"Es gibt einen Markt für Desinformation": Stefan Rahmstorf über Zweifel am Klimawandel
von MDR WISSEN
Stand: 30.08.2026 15:10 Uhr
Über den menschengemachten Klimawandel herrscht in der Wissenschaft seit Langem weitgehend Einigkeit. Dennoch prägen Zweifel und Falschinformationen weiterhin die öffentliche Debatte. Ob Wärmepumpen, Elektromobilität oder Windkraft – heute stehen die Lösungen im Fokus von Kritik und Desinformation. Das Drehbuch dafür ist bereits Jahrzehnte alt, wie der Podcast "Reich – das Geschäft mit dem Zweifel" zeigt. Im Interview zum Podcast erklärt Klimaforscher Stefan Rahmstorf (Potsdam-Institut für Klimafolgenfotschung PIK), warum sich die Strategien der Klimaskepsis verändert haben, weshalb wissenschaftlich widerlegte Behauptungen weiter kursieren und warum er dennoch optimistisch bleibt.
Wann haben Sie zum ersten Mal vom menschengemachten Klimawandel gehört?
Stefan Rahmstorf: Auf jeden Fall in den 1980er-Jahren. Ich war besorgt und dachte: Da müssen wir etwas dagegen tun. Von 1987 bis 1991 war ich als Doktorand in Neuseeland. Ich war schon damals so besorgt über den Klimawandel, dass ich in diesen Jahren nicht nach Deutschland geflogen bin, nicht einmal zur Hochzeit meiner Schwester.
1988 erklärte der Nasa-Forscher James Hansen vor dem US-Senat, dass die globale Erwärmung bereits in den Messdaten angekommen sei. Wie haben Sie diese Zeit wahrgenommen?
Das wurde auch bei uns am Lehrstuhl diskutiert. Dort gab es konservativere Professoren, die meinten, vielleicht habe Hansen sich etwas zu früh aus dem Fenster gelehnt. Es könne noch im Rahmen natürlicher Schwankungen liegen. Das ist natürlich lange her. Inzwischen entwickelt sich die Erderwärmung seit Jahrzehnten ziemlich genau so, wie sie in den 1980er-Jahren und zum Teil schon früher vorhergesagt wurde.
Hatten Sie damals das Gefühl, dass die Politik die Gefahr erkannt hatte?
Ich erinnere mich sehr deutlich an den Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992. Dort wurde die Klimarahmenkonvention mit dem Ziel beschlossen, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Ich sah das in der Tagesschau und dachte: Endlich machen sie etwas. Jetzt ist es in der Politik angekommen. Als ich Anfang der 1990er-Jahre angefangen habe, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die Fakten einmal so klar auf dem Tisch liegen und die Politik trotzdem nicht entschlossen handelt.
Wann haben Sie zum ersten Mal wahrgenommen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt infrage gestellt werden?
Sehr deutlich ist mir die Debatte um die Klimarekonstruktion meines Kollegen Michael Mann im Gedächtnis geblieben. Als seine sogenannte Hockeyschläger-Kurve in einem Bericht des Weltklimarates prominent wurde, gab es massive Kritik daran. Ich kannte Michael Mann damals noch nicht persönlich und war zunächst selbst irritiert. Ich dachte: Vielleicht sind die Daten tatsächlich nicht ganz sauber.
Wenn man genauer hinsah, stellte sich aber immer wieder heraus, dass die Kritik nicht stimmte. In dieser Zeit habe ich eine Erfahrungsregel entwickelt: Wenn in den Medien eine neue These auftauchte, die den Klimawandel in irgendeiner Weise bezweifelte, musste man sehr genau dahintersehen. Fast immer fand man Denkfehler oder sogar bewusste Täuschungen.
Sie sind also selbst zunächst auf die Zweifel angesprungen?
Ja, anfangs hatte ich Zweifel. Gerade deshalb war diese Erfahrung so wichtig. Wissenschaft lebt davon, Kritik ernst zu nehmen. Aber man muss prüfen, ob die Kritik wissenschaftlich begründet ist.
Wie unterscheidet sich eine wissenschaftliche Debatte von einer öffentlichen Debatte?
In der Wissenschaft gilt: Wenn etwas widerlegt ist, ist es widerlegt. In der öffentlichen Debatte kann man dieselbe Behauptung hundertmal widerlegen, und sie kommt trotzdem wieder. Ein Beispiel ist die Behauptung, der Mensch verursache nur einen kleinen Teil des CO₂-Ausstoßes und könne deshalb nicht für den Anstieg in der Atmosphäre verantwortlich sein.
