„Erste Anzeichen in der 5. Klasse“: Problem an deutschen Schulen verschärft sich
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„Erste Anzeichen in der 5. Klasse“: Problem an deutschen Schulen verschärft sich
Von: Sophia Sichtermann
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An deutschen Schulen wächst ein Problem, das Lehrkräfte und Bildungsministerien gleichermaßen alarmiert. Eine Lehrerin schildert, welche Warnsignale es gibt.
Hamburg – Die aktuellen Pisa-Ergebnisse zu den Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler fallen im internationalen Vergleich erneut ernüchternd aus. Alle drei Jahre werden die Kompetenzen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler verglichen. An der diesjährigen Studie haben rund 760.000 Jugendliche aus 91 Ländern teilgenommen. Seit 2015 gibt es in Deutschland jedes Mal eine Verschlechterung – so auch dieses Mal.
Bei jeder Studie werden die Jugendlichen in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet. In allen drei Bereichen schnitten Jugendliche in Deutschland so schlecht ab wie noch nie: In den Naturwissenschaften verfehlen 27 Prozent das Mindestniveau und auch die Lesekompetenz hat nachgelassen: 32 Prozent der getesteten Jugendlichen verfehlen das Mindestniveau, der OECD-Durchschnitt liegt bei 31 Prozent.
Schulabsentismus kann zu schlechteren Leistungen führen
Ein dabei oft übersehenes Problem: Schulabsentismus. Laut der letzten Pisa-Studie von 2022 schwänzte an nicht-gymnasialen Schulen im Schnitt jeder vierte Jugendliche (26 Prozent). Zudem zeigte die Studie: Wer schwänzt, erreicht 32 bis 44 PISA-Punkte weniger als Schülerinnen und Schüler, die nie fehlten – das entspricht rechnerisch einem Lernrückstand von 1,5 bis 2 Schuljahren. Auch die aktuelle Pisa-Studie zeigt: 14 Prozent der Schüler in Deutschland geben an, in den zwei Wochen vor der Erhebung mindestens einen ganzen Schultag geschwänzt zu haben. 16 Prozent berichten von mindestens einer geschwänzten Schulstunde, und 48 Prozent waren eigenen Angaben zufolge mindestens einmal zu spät zur Schule gekommen.
Eine Lehrerin, die an einer Gesamtschule in Schleswig-Holstein Kinder und Jugendliche von der 5. bis zur 10. Klasse unterrichtet, hat mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media über das Thema gesprochen. „Es gibt viele Ursachen, die meist mehrschichtig sind. Man unterscheidet grob zwischen entschuldigtem Fehlen, Schulvermeidung und Schulverweigerung“, erklärt sie. Als häufige Gründe nennt sie psychische Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen, Mobbing, Leistungsdruck, familiäre Probleme sowie den Einfluss von Mitschülerinnen und Mitschülern.
Erste Anzeichen ab der 5. Klasse: Diese Schüler sind besonders gefährdet
Die Lehrerin, die anonym bleiben möchte, benennt eine besonders kritische Lebensphase: „Erste Anzeichen zeigen sich oft ab der 5. bis 7. Klasse, also im Alter von zehn bis 13 Jahren. Besonders kritisch ist der Übergang auf die weiterführende Schule.“ In der Pubertät nehme der Schulabsentismus häufig zu, da Jugendliche unabhängiger werden und die elterliche Kontrolle nachlässt. Zudem gebe es Fälle, in denen Eltern das Fernbleiben ihrer Kinder billigen oder selbst dazu beitragen – etwa wenn sie nach einer Ferienreise nicht rechtzeitig zum Schulstart zurückkehren.
Besonders gefährdet seien Schülerinnen und Schüler mit ängstlich-depressiver oder zurückgezogener Persönlichkeit sowie solche mit Lernschwierigkeiten. Auch Kinder mit Migrationshintergrund, bei denen Sprach- oder Integrationsprobleme bestehen, sowie Jugendliche ohne klare Perspektive würden öfter unentschuldigt fehlen. Als Warnsignale nennt die Lehrerin häufige Kurzerkrankungen, vermehrtes Zuspätkommen, Angst am Morgen vor der Schule und einen Leistungsabfall. „Wenn Schule und Eltern rechtzeitig reagieren, lässt sich möglicherweise der Teufelskreis verhindern“, erklärt sie.
Lehrerpräsident fordert mehr Fachpersonal an Schulen
Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sieht eine wesentliche Ursache im Lehrkräftemangel. Wegen vieler unterrichtsfremder Aufgaben fehle dem Lehrpersonal oft die Zeit, auf die Probleme einzelner Schülerinnen und Schüler einzugehen. „Wenn es mehr Fachpersonal in Verwaltung und IT gibt, haben Lehrkräfte mehr Zeit für die pädagogische Beziehungsarbeit, und sie brauchen außerdem Unterstützung durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie“, sagt Düll der FR. Auch Gesundheitsfachkräfte hätten eine positive Wirkung auf Kinder und Jugendliche.
Den Übergang auf weiterführende Schulen bezeichnet Düll als besondere Herausforderung – Probleme entstünden vor allem dann, „wenn Eltern darauf bestehen, ihre Kinder auf eine Schulform zu schicken, die sie überfordert“. Die Lehrerin bestätigt: „Früher Kontakt zwischen Eltern, Lehrkräften und Schulsozialarbeit ist entscheidend.“
Schulen und Behörden setzen auf verschiedene Strategien. „Früherkennung ist entscheidend: Fehlzeiten müssen dokumentiert und bei wiederholtem Fehlen reagiert werden“, erklärt die Lehrerin. Dazu gehören Absentismusbögen, regelmäßige Elterngespräche und bei Bedarf Hausbesuche, häufig unterstützt durch Schulsozialarbeit. Wiederholtes Schulschwänzen könne in eine Abwärtsspirale führen: Lernrückstände erschwerten den Wiedereinstieg, die soziale Isolation nehme zu – „Freundschaften brechen ab“. Die Angst vor der Schule könne sich durch die Fehlzeiten weiter verstärken. Langfristig drohen laut der Lehrerin „fehlende Abschlüsse, Ausbildungsabbrüche und Arbeitslosigkeit“. (Quellen: Pisa-Studie 2022, Pisa-Studie 2025, eigene Recherche)