Er war sogar zur Hochzeit eingeladen: Berliner Linken
Angesichts der Diskussionen um seine Kontakte zum Remmo-Clan zieht sich der Berliner Linken-Politiker Ferat Koçak aus dem Innenausschuss des Bundestags zurück. Das teilte er am Mittwochnachmittag bei X mit.
„Ich habe einen Fehler gemacht“, schrieb Koçak. „Im Umgang mit meinem Kontakt zur Familie Remmo bin ich meinem Selbstverständnis nicht gerecht geworden.“ Er sei „naiv“ und „überfordert“ gewesen. „Dafür übernehme ich Verantwortung.“ Allerdings habe er den Remmos „weder Vorteile gewährt noch von ihnen Vorteile erhalten“. Was am Mittwoch jedoch auch bekannt wurde: Schon im Februar nahm Koçak ein Handy von Clan-Oberhaupt Issa Rammo entgegen – als Spende für Jugendliche von der Antifa, wie er es selbst darstellte.
Koçak gestand ein, dass er seinem „Anspruch an einen Abgeordneten im Innenausschuss nicht gerecht“ geworden sei. „Mir ist wichtig, dass die Linke ihre Arbeit im Innenausschuss des Deutschen Bundestages unbelastet von der Debatte um meine Person fortsetzen kann“, schrieb Koçak weiter. „Deshalb gebe ich meinen Sitz im Innenausschuss ab.“
Foto mit Terrorunterstützer und ein Chat
Der 47-Jährige, der bei der Bundestagswahl 2025 in Neukölln erstmals ein Direktmandat für die Linke außerhalb des Gebietes der ehemaligen DDR errungen hatte, war in der vergangenen Woche nach der Berlin-Wahl in die Kritik geraten. Koçak war bei der Wahlparty der Neuköllner Linken mit einem führenden Unterstützer der Terrororganisation „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) in Deutschland, Ibrahim Ibrahim, zu sehen. Zu einem entsprechenden Foto sagte der Linken-Abgeordnete nun der „Zeit“, er habe Ibrahim in dem Moment nicht erkannt. Dieser war zuvor auch schon neben Koçak bei Veranstaltungen, unter anderem der Neuköllner Linken, aufgetreten.
Außerdem wurden Kontakte mit der Clan-Größe Issa Rammo und dessen Sohn Firas Rammo bekannt. Letzterer hatte noch in der Wahlnacht einen Chat-Verlauf mit Koçak veröffentlicht. Daraufhin mehrten sich Zweifel an der Regierungsfähigkeit seiner Partei. Der Neuköllner kündigte daher an, seine Funktionen im Bundestag zunächst ruhen zu lassen. Am Mittwoch vergangener Woche debattierte der Bundestag in seiner Abwesenheit über die Clan-Kontakte des Linken-Abgeordneten, der sich in der Vergangenheit unter anderem dafür starkgemacht hatte, den Begriff Clankriminalität nicht mehr zu verwenden.
Firas Rammo spendete Handy für Antifa-Jugendliche
Kurz vor Koçaks Stellungnahme bei X hatte die „Zeit“ am Mittwoch einen Artikel veröffentlicht, in dem sie den Chat-Verlauf zwischen Koçak und Firas Rammo ausführlich darstellte – so wie Koçak ihn dem Medium vorgelegt und gerechtfertigt hatte. Die „Zeit“ betonte dabei, dass sie nicht überprüfen konnte, ob die Unterhaltung vollständig wiedergegeben wurde.
Dem Bericht zufolge erklärte Koçak, der Kontakt zu Firas Rammo sei entstanden, nachdem er bei Instagram Anfang 2026 einen Aufruf geteilt habe, Handys für Antifa-Jugendliche zu spenden. Deren eigene Handys seien ihnen zuvor von der Polizei abgenommen worden.