Dabei ist der Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre zu 100 Prozent menschengemacht. Wir haben sogar etwa doppelt so viel emittiert, wie sich in der Atmosphäre inzwischen angesammelt hat, Wälder und Ozeane nehmen aber einen erheblichen Teil unserer Emissionen auf. Trotzdem begegnet mir dieses Argument bis heute.
Warum halten solche Behauptungen sich so hartnäckig?
Weil es Menschen gibt, die gerne hören wollen, dass wir kein Klimaproblem haben. Es gibt einen Markt für Desinformation. Und es gibt Menschen und Unternehmen, die diesen Markt bedienen, weil sie sehr viel Geld mit fossilen Energien verdienen und ein Interesse daran haben, dieses Geschäftsmodell noch einige Jahre zu verlängern.
Klimaforscher wurden nicht nur fachlich kritisiert, sondern auch persönlich angegriffen. Was bewirkt das?
Das kann einen enorm unter Druck setzen. Besonders schwierig ist es für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die vielleicht noch keine feste Stelle haben. Ich habe auch selbst massive Angriffe in einigen Medien erlebt. Das ist stressig. Die öffentliche Debatte über Klimaforschung ist teilweise ein Schlachtfeld. Innerhalb der Wissenschaft ist es dagegen ein sehr angenehmes und spannendes Forschungsgebiet. Dort gibt es die grundlegende Kontroverse darüber, ob der Mensch die Erde erwärmt, seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Datenlage ist eindeutig.
Was könnte die Wissenschaft bei der Kommunikation besser machen?
Viele Kolleginnen und Kollegen sind keine besonders guten Kommunikatoren. Sie sprechen zu verklausuliert und benutzen zu viel Fachjargon. Außerdem könnten sich mehr Wissenschaftler öffentlich engagieren. Es sind häufig dieselben wenigen Personen, die man in den Medien hört, dabei gibt es weltweit Zehntausende Klimaforscherinnen und Klimaforscher. Allerdings hat die Klimaforschung dazugelernt. Die Berichte des Weltklimarates sind heute verständlicher, und der IPCC arbeitet mit klareren Botschaften und einfacheren Grafiken. Mit den PR-Profis der fossilen Lobby kann die Wissenschaft trotzdem nur schwer mithalten.
Ist es Aufgabe der Wissenschaft, die Geldgeber und Netzwerke hinter Desinformation aufzudecken?
Ich habe bereits in den 2000er-Jahren versucht, Journalistinnen und Journalisten dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen: Woher kommen diese Falschinformationen? Wer finanziert sie? Wer steckt dahinter? Das ist eine journalistische Aufgabe. Inzwischen wird häufiger darüber berichtet, wie Lobbyorganisationen Falschinformationen verbreiten. In den ersten Jahrzehnten war das kaum der Fall.
Hat sich die Strategie der Desinformation verändert?
In Deutschland wird inzwischen seltener der Klimawandel an sich bestritten. Stattdessen gibt es sehr viele Falschinformationen über die Lösungen, die wir dringend brauchen. Dann heißt es zum Beispiel, Wärmepumpen funktionierten im Altbau grundsätzlich nicht. Bei mir funktioniert eine Wärmepumpe im Altbau wunderbar. Auch Elektromobilität oder erneuerbare Energien werden mit falschen Behauptungen schlechtgemacht. Die Debatte hat sich verlagert: Früher wurde bestritten, dass es ein Problem gibt. Heute werden die Lösungen angezweifelt.
Nach so vielen Jahren der Forschung und Kommunikation: Warum geben Sie nicht auf?
Aufgeben ist keine Option. Das bin ich auch meinen Kindern schuldig. Man darf außerdem nicht alles nur schwarz sehen. Ohne Forschung und Kommunikation hätten wir beispielsweise kein Pariser Klimaabkommen. In vielen Industriestaaten sinken die Emissionen inzwischen. Außerdem haben sich die erneuerbaren Energien weit über die ursprünglichen Erwartungen hinaus entwickelt. Sie sind in vielen Teilen der Welt die günstigste Form der Stromerzeugung. Daraus ist eine technologische Dynamik entstanden, die uns vielleicht noch vor dem Schlimmsten bewahren kann.
Wie groß ist Ihr persönlicher Optimismus?
Ich bin, fürchte ich, ein unverbesserlicher Optimist. Damit liege ich auch manchmal daneben. Ich hätte auch nicht für möglich gehalten, dass Trump gewählt wird. Weder beim ersten noch beim zweiten Mal. Aber letztlich glaube ich, dass Optimismus eine Aktivität ist. Man muss handeln, damit man Hoffnung haben kann, dass es noch ein gutes Ende gibt.