorhaben ein. Dudenhausen gehörte der Wirtschaftsdelegation an, die den Außenminister Ende April auf dessen Besuch in Marokko begleitete. Sila Atlantik war Thema der Reise. Unterstützt wird das Projekt außerdem von namhaften Unternehmen der Energiewirtschaft. Dazu gehören Eon, Uniper und Octopus Energy. Octopus Energy ist der größte Stromversorger Großbritanniens und seit Jahren auch auf dem deutschen Markt aktiv. Die Kosten für das Projekt lägen insgesamt zwischen 30 und 40 Milliarden Euro. Für die Entwicklung braucht es im ersten Schritt aber zunächst 250 bis 300 Millionen Euro. Das Geld will Sila Atlantik in mehreren Finanzierungsrunden ab dem nächsten Jahr einsammeln. Die Risiken sind nicht unerheblich. Hinter dem Sila-Investor XLinks steht ein eigenes Projekt: eine Stromverbindung zwischen Marokko und Großbritannien. Dafür hat XLinks jedoch, anders als erhofft, keine finanzielle Absicherung durch die britische Regierung erhalten. Ohne staatliche Rückendeckung dürfte es schwierig werden, Banken und Investoren von dem milliardenschweren Vorhaben zu überzeugen. Von entscheidender Bedeutung ist daher die politische Unterstützung. Die geltende Regulierung in der EU und in Deutschland enthält keine Regelungen für den Import von Strom aus erneuerbaren Quellen aus dem außereuropäischen Ausland und sieht insbesondere keine Fördermechanismen vor. So ist etwa das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das die Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen regelt, nicht anwendbar. Auch das Bundeswirtschaftsministerium weist auf dieses Problem hin: Für ein grenzüberschreitendes Stromhandelsprojekt dieser Größenordnung seien „noch verschiedene regulatorische und institutionelle Fragen“ zu klären, heißt es. Von zentraler Bedeutung sei „ein belastbarer zwischenstaatlicher Rahmen, der die politischen und regulatorischen Grundlagen für den langfristigen Stromhandel und den Betrieb einer grenzüberschreitenden Verbindung festlegt“. Den Initiatoren ist es bereits gelungen, ihr Vorhaben grundsätzlich in die europäische Planung einzubringen. Entso-E, der Zusammenschluss der europäischen Stromübertragungsnetzbetreiber, hat die beiden Kabelstränge in die Liste künftiger Vorhaben aufgenommen: Das Projekt findet sich im sogenannten „Ten-Year Network Development Plan (TYNDP)“ von Entso-E wieder. Auch die EU-Kommission ist auf das Projekt aufmerksam geworden. Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass es den Status eines „Project of Mutual Interest (PMI)“ bekommt. Sila Atlantik strebt diesen Status an, eine neue Bewerbungsrunde beginnt in Kürze. PMI-Projekte profitieren von einem vereinfachten und verkürzten Planungs- und Genehmigungsprozess. Der PMI-Status könnte hilfreich sein, wenn es darum geht, die Genehmigungen für die Verlegung der Kabel in den Hoheitsgewässern mehrerer EU-Staaten zu erlangen. Der Strom soll über ein aus zwei Strängen bestehendes Unterseekabel zu zwei Einspeisepunkten in Deutschland geleitet werden. Die beiden jeweils 1,8 Gigawatt leistungsfähigen Stränge müssten nach den Plänen der Initiatoren 4800 Kilometer lang sein. Es wäre das längste Stromkabel der Welt. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Projekte, die wie „Sila Atlantik“ interkontinentale Stromverbindungen zum Ziel haben. In keinem Fall wurde bisher mit dem Bau begonnen. „Nato-L“, das Kanada und Europa verbinden soll, gibt es bereits seit 14 Jahren auf dem Papier. Die Anbindung der „Sila Atlantik“-Leitung an das deutsche Stromnetz ist allerdings mehr als eine bloße Idee. Einer der beiden Kabelstränge, die von Marokko nach Deutschland führen sollen, soll im niedersächsischen Emden an der Nordseeküste an das Netz des Übertragungsnetzbetreibers Tennet angeschlossen werden. Der zweite Strang könnte weiter südlich an das Netz des Übertragungsnetzbetreibers Amprion angebunden werden, etwa im nordrhein-westfälischen Sechtem südlich von Köln.