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Erziehung: Kinderarzt Oskar Jenni über Wutanfälle im Supermarkt: „Notfalls das Kind unter den Arm klemmen und raus“

Wissenschaft

FOCUS online: Herr Jenni, wie blicken Sie auf die aktuelle Eltern-Generation?

Oskar Jenni: Grundsätzlich habe ich ein positives Bild. Die allermeisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder und sie engagieren sich enorm.

Also keine Helikopter-Eltern, wie oft kritisiert.

Jenni: Natürlich gibt es auch Eltern, die es übertreiben, die überbehüten oder den Kindern vieles abnehmen. Aber man muss sich hier immer fragen: Was steckt dahinter? Woher kommen die Unsicherheiten? Die Eltern haben es heutzutage in Teilen auch schwerer als früher.

Die Eltern haben es heutzutage schwerer? Wie meinen Sie das?

Jenni: Man muss natürlich vorsichtig sein, dass man die Generationen nicht gegeneinander ausspielt. Frühere Generationen hatten es auch nicht leicht. Aber wenn wir auf heute blicken, müssen wir schon sagen, dass die Ansprüche an die Eltern extrem gestiegen sind.

Inwiefern?

Jenni: In der Elternschaft und in den Familien bilden sich die großen gesellschaftlichen Herausforderungen ab – das Tempo, die Individualisierung, die Digitalisierung, die Vereinsamung, der enorme Leistungsdruck. Die kulminieren in den Familien. Und das erzeugt natürlich Druck. Aber wir müssen aufpassen, dass wir dieses Narrativ „Elternschaft ist schwierig“ nicht weiter formen. Das ist keine gute Botschaft an die Jüngeren.

Über Oskar Jenni

Oskar Jenni, geboren 1967, ist ein Schweizer Kinder- und Jugendarzt. 2005 übernahm er die Leitung der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Universitäts-Kinderspital Zürich. Er ist Professor an der Universität Zürich. Der Vater von sechs Kindern leitet eine Langzeitstudie zur kindlichen Entwicklung, die seit 1954 fast 1000 Menschen vom Säuglingsalter bis ins Erwachsenenleben begleitet.

Sonst will keiner mehr Kinder bekommen.

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Jenni: Genau. Elternschaft ist sehr negativ besetzt. Sie ist irgendwie zu kompliziert, kostet zu viel – zu viel Freiheit, zu viel Geld. Es gibt natürlich strukturelle Bedingungen, die das Familienleben erschweren.

Aber: Ich glaube, es ist letztlich das Narrativ, das wir schreiben über Elternschaft. Ich wünsche mir da eine Veränderung im Sinne von: Natürlich ist es anspruchsvoll – das Leben ist nun mal herausfordernd. Aber so schwierig ist Elternschaft jetzt auch nicht (lacht).

Stichwort 5 G. Sie schreiben in Ihrem Buch, die brauche es, dass „Kinder gesund und glücklich aufwachsen“. Welche sind das?

Jenni: Kinder haben im Prinzip fünf grundlegende Bedürfnisse. Ich nenne sie die „5 G“. Wenn sich Eltern im Alltag daran orientieren, geht es den Kindern gut und sie können sich bestmöglich entwickeln. Das ist das Ergebnis meiner Forschung, meiner Erfahrung als Kinderarzt und als Vater von sechs Kindern.

Konkret sind das:

Geborgenheit: Kinder brauchen Nähe. Sie brauchen ein bis zwei Menschen, die ihnen zeigen: Ich liebe dich so wie du bist, bedingungslos.

Gesundheit: Sie brauchen Nahrung, Schlaf, körperlichen Schutz, aber eben auch psychische Gesundheit. Sie brauchen Erwachsene, die sie begleiten, damit sie lernen, wie sie mit ihren Emotionen, auch den schwierigen, umgehen können.

Gelegenheiten zum Lernen: Möglichst auch solche, wo sie selber wirksam sein können, und sie merken: Ich kann das. Ich schaffe das.

Grenzen: Das ist auch ein sehr wichtiger Punkt. Denn Grenzen geben Orientierung. Kinder benötigen Grenzen als Rahmen, in dem sie sich entfalten können.

Gemeinschaft: Kinder brauchen Gemeinschaften. Sie wollen mit anderen Menschen zusammen sein und von ihnen gesehen werden.

Die 5 G bilden eine Art Kompass. Und je nachdem, was ein Kind gerade braucht, ist ein G wichtiger als ein anderes.

Stichwort Grenzen. Warum sind sie so wichtig?

Jenni: Grenzen sind wichtig, weil sie das Kind schützen. Man nimmt es beispielsweise an die Hand, wenn man über die Straße geht. Aber sie schützen auch andere Menschen. Im Zusammenleben braucht es Regeln und die müssen Kinder von früh an lernen. Grenzen sind auch wichtig, weil sie Struktur bieten und das Leben für das Kind vorhersehbar machen.

Und wenn das Kind enttäuscht ist oder schreit und wütend ist, dann darf das auch sein. Dadurch lernen sie, mit Frustration umzugehen und zu spüren: Gefühle kommen, aber sie gehen auch wieder.

Wie der Klassiker: Auf den Supermarktboden werfen, weil man die Süßigkeiten nicht bekommt. Wie würden Sie reagieren?

Jenni: Genau. Mit etwa 18 Monaten beginnt diese Autonomie-Entwicklung – und damit das sogenannte Trotzen. Kinder entwickeln ihren eigenen Willen, können sich aber noch nicht in die Perspektive eines anderen Menschen hineinversetzen.

