Englische Nationalmannschaft: Thomas Tuchels Wohlfühlphase ist vorbei
Englische Nationalmannschaft: Thomas Tuchels Wohlfühlphase ist vorbei - Topspiel-Debatte und WM-Drama erhöhen Druck
Von Alex Frieling
Eurosport bei Google
Thomas Tuchel führte England zum besten WM-Ergebnis seit 60 Jahren. Doch seit dem bitteren Halbfinal-Aus gegen Argentinien ist die Wohlfühlphase vorbei. Nach dem 2:3 gegen Welt- und Europameister Spanien reagiert der Deutsche auffallend genervt. Gleichzeitig flammt die Kritik an den Entscheidungen des Ex-Bayern-Trainers wieder auf, trotz einer Leistung, die durchaus Mut macht.
Thomas Tuchel hatte offenbar wenig Lust auf diese Statistik. Nach dem 2:3 der englischen Nationalmannschaft gegen Spanien wurde der frühere Three-Lions-Trainer auf eine wenig schmeichelhafte Bilanz angesprochen: Nur sechs der vergangenen 16 Duelle mit Mannschaften aus den Top Ten der FIFA-Weltrangliste hat England gewonnen.
Tuchel reagierte genervt. Bei der WM habe man schließlich "drei Top-10-Mannschaften besiegt", entgegnete der 53-Jährige: "Es ist interessant: Wenn wir gewinnen, fällt das niemandem auf. Wenn wir verlieren, kommen diese Statistiken auf." Außerdem sei er "nicht für all diese 16 Spiele verantwortlich" gewesen.
Tuchels Reaktion zeigt auch, wie sich die Stimmung um den deutschen Trainer verändert hat. Die Wohlfühlphase in England ist vorbei. Dabei gibt es sportlich gute Argumente für ihn.
Das 2:3 gegen Spanien war schließlich keine Blamage. England führte gegen den amtierenden Welt- und Europameister nach Treffern von Anthony Gordon und Harry Kane mit 2:1. Kurz nach der Pause hatte Kane per Elfmeter sogar das 3:1 auf dem Fuß, traf aber nur die Latte. Anschließend drehten Alex Baena und Mikel Oyarzabal die Partie.
Der Zauber ist verflogen: Deutschland im Mittelmaß gefangen
Tuchel in der Kritik trotz historischer WM-Leistung
Auch Tuchels bisher größtes Turnier mit den Three Lions war gemessen am Ergebnis ein Erfolg: England belegte im Sommer bei der WM 2026 Rang drei. Es war das zweitbeste WM-Ergebnis der Verbandsgeschichte und die beste Platzierung seit dem Titelgewinn vor genau 60 Jahren.
Und trotzdem markiert ausgerechnet diese WM einen Wendepunkt in der Wahrnehmung des Trainers. Im Halbfinale gegen Argentinien führte England 1:0. In der Schlussphase stellte Tuchel defensiver um, die Three Lions agierten mit einer Fünferkette und verloren noch 1:2.
Die Kritik prominenter Ex-Nationalspieler war massiv. "Die Entscheidungen, die Thomas Tuchel getroffen hat, haben uns heute Abend das Spiel gekostet", urteilte Wayne Rooney damals. Gerade für die Offensivspieler seien die defensiven Wechsel nach der Führung ein problematisches Signal gewesen.
Arsenal-Legende Ian Wright stellte ebenfalls Tuchels Entscheidungen infrage: "Für mich hat er Wechsel vorgenommen, die nicht offensiv, sondern defensiv waren." Gerade angesichts des Mutes, den Tuchel zuvor bei seiner Auswahl bewiesen habe, hinterfragte Wright, ob dessen Entscheidungen in diesem Spiel positiv gewesen seien.
Gary Lineker bezeichnete Tuchels taktische Entscheidungen als "erstaunlich" und "absolut unerklärlich". Mehr als zwei Monate später ist die Diskussion noch immer nicht beendet.
Lineker in Richtung Tuchel deutlich: "Kompletter Unsinn"
Vor dem Spanien-Spiel hatte Tuchel erklärt, die Fans würden ihn kaum noch auf seine Wechsel gegen Argentinien ansprechen. Lineker widersprach öffentlich und bezeichnete diese Darstellung als "völligen Unsinn".
"Absolut jeder hat damals darüber gesprochen und jeder hatte seine Fragezeichen bei seinen Wechseln", sagte Lineker. Grundsätzlich traut er Tuchel allerdings weiterhin zu, aus den Erfahrungen zu lernen. Bei der Heim-EM 2028 werde der Deutsche "einige Dinge etwas anders machen" und womöglich besser in der Lage sein, "das Beste aus England herauszuholen".
Gegen Spanien ließ sich Tuchel zumindest nicht vorwerfen, nach der Führung nur noch verteidigen zu wollen. England spielte phasenweise mutig und brachte die derzeit erfolgreichste Nationalmannschaft der Welt erheblich in Bedrängnis.
Doch diesmal rückte die Defensive in den Fokus. Der "Telegraph" kommentierte anschließend drastisch: "England findet seine DNA: defensiv unfähig." Und fragte: "Unterhaltsam, ja - aber wann bekommt Tuchel diese englische Abwehr in den Griff?"
Tuchel-Team im Fokus: Gordon lobt - Keane widerspricht
Wie unterschiedlich Englands tatsächliches Niveau bewertet wird, zeigte anschließend eine Diskussion zwischen Gordon und Roy Keane.
"Ich glaube nicht, dass es einen Abstand gibt. Ich habe das Gefühl, dass wir direkt dran sind", sagte Gordon bei "ITV" über Spanien. Mit Kanes verwandeltem Elfmeter hätte die Partie einen anderen Verlauf nehmen können. "Ich glaube, man hat heute Abend gesehen, dass wir ein Topteam sind."
Keane widersprach. "Ich bin anderer Meinung als Gordon. Ich glaube, es gibt einen Abstand", sagte der frühere Manchester-United-Kapitän und verwies auf Spaniens Status als Welt- und Europameister.
Doch genau darin liegt Tuchels neue Realität in England. Seit dem verlorenen WM-Halbfinale werden seine Entscheidungen genauer hinterfragt, Niederlagen gegen die internationalen Top-Teams grundsätzlicher diskutiert.
Aus dem Coach, der England so weit wie seit Jahrzehnten nicht mehr bei einer WM geführt hat, ist inzwischen ein Trainer geworden, der sich für die letzten Schritte bis ganz nach oben rechtfertigen muss.
Am Dienstag hat England in Prag die Chance auf Wiedergutmachung für die Spanien-Pleite. Im zweiten Spiel der Nations League heißt der Gegner Tschechien (20:45 Uhr im Liveticker).
Das könnte Dich auch interessieren: Alarmierende Aussagen von Schweinsteiger: "Sind nur Mittelmaß"
Diesen Artikel teilen