Rammo habe daraufhin ein Smartphone angeboten. „Bruder, egal was du brauchst, egal was ich für dich tun kann, lass mich wissen“, habe er Koçak geschrieben. Und: „Mein Vater grüßt dich herzlich und freut sich auch, dich zu sehen.“ Koçak antwortete unter anderem: „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater.“ Im Gespräch mit der „Zeit“ beteuerte er, Firas Rammo nicht gekannt zu haben. „Blöd von mir, dass ich nicht geguckt habe, wer das ist.“
Ferat Koçak und Issa Rammo: Ein Lob im Büro
Die Handy-Spende habe Koçak am Nachmittag des 6. Februar im Büro der Familie Rammo abholen wollen. Der „Zeit“ zufolge habe er den Ablauf folgendermaßen geschildert: Issa Rammo habe dort gesessen, dieser sei ihm aus den Medien bekannt gewesen. Erst dann sei ihm klar geworden, mit wem er zuvor gechattet habe. Koçak habe die Begegnung als „überfordernde Situation“ beschrieben.
Nach seiner Erzählung habe Issa Rammo ihn für seine Arbeit gelobt. Auch die Rammos hätten wie Koçaks Familie kurdische Wurzeln. Koçak habe seinen eigenen Angaben zufolge daraufhin geantwortet, er müsse eigentlich gehen, da er zum Thema Clankriminalität arbeite und sich unglaubwürdig mache. Seine Familie sei gar nicht kriminell, habe Issa Rammo ihm entgegnet. Nach zehn bis 15 Minuten will Koçak das Gespräch „respektvoll“ beendet haben und mit dem gespendeten Handy wieder gegangen sein.
Obwohl er bei der Begegnung im Büro auf Distanz zu Issa Rammo gegangen sein will, bleibt Koçak in der Folge mit dessen Sohn in Kontakt. Zwei Wochen später schickt er Firas Rammo ein Video einer Rede im Bundestag, in der er Clankriminalität als „politischen Kampfbegriff“ verurteilt. Dazu schreibt er: „Bruder hilf mir mal (...) sagt allen euren Leuten, die sollen das teilen“. In der „Zeit“ rechtfertigt er sich mit dem Hinweis, das Video an alle passenden Menschen in seiner Kontaktliste bei Instagram geschickt zu haben, darunter auch Firas Rammo. „Das war vielleicht ein Fehler.“
Im April lädt Firas Rammo Koçak dem Bericht zufolge über WhatsApp zur Hochzeit einer seiner Brüder ein, „im Namen meines Vaters“. Koçak sagt per Sprachnachricht ab, allerdings nicht ohne gute Wünsche: „Ich küsse Dein Herz, Bruder. Grüße an die Familie.“ In der „Zeit“ rechtfertigt er seine Wortwahl mit Umgangsformen in der migrantischen Community: Die Einladung sei eine „Ehre“, eine konfrontative Antwort wäre „respektlos“ gewesen.
Den nächsten dokumentierten Kontakt zwischen Koçak und dem Rammo-Sohn gibt es am Wahlabend: Viermal versucht Firas Rammo vergeblich, den Abgeordneten per Videoanruf zu erreichen, heißt es in dem Bericht. Am Montag dieser Woche wird eine „Zeit“-Fotografin selbst Zeugin eines weiteren Anrufs: Bei einem Fototermin vor einem Neuköllner Supermarkt sei ein Mann auf Koçak zugekommen und habe ihm ein Handy vors Gesicht gehalten – Firas Rammo wolle ihn sprechen. Dieser sei kurz zuvor von der „Zeit“ um eine Stellungnahme zu Koçaks Darstellungen gebeten worden. Nun habe er selbst Koçak damit konfrontiert.
Der Linken-Politiker zieht sich zwar aus dem Innenausschuss zurück und will nach eigenen Angaben nicht mehr zum Thema Clankriminalität arbeiten. Sein Bundestagsmandat aber will er behalten. „Meine Arbeit für eine solidarische und sichere Gesellschaft werde ich konsequent fortsetzen“, schreibt er bei X. Teile der Debatte über ihn in der jüngsten Zeit seien jedoch „verletzend, diskriminierend und von Unterstellungen geprägt“ gewesen, beklagt er.