Der Ausraster im Supermarkt – das muss man sich immer bewusst machen – bedeutet für das Kind gerade eine große Not und ist keine absichtliche Provokation. Es kann diese Gefühle von Enttäuschung und Wut noch nicht selbst regulieren. Mein Tipp: Klar sagen: „Nein, das gibt es jetzt nicht“. Und dann möglichst rasch aus der Situation gehen – notfalls das Kind unter den Arm klemmen und raus aus dem Supermarkt.

Und dann im ruhigen Moment erklären?

Jenni: Genau. Wenn das Gewitter vorbei ist, dann ruhig mit dem Kind sprechen. Davor bringt es nichts, da dringt nichts durch. Aber danach kann man sagen: „Da warst du gerade richtig wütend, weil du die Süßigkeiten nicht bekommen hast. Das verstehe ich. Aber wir kaufen heute keine Süßigkeiten.“ So lernt das Kind allmählich, seine Gefühle zu verstehen und mit Enttäuschungen umzugehen.

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Klingt sehr bindungsorientiert. Was halten Sie von der bindungsorientierten Erziehung, die ja gerade als Erziehungs-Zauberformel gilt?

Jenni: Wir sehen in der Erziehungsforschung, dass Geborgenheit, Nähe und Wärme enorm wichtig sind. Da ist die Studienlage klar. Ich bin allerdings skeptisch, wenn daraus bestimmte Erziehungsstile oder -methoden abgeleitet werden.

Warum?

Jenni: Es gibt nicht die eine Methode, die eine allgemeingültige Lösung ist. Erziehung ist etwas Situatives und hängt auch vom einzelnen Kind ab. Man entscheidet im Moment: Was braucht mein Kind gerade? Was brauche ich als Vater oder Mutter? Geschwisterkinder erleben die Erziehung oft ganz unterschiedlich. Wir schauen vier Geschwister an und alle sagen etwas völlig anderes über ihre Eltern und ihre Erziehung.

Denn Erziehung ist immer wechselseitig: Jedes Kind beeinflusst mit seinem Verhalten auch die Eltern, und diese reagieren auf jedes Kind etwas anders. So erziehen sie ein pflegeleichtes Kind anders als ein temperamentvolles. Beide haben unterschiedliche Bedürfnisse und brauchen deshalb auch einen unterschiedlichen Umgang.

Bedürfnisse des Kindes, Bedürfnisse der Eltern – klingt doch wieder nach bedürfnisorientierter Erziehung.

Jenni: Das Problem bei diesen Erziehungsmethoden oder -stilen ist der Anspruch. Dass es mit dieser oder jener Methode perfekt klappen soll. Das ist zum Scheitern verurteilt. Weil Perfektion, das tut sich nicht gut in der Erziehung. Es gibt keine perfekten Eltern.

Jetzt sind wir doch wieder bei den Herausforderungen und Schwierigkeiten gelandet. Sie wünschen sich einen positiveren Blick auf Elternschaft. Was spricht denn dafür, Kinder zu haben?

Jenni: Man darf die Belastungen natürlich nicht kleinreden. Elternschaft ist herausfordernd, Elternschaft ist anstrengend. Aber es gibt auch einige Benefits – selbst aus wissenschaftlicher Sicht. Beispielsweise werden Eltern statistisch gesehen zwei Jahre älter. Im aktuellen Longevity-Trend doch vielleicht ganz spannend. Elternschaft verändert laut Studien auch die Netzwerke im Gehirn. Es wirkt demnach gegen Gehirn-Alterung.

Und dann gibt es natürlich noch die Dinge, die man nicht wissenschaftlich messen kann.

Jenni: Unbedingt. Es ist die intensivste menschliche Erfahrung – extreme Freude, großes Glück, gleichzeitig auch starke Angst und Sorge. Man erlebt eine besonders intensive Form von Liebe. Da gibt es tatsächlich Studien darüber, dass die Liebe zu unseren Kindern qualitativ anders ist. Bildgebende Untersuchungen haben eine intensivere Aktivierung im Gehirn gezeigt als bei der romantischen Liebe. Die Liebe zu den Kindern ist so unglaublich tief, dass man das wohl erst wirklich versteht, wenn man selbst Kinder hat.

Podcast-Tipp: Oskar Jenni ist auch Host des Podcasts „KOMPASS Kindheit“, in dem er mit Gästen über Fragen rund um die Entwicklung und Erziehung von Kindern spricht.

Eltern sind allerdings nicht glücklicher als kinderlose Paare. Aber laut Studien empfinden sie ihr Leben als sinnstiftender. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Elternschaft mit etwas mehr Widerstandskraft und Resilienz einhergeht.

Das kennen alle Eltern: Es gibt einen Moment, in dem man sich unendlich sorgt, große Angst hat oder völlig überfordert ist – und dann geht das vorbei, es ist geschafft. Das stärkt.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Momente. Kinder hüpfen in eine Pfütze oder gucken sich eine Blume an oder einen Regenwurm. Kinder helfen uns Erwachsenen, achtsam zu sein und im Hier und Jetzt zu leben. Ich finde, es sind diese positiven Geschichten, die man wirklich immer wieder erzählen muss.

Bald werden Sie Opa. Welchen einen Erziehungsratschlag würden Sie Ihrem Sohn mitgeben?

Jenni: Möglichst wenig auf Ratschläge hören (lacht). Nein, im Ernst. Auf das eigene Bauchgefühl vertrauen, die eigene Intuition. Und falls es doch mal eine Unsicherheit geben sollte, nicht im Internet suchen, lieber im Umfeld nachfragen. Bei einem Freund, der Schwester, dem Kinderarzt. Oder ja, auch dem Opa.

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