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Erin Brockovich ist zurück - und kämpft gegen Trump und die Tech-Milliardäre

Wirtschaft

Wer in Sterling vor den Toren Washingtons Feierabend-Ruhe sucht, ist hier verkehrt. Am Glenn Drive steht der Vantage-Campus VA2 so nah an der schmucken Trailside-Siedlung, dass den Anwohnern der Kopf brummt, wenn sie an die riesigen blauen Kästen da draußen denken. Hinter hohen Zäunen arbeitet ein Datenrechenzentrum. Wegen Engpässen im Stromnetz nutzt es eigene Erdgasturbinen. Die stinken. Für die Anwohner ist die Energie-„Tankstelle“ für Künstliche Intelligenz (KI) kein Versprechen. Sondern ein Fluch, der den Preisverfall bei den Immobilienwerten beschleunigt. Vom hochfrequenten Dröhnen, das an Nerven und Bürgersinn frisst, ganz zu schweigen. Industrielle Generatoren, die in der KI-Industrie für die notwendige Kühlung sorgen, können bis zu 105 Dezibel erreichen – so viel wie ein Jet. „Ich bin geistig und körperlich ständig erschöpft“, sagt eine Anwohnerin, „der Lärm schüttelt dich rund um die Uhr bis ins Mark.“ Genau da setzt Erin Brockovich an – die bekannte Umweltaktivistin, der Hollywood durch Julia Roberts ein filmisches Denkmal gesetzt hat. Ihr berühmtester Fall: Hinkley/Kalifornien. Brockovich half, die Chrom-6-Verseuchung des Grundwassers durch den Energielieferanten PG&E offenzulegen. Der Vergleich von 1996, später erfolgreich verfilmt, brachte 333 Millionen Dollar für mehr als 600 Betroffene ein, die teilweise schwere Krebserkrankungen erlitten hatten. Die Mutter dreier Kinder, die dreimal verheiratet war, erhielt rund 2,5 Millionen Dollar Bonus. Nun hat Brockovich hat eine landesweite Internet-Karte gestartet, auf der Bürger Datencenter-Projekte, Beschwerden und Konflikte melden können. Ihr Schlüsselsatz lautet: „Wenn diese Rechenzentren so großartig sind, warum werden sie dann im Geheimen gebaut?“ Ihre Seite illustriert einen immer breiter werdenden Graben zwischen Bevölkerung auf der einen sowie Tech-Industrie und Regierung auf der anderen Seite. Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert Denn weit über 70 Prozent der Amerikaner wollen laut Umfragen lieber neben einem Atomkraftwerk wohnen als neben den hässlichen, gesichtslosen Kästen. Ob in Ballungsräumen wie Virginia oder in ländlichen Regionen von Wisconsin, Ohio, Louisiana, Mississippi oder Texas – überall formiert sich Protest. Landesweit sind mehr als 4300 Datenzentren in Betrieb Der von der Regierung in Washington forcierte KI-Boom wird nicht als d i e Zukunftschance schlechthin wahrgenommen. Sondern als von oben durchgesetzte Industriepolitik ohne Einverständnis. Wütende Hausbesitzer, Farmer, Rentner und Eltern gehen auf die Barrikaden. Ihre Grundangst: Big Tech kassiert Steuerprivilegien und pflastert die Gegend mit den Datenkolossen zu. Bei den Bürgern werden höhere Strompreise, Lärm, Landschaftsverbrauch und Wassermangel abgeladen. Gerade für die Partei von Präsident Donald Trump ist das heikel. Die Republikaner wollen auf Biegen und Brechen Amerikas kleiner werdenden KI-Vorsprung gegen China erhalten. Aber ihre ländlichen Stammwähler wollen keinen Server-Industriepark hinter einem Zaun. Auch interessant Bernie Sanders, der demokratisch-sozialistische Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat aus Vermont, trifft den Zeitgeist ziemlich genau, wenn er einen Baustopp fordert und Innehalten einklagt. Teilweise mit Erfolg. Laut Erin Brockovich sind allein im ersten Quartal dieses Jahres 20 Datencenter-Pläne im Volumen von über 40 Milliarden Dollar nach lokalen Widerständen aufgegeben worden. Im Netz sind etliche Videos zu finden, in denen Anwohner in Gemeinderatssitzungen