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„Er schert sich nicht um Soldatenleben“: Was ist dran an den Vorwürfen gegen den ukrainischen Oberbefehlshaber Syrskyj?

Welt

Glaubt man Dmytro Kosjatynskyj, zeigt der von ihm organisierte Protest Wirkung. In den vergangenen fünf Tagen sind Tausende in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw dem Aufruf des Veteranen gefolgt. Sie malten Pappschilder und skandierten „Fedorow“, den Namen des bisherigen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow, den Präsident Wolodymyr Selenskyj vergangene Woche abgesetzt hat. Die Demonstranten fordern, dass Fedorow wieder ins Amt zurückkehren soll – und an seiner Stelle Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj entlassen wird. „Ich glaube, der Präsident wird bald eine Entscheidung fällen. Unser Druck ist groß“, sagt Kosjatynskyj dem Tagesspiegel am Telefon. Tatsächlich hatte Selenskyj am Wochenende Gespräche mit Topmilitärs geführt. Medien berichten, der Staatschef erwäge, den Mann an der Spitze der Armee auszutauschen. Als Grund für die Absetzung von Fedorow nach nur einem halben Jahr im Amt gilt ein offener Konflikt zwischen ihm und Syrskyj. Dabei hatte Fedorow Erfolge vorzuweisen: Er setzte im großen Stil auf die Beschaffung von Drohnen und ebnete damit den Weg für die Angriffe auf das russische Hinterland. Fedorow ist technikaffin und geschätzt bei westlichen Partnern – sogar den US-Amerikanern. Zudem galt er als glaubwürdiger Kämpfer gegen Korruption in der Rüstungsbranche. Syrskyj, der sich bei der Schlacht um Kyjiw zu Beginn der russischen Vollinvasion 2022 einen Namen als brillanter Taktiker gemacht hatte, ist dagegen inzwischen bei großen Teilen der Zivilbevölkerung und vielen Soldaten in Ungnade gefallen. Veteran und Aktivist Kosjatynskyj äußert seine Kritik an Syrskyj mit ruhiger, aber nachdrücklicher Stimme. Er hat sie in den vergangenen Tagen häufig vorgetragen: „Syrskyj führt das Kommando nach altmodischer, sowjetischer Art, er unterdrückt die Stimmen seiner Soldaten und schert sich nicht um ihr Leben. Außerdem hat er Fedorows Reformen blockiert.“ Vielen gilt Syrskyj als das komplette Gegenteil Fedorows: anachronistisch und skrupellos. Fedorow warf dem Oberbefehlshaber etwa vor, dieser verstehe nicht, dass „der Feind asymmetrisch mit möglichst wenigen Verlusten“ bekämpft werden müsse. Doch was ist dran an der Kritik am Oberbefehlshaber Syrskyj? Syrskyj hat den Ruf, die Kommandeure unter ihm zu „mikroamangen“, also ihre Entscheidungen bis ins Detail zu kontrollieren. Wenn seine Kritiker sagen, er sei „altmodisch“ oder „sowjetisch geprägt“, meinen sie unter anderem das. Der österreichische Militärexperte Gustav Gressel drückt es so aus: „Syrskyj traut seinen Kommandeuren wenig zu und gibt bis in den Schützengraben und zur Baumlinie genaue Anweisungen, was sie machen sollen.“ Das frustriere besonders jüngere Offiziere, die meinen, die Lage vor Ort besser einschätzen zu können als Syrskyj aus Kyjiw. Soldaten, mit denen der Tagesspiegel sprechen konnte, bestätigen diesen Eindruck. Auch der ukrainische Militärexperte Mykola Bielieskov bestreitet das nicht – sieht das Problem aber weniger bei Syrskyj selbst: „Er mikromanagt nicht, weil ihm das so großen Spaß macht, sondern, weil im Mittelbau fähige, gut ausgebildete Kommandeure fehlen.