Erdwärmung: „Gefährlich weit“ von Klimazielen entfernt - Erde steuert laut UN auf 2,8 Grad Erwärmung zu
Audioplayer wird geladen
Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.
Anzeige
Die Erde steuert einem Bericht des UN-Umweltprogramms Unep zufolge mit der aktuellen weltweiten Klimapolitik bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,8 Grad Celsius Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit zu. Jeder Bruchteil eines Grades über 1,5 Grad erhöhe das Risiko für tödliche Fluten, Hitzewellen und Waldbrände, wie sie in diesem Jahr viele Länder erlebt hätten, sagte Unep-Direktorin Inger Andersen.
Die Weltgemeinschaft hatte sich 2015 bei der Pariser Klimakonferenz darauf verständigt, die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad zu begrenzen.
Anzeige
Mit der Prognose von 2,8 Grad hat sich der Pfad der Weltgemeinschaft seit dem vergangenen Jahr diesmal nicht verbessert. Geht man davon aus, dass alle Länder ihre angekündigten Klimaschutzmaßnahmen auch wirklich umsetzen, würde sich die Erde laut des nun veröffentlichten „Emissions Gap Report“ bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,6 Grad erwärmen. Dies ist sogar eine Verschlechterung gegenüber dem im letzten Jahr festgestellten Kurs – damals lag diese Prognose bei bis zu 2,5 Grad.
Lesen Sie auch
Weltplus ArtikelKlimapolitik
Dies liegt dem Bericht zufolge vor allem am Rückzug der USA, die sich unter Präsident Donald Trump vollständig von ihren bisherigen Klimaschutzplänen verabschiedet haben. Da die USA – nach China – der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen sind, spiegelten sich solche politischen Veränderungen direkt in weltweiten Schätzungen wider, erklären die Autoren. Zudem seien Daten zum bisherigen Ausstoß von Treibhausgasen nach oben korrigiert worden.
Anzeige
Im optimistischsten berechneten Szenario, in dem alle Länder ihre Klimapläne einhalten und ihre angestrebten Klimaneutralitätsziele erreichen, würde sich die Erde der UN-Berechnung zufolge bis zum Jahr 2100 um 2,1 Grad erwärmen, heißt es weiter.
Hoffnung auf nur kurze Überschreitung des 1,5-Grad-Ziels
Das liegt weit über den angestrebten 1,5 Grad. Dieses Ziel gilt zwar noch nicht offiziell als gerissen, da dafür die 1,5-Grad-Grenze langfristiger überschritten werden müsste. Doch die Welt befindet sich auf dem Weg dorthin: Der EU-Klimawandeldienst Copernicus sieht für die Jahre 2023 bis 2025 erstmals für einen Dreijahreszeitraum eine durchschnittliche Erwärmung von mehr als 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.
Lesen Sie auch
Experten gehen mittlerweile überwiegend davon aus, dass es nicht gehalten werden kann. Die letzte Hoffnung richtet sich daher nun darauf, das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke so kurz wie möglich zu halten – und die klimaschädlichen Emissionen so weit zu verringern, dass die Temperatur wieder absinkt.
Die internationale Gemeinschaft sei „gefährlich weit“ vom Erreichen ihrer Klimaziele entfernt, kritisierte UN-Generalsekretär António Guterres. Die gegenwärtigen nationalen Klimaschutzmaßnahmen seien völlig unzureichend und der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen sei weiter „auf Rekordstand“.
„Eine Überschreitung bedeutet keine Kapitulation“, sagte Guterres weiter. „Wir können sie immer noch so gering und so kurz wie möglich halten – und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad senken“, betonte er anlässlich des Berichts.
Emissionen müssten schnell sinken
Die weltweiten Treibhausgasemissionen müssten dem Bericht zufolge deutlich sinken, um zum Ende des Jahrhunderts wieder bei 1,5 Grad oder darunter zu landen – nämlich um 18 Prozent bis 2030, um 45 Prozent bis 2035 und um 69 Prozent bis zum Jahr 2040, alles verglichen mit dem Niveau von 2025.
Solch eine steile Abwärtskurve ist nicht absehbar: Selbst wenn die Länder all ihre geplanten Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, würden die Emissionen laut UN-Berechnung bis 2030 nur um bis zu 8 Prozent sinken – und bis 2035 um bis zu 15 Prozent.
Unep-Direktorin Andersen gibt sich mit Blick auf die Folgen einer zu starken Erderwärmung dennoch zuversichtlich: „Wir müssen alle Register ziehen, um den Höchstwert der Erwärmung so gering wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen. Das ist möglich.“
Es gebe mittlerweile etliche Erfolgsgeschichten, wie Emissionen schnell verringert werden könnten, führt Andersen an. Der Bericht verweist darauf, dass seit dem Pariser Klimaabkommen die erneuerbaren Energien etwa dreimal so schnell zugelegt hätten, wie dies damals erwartet worden sei. „Es liegt nun an den Staaten, dringend Maßnahmen zu ergreifen, die zu schnellen, tiefgreifenden und nachhaltigen Emissionssenkungen führen und die Welt auf den Weg zu einem stabileren Klima sowie stabileren Volkswirtschaften und Gesellschaften bringen“, so Andersen.
Im November trifft sich die Weltgemeinschaft im türkischen Antalya, um bei der Weltklimakonferenz darüber zu beraten, wie die Klimakrise in den Griff zu bekommen ist.
dpa/AFP/rct