Erst Gemüse, dann Kohlenhydrate: Beeinflusst das den Blutzucker?
Wer vor Brot, Nudeln oder Reis erst Gemüse isst, scheint den Blutzuckeranstieg zunächst abzumildern. Eine Metaanalyse von 18 kontrollierten Studien zeigt niedrigere Werte nach 30 und 60 Minuten, doch nach zwei Stunden liegen sie wieder höher als bei den Vergleichsgruppen. Ob die Essensreihenfolge Menschen mit Typ-2-Diabetes langfristig hilft, bleibt wegen sehr unsicherer Evidenz offen.
Düsseldorf (Deutschland). Der Blutzucker steigt nach dem Essen, wenn der Körper Kohlenhydrate aus Brot, Reis oder Nudeln zu Glukose abbaut und ins Blut aufnimmt. Wie rasch die Werte steigen, hängt unter anderem von der Zusammensetzung einer Mahlzeit ab. In sozialen Medien wird deshalb häufig empfohlen, zunächst Gemüse und erst anschließend kohlenhydratreiche Lebensmittel zu verzehren.
Hinter diesem als Meal Sequencing bezeichneten Prinzip steht die Vermutung, dass Ballaststoffe aus Gemüse die Aufnahme von Glukose verzögern. Damit könnte sich die Blutzuckerspitze nach der Mahlzeit abflachen. Ob aus dem veränderten Verlauf auch ein längerfristiger gesundheitlicher Vorteil entsteht, war bislang jedoch nicht ausreichend geklärt.
Forscher des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) um Dr. Alexander Lang haben deshalb 18 randomisierte kontrollierte Studien systematisch ausgewertet. Die untersuchten Erwachsenen aßen Gemüse vor kohlenhydratreichen Lebensmitteln oder hielten eine andere Reihenfolge ein. Das Team verglich anschließend Blutzucker- und Insulinwerte sowie, soweit verfügbar, längerfristige Messgrößen der Blutzuckerkontrolle.
Zunächst niedriger, später höher
In der zusammengefassten Auswertung lag der Blutzucker in der Gemüse-zuerst-Gruppe nach 30 Minuten im Mittel um 1,21 Millimol pro Liter niedriger als in den Vergleichsgruppen. Nach 60 Minuten betrug der Unterschied noch 0,52 Millimol pro Liter. Auch die Insulinkonzentrationen waren zu diesen Zeitpunkten geringer.
Nach 120 Minuten kehrte sich das Bild jedoch um. Nun lagen die Blutzuckerwerte in der Gemüse-zuerst-Gruppe im Mittel um 0,24 Millimol pro Liter höher, und auch die Insulinkonzentration übertraf die der Vergleichsgruppen. Die Reihenfolge könnte demnach vor allem beeinflussen, wann die Stoffwechselreaktion auf die Mahlzeit auftritt.
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Reihenfolge der Lebensmittel die Stoffwechselreaktion auf eine Mahlzeit kurzfristig beeinflussen kann. Der Effekt zeigt sich allerdings nicht in einem dauerhaft niedrigeren Blutzuckerspiegel. Vielmehr kann sich der zeitliche Verlauf von Blutzucker- und Insulinspiegel verändern“, erklärt Katharina Kampmann-Gongoll vom Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ).
Langzeitwirkung bleibt ungeklärt
Ein möglicher längerfristiger Nutzen ließ sich aus der Auswertung nicht überzeugend ableiten. Zwar sank in einer einzelnen Studie mit Menschen mit Typ-2-Diabetes der Langzeitblutzuckerwert HbA1c in der Gemüse-zuerst-Gruppe über 24 Monate von durchschnittlich 8,3 auf 6,8 Prozent. Dieser Messwert spiegelt den Blutzucker über einen längeren Zeitraum wider.
Allerdings unterschieden sich bei dieser Untersuchung auch die verzehrten Gemüsemengen zwischen den Gruppen. Deshalb bleibt offen, ob die Veränderungen auf die Reihenfolge oder auf den höheren Gemüsekonsum zurückgingen. Hinweise auf einen günstigeren Nüchternblutzucker stammen ebenfalls nur aus einer einzelnen Studie und erlauben keine verlässliche allgemeine Schlussfolgerung.
Die Studienlage ist zu unsicher
Zehn der 18 einbezogenen Studien hatten nach der Qualitätsbewertung ein moderates und acht ein hohes Verzerrungsrisiko. Die Sicherheit der Evidenz für den kurzfristigen Verlauf von Blutzucker und Insulin stufen die Autoren deshalb insgesamt als sehr niedrig ein. Hinzu kommt, dass die Untersuchungen häufig klein waren und unterschiedliche Mahlzeiten verglichen.
„Die Studien hatten häufig wenige Teilnehmende und haben unterschiedliche Gemüsesorten in unterschiedlichen Reihenfolgen getestet. Zudem wurden die meisten Studien in Japan durchgeführt, häufig mit jungen, gesunden Personen. Da die Blutzuckerreaktion auf eine Mahlzeit zwischen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich verlaufen kann, lassen sich die Befunde nicht ohne Weiteres auf andere Personengruppen übertragen, etwa auf ältere Menschen oder Menschen mit Prädiabetes und Typ-2-Diabetes“, erklärt Dr. Alexander Lang.
Eine allgemeine Empfehlung, Gemüse grundsätzlich vor allen Kohlenhydraten zu essen, ergibt sich aus den bisherigen Daten daher nicht. Um die Bedeutung für Menschen mit Typ-2-Diabetes besser zu beurteilen, wären größere Studien mit vergleichbaren Messmethoden und unterschiedlicheren Teilnehmergruppen nötig. Bis dahin bleiben Lebensmittelqualität, Zusammensetzung der Mahlzeiten und eine zum Bedarf passende Kalorienzufuhr die besser abgesicherten Grundlagen der Ernährung.
Quellen:
Originalstudie im Fachmagazin Clinical Nutrition, doi: 10.1016/j.clnu.2026.106775
Offizielle Studienmitteilung von Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ)
8. Oktober 2026 - Kathrin Klatt
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