“ Syrskyj sei daher oft gezwungen, kleinteilig in Operationen einzugreifen. Ursache des Problems sei die Personalkrise in der ukrainischen Armee: Spätestens im zweiten Kriegsjahr meldeten sich immer weniger Ukrainer freiwillig. Anfang dieses Jahres schätzte ein Analyst des britischen Thinktanks „Royal United Services Institute“, die Ukraine benötige 250.000 mehr Soldatinnen und Soldaten, um „den Krieg gegen Russland zu gewinnen“. Gerade wegen des Mangels an Soldatinnen und Soldaten muss sich Syrksyj immer wieder vorwerfen lassen, er riskiere deren Leben zu leichtfertig. Schon vor seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber im Februar 2024 nannten ihn Soldaten vielsagend den „Schlächter“. Den Ruf eingebracht hatte ihm die Schlacht von Bachmut im Jahr 2023, die als eine der tödlichsten des gesamten Krieges gilt. Damals kämpfte die von Söldner-Chef Jewgenij Prigoschin geführte Wagner-Gruppe für Russland. Die Ukraine verlor Schätzungen zufolge 30.000 Soldaten, Russland laut Berechnungen der Johns Hopkins University mindestens viermal mehr. Syrskyj, damals Befehlshaber des Heeres, soll an der Stadt festgehalten haben. Und das, obwohl „das Gelände hinter Bachmut deutlich bessere Verteidigungsmöglichkeiten geboten“ hätte, wie Militärexperte Gressel sagt. „Nachdem Bachmut gefallen war, hat die Ukraine Russland dort drei Jahre lang aufgehalten. Syrskyj hat in Bachmut also umsonst mehrere Brigaden durch den Fleischwolf gedreht.“ Auch aus dem ukrainischen Militär hört der Tagesspiegel, Syrskyj habe den Hang dazu, Positionen um jeden Preis halten zu wollen. Beispiele sind Awdijiwka, Pokrowsk – oder Kursk, russisches Gebiet, das die Ukraine im Sommer 2024 besetzte, als Faustpfand bei möglichen Verhandlungen. In Kursk verlor die Ukraine westlichen Schätzungen zufolge 12.000 Soldaten. Der ukrainische Militärexperte Bielieskov verweist jedoch darauf, dass das Festhalten an symbolisch wichtigen Städten vom Präsidenten entschieden werde. Bachmut wurde zum Sinnbild der russischen Skrupellosigkeit – und des ukrainischen Widerstands. Mehrfach betont Bielieskov, er wolle Sykrsyjs Fehler nicht rechtfertigen, finde allerdings das Narrativ vom technikaffinen Fedorow als Gegenpol zum altmodischen Syrskyj greife „viel zu kurz“. „Die Natur dieses Krieges ist eben verlustreich.“ Fedorow setze auf den großflächigen Einsatz von Drohnen und robotergestützten Waffen, um Soldatenleben zu schonen. Syrskyj hingegen neige dazu, „neue Verbände aufzustellen, obwohl es an Personal und Ausrüstung fehlt“, analysiert Militärexperte Gressel. Erst Anfang Juli verkündete Syrskyj die Aufstellung neuer Brigaden, um die Verteidigung im Norden zu stärken, falls eine neue Offensive aus Belarus drohe. Außerdem, das bemängelt auch Demo-Organisator Kosjatynskyj, würde Syrskyj Sturmeinheiten, die ihm persönlich unterstehen, mit Mobilisierten, Drohnen und Ausrüstung versorgen – während andere Korps weniger erhalten würden. „So sicherte er seine Macht und konnte die Kampfverbände weiter kontrollieren“, sagt Gressel. Der Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj wirft eine Grundsatzfrage auf: Wie soll das Verhältnis zwischen Politik und Militär aussehen? Schon der deutsche Kriegsphilosoph Carl von Clausewitz bezeichnete Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Soziologie-Koryphäe Max Weber begriff das Militär als Teil der staatlichen Bürokratie, die politische Entscheidungen ausführt. In Demokratien erteilen Politiker:innen der Armee Aufgaben und entscheiden über Budgets – mischen sich aber nicht in taktische Fragen ein. „Die Militärs in der Ukraine mögen diese demokratische Kontrolle nicht. Sie betrachten das Verteidigungsministerium als ihre Beschaffungsbehörde“, sagt Bielieskov. Syrskyj äußerte sich am Montag seit den Protesten erstmals öffentlich. Er habe von keinem Konflikt gewusst, zwischen Militär und Ministerium gehe es manchmal eben hart zur Sache, sagte er – und richtete sich an Fedorow: „Falls ich jemanden in irgendeiner Weise gekränkt habe: Mychajlo Albertowitsch, bitte entschuldigen Sie!“ Doch Syrskyjs Worte ändern nichts daran: Aktivist Dmytro Kosjatynskyj wünscht sich eine demokratischere Kultur in der ukrainischen Armee. Sein Lösungsvorschlag: Fedorow muss bleiben, Syrskyj gehen. Er gibt dem Präsidenten bis Freitag Zeit, sich zu entscheiden. „Wenn wir bis dahin keine Neuigkeiten hören, protestieren wir weiter – auf unbestimmte Zeit.“

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