Er nannte es lange „Betrug“: Jetzt setzt Trump plötzlich wieder auf die Briefwahl
Zwei Wochen vor den US-Zwischenwahlen und mit schlechten Umfragewerten im Rücken, nimmt US-Präsident Donald Trump eine bemerkenswerte Kehrtwende vor.
Einst war die Ausweitung der Briefwahl in der Corona-Pandemie aus seiner Sicht noch angeblich der „größte Betrug in der Geschichte der Politik“. Dass Menschen vorzeitig zu Hause wählen können, hielt er für „vollkommen korrupt“. „Niemals“ könnten Wahlen per Brief ehrlich sein, schrieb Trump vor einem Jahr und kündigte an, das Konzept abschaffen zu wollen.
Bei den Vorwahlen in Florida, wo Trumps Wohnsitz gemeldet ist, nutzte er die Briefwahl selbst aber gerne. Und das, obwohl er sogar die Briefwahlunterlagen selbst „von Natur aus korrupt“ nannte. Als der Oberste Gerichtshof der USA im September Trumps Pläne einer weitreichenden Einschränkung der Briefwahl stoppte, sprach der Präsident von einem „landeszerstörenden Betrug“.
„Alle geeigneten Mittel“ müssten genutzt werden, sagt Trump nun
Doch die Gefahr, dass die Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses verlieren könnten, hat Trump offenbar von seiner Feindschaft zur Briefwahl abrücken lassen. Vielmehr ruft er republikanische Wähler im ganzen Land jetzt aktiv auf, per Brief zu wählen.
„Alle geeigneten Mittel“ müssten genutzt werden, um republikanische Kandidaten zu unterstützen, sagte Trump in einem Video. „Wenn in Ihrem Bundesstaat die Möglichkeit zur vorzeitigen Stimmabgabe besteht, warten Sie nicht. Gehen Sie wählen“.
Zu groß ist nun wohl doch die Befürchtung, dass Wähler, die eigentlich den Republikanern zuneigen, angesichts Trumps geringer und immer weiter sinkenden Beliebtheit im Land am Wahltag im Zweifel eher daheimbleiben, als sich in lange Schlangen vor Wahllokalen zu stellen.
„Trump suchte sich damals im Voraus eine Erklärung für seine drohende Niederlage“
Dass es Trump niemals wirklich um eine faktenbasierte Ablehnung der Briefwahl ging, beschrieb in diesem Jahr Chris Christie in einem Podcast. Der ehemalige Gouverneur von New Jersey hatte Trump im Wahlkampf 2020 etwa bei der Vorbereitung auf TV-Duelle geholfen und diese mit ihm geübt.
Niemand in seinem Stab habe damals zunächst verstanden, warum Trump so energisch gegen die Briefwahl wetterte. Viele seiner Wähler waren älter und fürchteten aufgrund der damals grassierenden Corona-Welle den Gang zur Wahlurne.
Doch dann sei Christie klar geworden: „Trump versuchte sich damals im Voraus eine Erklärung für seine drohende Niederlage zu überlegen. Das Argument sollte lauten: ‚Die Wahl wurde mir durch die Briefwahl gestohlen.‘“ Genau so kam es dann. Trump akzeptierte seine Wahlniederlage gegen Joe Biden offiziell nie, spricht bis heute von angeblichem Betrug – und versuchte die Wahl unter anderem mit dem Briefwahl-Argument anzufechten. Dies blieb erfolglos.