Erdbeben in Kolumbien: Hilfe aus Mexiko nicht willkommen
Abelardo de la Espriella hatte sich den Beginn seiner Präsidentschaft wohl anders vorgestellt. Bei seiner Vereidigung vor einer Woche hatte Kolumbiens neuer Präsident den bewaffneten Gruppen und dem Haushaltsdefizit den Kampf angesagt. Nur 72 Stunden später wurde sein Land von einem Erdbeben der Stärke 7,4 erschüttert. Für den rechtsgerichteten De la Espriella, der seinen Wahlkampf auf „entschlossene Führung“ und eine „eiserne Faust gegen das Verbrechen“ aufgebaut hatte, ist die Naturkatastrophe ein erster großer Test. Statt gegen Guerillagruppen und Drogenkartelle vorzugehen, muss sich der politische Neuling nun als Krisenmanager beweisen. De la Espriella, ein ehemaliger Strafverteidiger ohne Erfahrung in einem Regierungsamt, reagierte schnell. Bereits eine Stunde nach dem Beben richtete er einen Krisenstab ein und rief den Notstand aus. Doch die Katastrophe trifft ausgerechnet Regionen wie den Chocó, die seit Jahrzehnten unter staatlicher Vernachlässigung, extremer Armut und bewaffneten Konflikten leiden. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Der neue Präsident versprach, der Chocó werde nie wieder das „Land der Vergessenen“ sein. Viele Gemeinden sind aber nur über Flüsse erreichbar, Straßen wurden zerstört, die Kommunikation ist vielerorts zusammengebrochen. Hinzu kommt, dass sich die neue Regierung noch mitten im Übergang befindet. Viele Behörden werden weiterhin von Übergangsleitungen aus der Zeit seines Vorgängers Gustavo Petro geführt. Petro selbst hat De la Espriellas Wahlsieg bis heute nicht anerkannt. Bogotá fragte nur die USA, El Salvador, Ecuador und Israel Trotz dieser politischen Polarisierung funktionieren die staatlichen Strukturen in der Katastrophe bislang weitgehend unabhängig. Das unterscheidet Kolumbien vom benachbarten Venezuela, das im Juni von ähnlichen Beben betroffen war. Während dort Informationen über Schäden und Opfer tagelang zurückgehalten wurden und die Regierung von Delcy Rodríguez erst nach Stunden reagierte, lieferten kolumbianische Behörden, Feuerwehren und Katastrophenschützer rasch erste Berichte und koordinierten den Einsatz von schwerem Gerät. Anders als Venezuela legt Kolumbien aber bei der internationalen Hilfe offenbar politische Kriterien an. Während Caracas im Juni auch Rettungsmannschaften aus politisch rivalisierenden Staaten ins Land ließ, ging Kolumbiens neue Regierung deutlich selektiver vor. Bogotá entschied zunächst, lediglich Rettungsteams aus den USA, El Salvador, Ecuador und Israel offiziell anzufordern. Die Regierung begründete die Auswahl damit, dass nur diese Länder über die notwendigen nationalen und internationalen Zertifizierungen für die anspruchsvollen Bergungsarbeiten verfügten. Doch daran gab es Zweifel. Die Politologin Sandra Borda verwies darauf, dass weit mehr Länder über entsprechende UN-zertifizierte Einheiten verfügen. Die Auswahl zeuge daher eher von einem „tiefen Misstrauen gegenüber Teilen der internationalen Gemeinschaft“, schrieb sie auf der Plattform X. Zunächst hatte Bogotá sogar erklärt, zwar technisches Gerät, aber kein ausländisches Personal zu benötigen. Während zusätzliche professionelle Hilfe aus dem Ausland ausblieb, versuchten in mehreren Städten Freiwillige, Verschüttete mit bloßen Händen aus den Trümmern zu bergen. Auch die Koordination blieb undurchsichtig. Die Vereinten Nationen und die mexikanische Rettungsbrigade „Topos“ erklärten, keine offiziellen Hilfsersuchen erhalten zu haben. Der chinesische Botschafter beklagte öffentlich, nicht zu wissen, wer in Kolumbien überhaupt für die internationale Hilfe zuständig sei. Mexikanische Rettungsbrigade durfte nicht einreisen Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte zudem, Spezialisten des Verteidigungsministeriums und die „Topos“ hätten einsatzbereit auf den Abflug gewartet, von Bogotá aber keine Einreisegenehmigung erhalten. Mexiko durfte lediglich rund 20 Tonnen Hilfsgüter ins Katastrophengebiet liefern. Kolumbiens neuer Außenminister Omar Bula beteuerte dagegen, die Regierung handle ohne ideologische oder politische Erwägungen und richte sich allein nach spezifischen Bedürfnissen. Die Auswahl der Partner bei den Bergungsarbeiten passt zu der außenpolitischen Kehrtwende, die De la Espriella seit seinem Amtsantritt vollzieht. Sie markiert einen deutlichen Bruch mit der Ära seines linken Vorgängers Gustavo Petro. Unmittelbar nach De la Espriellas Amtsantritt verkündeten die USA und Kolumbien eine neue Sicherheitsallianz, die auch gemeinsame Militäroperationen auf kolumbianischem Boden vorsieht. Bogotá nahm zudem die von Petro abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Israel wieder auf. Kurz darauf erkannte Kolumbien als einziges Land neben den USA die israelische Souveränität über die Golanhöhen an. Gleichzeitig kappte Bogotá die Beziehungen zu Kuba und Nicaragua. Während der neue Präsident Kolumbiens außenpolitische Orientierung innerhalb weniger Tage vorschob, wird das Erdbeben seine wirtschaftlichen Pläne jedoch durcheinanderbringen. De la Espriella hatte im Wahlkampf drastische Haushaltskürzungen versprochen, um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren. Nun wird der Wiederaufbau zerstörter Straßen, Brücken, Schulen und Krankenhäuser erhebliche zusätzliche Ausgaben erfordern. Ob die Regierung ihre angekündigten Steuersenkungen und Sparmaßnahmen umsetzen kann, erscheint fraglich.