den Verantwortlichen parteiübergreifend einheizen. Sie wollen den von Aposteln der Branche wie Sam Altman (OpenAI) gefeierten Fortschritt bei der Künstlichen Intelligenz entschleunigt sehen. Mehr als 4300 Datenzentren sind in den USA in Betrieb, 830 weitere werden gebaut. Das Pew-Research-Institut weiß von mindestens 700 weiteren Planungen. Dabei geht es um unvorstellbare Summen. Allein Amazon, Google, Meta, Microsoft, Oracle & Co., die Überflieger, lassen sich ihre Projekte bis zu 750 Milliarden Dollar kosten. Metas „Prometheus“-Rechenzentrum benötigt ein Gigawatt (GW) Strom – ungefähr die Menge, die zur Versorgung von einer Million Privathaushalten benötigt wird. Den Bürgern soll der Schrecken genommen werden Wie unterschiedlich die Bundesstaaten mit dem Konflikt umgehen, zeigen zwei Beispiele: Ohio – mittlerweile an vierter Stelle beim Bau und Betrieb von Rechenzentren – hat schon vor einem Jahr eine Vorschrift erlassen, die man als vertrauensbildende Maßnahme werten kann: Datenbetreiber müssen ab einer bestimmten Größe monatlich mindestens 85 Prozent der beantragten Stromkapazität bezahlen – auch wenn sie sie gar nicht abrufen. Anders ticken die Uhren in Utah. Das Stratos-Projekt von Kevin O’Leary, einem aus dem Fernsehen bekannten Milliardär und Dampfplauderer, in Box Elder County sollte ursprünglich auf bis zu 16.200 Hektar wachsen. Größer als Manhattan. Bei Dauerbetrieb, hat die „Salt Lake Tribune“ kalkuliert, würden dafür 79 Terawattstunden im Jahr notwendig – ungefähr der private Jahresstrom von 50 Millionen Menschen in Deutschland. Nach Protesten und einer Klage versprach O’Leary, das Vorhaben zu verkleinern. Nicht ohne zu behaupten, mit China verbundene Akteure schürten den Widerstand, um die Bevölkerung aufzuwiegeln. Beweise dafür lieferte er nicht. Trump-Wähler Kyle Schmidt nennt die Behauptung „systematisches Verunsichern für Anfänger“; bekannt als „Gaslighting“. Erin Brockovich hat den Widerstand gegen die Rechenzentren sichtbarer gemacht Viele Anwohner sind regelrecht verzweifelt. In Ashburn/Loudoun County, Virginia, da, wo rund 200 Datenfabriken für eine der größten Verdichtungen landesweit sorgen und die Steuersäckel mehrerer Kommunen füllen, wollen rund 150 Haushalte in der Siedlung „The Regency“ nur noch eins: weg. Der frühere Eigentümerverbands-Chef Mital Gandhi will die ganze Nachbarschaft an einen Entwickler verkaufen, für mehr als 500 Millionen Dollar. „Das ist das bestmögliche Szenario für unser Leben an diesem Punkt.“ Donald Trump steht damit mitten in seinem eigenen Widerspruch. Im Juli 2025 ordnete er an, Genehmigungen für KI-Datenzentren und Energie-Infrastruktur zu beschleunigen; es gehe um ein „goldenes Zeitalter“ technologischer Dominanz. Regulatorische Last – bitte nicht. Im vergangenen März dann der Versuch, den Bürgerzorn einzufangen: KI-Firmen müssten die vollen Kosten für Energie und Infrastruktur tragen und dürften sie nicht an Haushalte weiterreichen. Trump ahnt, dass Wahlkampfgift in der Sache steckt. Zumal: Die KI-Industrie bietet nur kurzfristig viele Baujobs, aber wenige dauerhafte Stellen. Erin Brockovich reitet auf dieser Welle. Sie hat den Widerstand gegen die Rechenzentren national sichtbarer gemacht. Als Chefin der Brockovich Research & Consulting sammelt die 66-jährige Kalifornierin als Beraterin für Kanzleien Tausende Beschwerden zu Wasser, Strom, Lärm und Intransparenz und liefert lokalen Initiativen Argumente gegen Schnellgenehmigungen. Von einem so großen Prozess-Erfolg wie zu Hinkley ist Brockovich heute noch meilenweit entfernt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

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