Es ist ein Fehler, bei der Psychotherapie zu sparen
Startseite Politik Warum die Einsparungen bei der Psychotherapie am Ende sehr teuer werden könnten Von: Bjarne Bock Uns auf Google folgen Die GKV-Reform trifft die Psychotherapie besonders hart. Ein Kommentar über falsch gespartes Geld und eine Generation, die ewig warten muss. In der Debatte um die Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zeichnet sich ab, dass ausgerechnet die ambulante Psychotherapie zu den größten Verlierern zählen könnte. Geplant ist unter anderem, bestehende Schutzregelungen für eine angemessene Vergütung von Therapiestunden zu streichen, einem Bereich, in dem Menschen heute schon bis zu sieben Monate auf einen Platz warten. Auch der Autor dieses Textes, selbst mit dem Berufsziel Psychotherapeut, sieht das äußerst kritisch. Bisher wurden Psychotherapien zu festgelegten Preisen außerhalb der allgemeinen Arztbudgets vergütet, was Praxen eine verlässliche wirtschaftliche Grundlage sicherte. Nach Einschätzung der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) sehen kurzfristig eingebrachte Änderungsanträge zum Gesetz nun vor, genau diesen Schutz zu streichen. Die Verbände befürchten, dass dadurch Praxen Kassenpatienten reduzieren oder auf Privatbehandlung ausweichen würden. „Milliardenfolgen für Versicherte“: Verfassungsgericht sollte Krankenkassenreform stoppen – Bundestag stimmt zu. GKV-Reform 2026: Was die geplanten Kürzungen für Psychotherapie-Patienten bedeuten könnten Die Reaktion aus Fachkreisen lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz droht, psychotherapeutischen Praxen die wirtschaftlichen Grundlagen zu entziehen“, warnt Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (laut Deutschem Ärzteblatt). Sie fordert grundlegende Korrekturen noch bis Ende des Jahres: Das Ergebnis sind weniger Therapieplätze, längere Wartezeiten, längere Krankheitszeiten, mehr Krankengeldtage. Das kann niemand wollen. Dieter Adler, Vorsitzender des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks, benennt gegenüber ZDFheute die befürchtete Konsequenz unmissverständlich: „Wenn der Beruf wirtschaftlich derart unberechenbar gemacht wird, werden Praxen ihre Kassenplätze reduzieren, auf Privatbehandlung ausweichen oder ganz aus der Versorgung aussteigen. Dann wird Psychotherapie für viele Menschen wieder zu dem, was sie vor Jahrzehnten war: eine Hilfe für diejenigen, die sie sich leisten können.“ Wartezeiten, Versorgungslücken, Existenzängste: Das ist der Alltag in Psychotherapie-Praxen Wie angespannt die Versorgungslage schon jetzt ist, verdeutlichte eine Anhörung des Bundestagsgesundheitsausschusses im Mai 2026. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Miriam Pickl-Lowig schilderte den Alltag in ihrer ländlichen Praxis in Bayern: Neue Termine könne sie vor Ende September nicht mehr vergeben, Eltern riefen verzweifelt an, und Kinder warteten im Schnitt sieben Monate auf einen Therapieplatz. „Wir haben Existenzängste“, sagte sie mit Blick auf die geplanten Einschnitte. Hinzu kommt: Bereits im März 2026 war die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt worden. Besonders folgenreich wäre dabei die ohnehin bestehende Schieflage in der Versorgung junger Menschen: Die Bundespsychotherapeutenkammer weist darauf hin, dass mehr als die Hälfte aller psychischen Erkrankungen im Kindesalter beginnt, die Bedarfsplanung aber auf Erwachsene ausgerichtet ist. Wer in jungen Jahren keine adäquate Behandlung erhält, trägt die Folgen häufig ein Leben lang, mit allen sozialen, beruflichen und wirtschaftlichen Konsequenzen, die das für Betroffene wie für die Gesellschaft bedeutet. Gegen die Pläne formiert sich breiter Widerstand: In einem gemeinsamen „Berliner Appell“ forderten die Bundespsychotherapeutenkammer und alle zwölf Landespsychotherapeutenkammern den Bundestag auf, eine Budgetierung ambulanter Psychotherapie zu verhindern. Alice Jordan vom Aktionsbündnis Psychotherapie sprach von einem Angriff auf einen über Jahrzehnte erkämpften Vergütungsanspruch, der im Eilverfahren und ohne öffentliche Debatte zu Fall gebracht werden solle. Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) warnte, die geplanten Einschnitte träfen ausgerechnet jene Behandlungsformen, die für frühzeitige und wirksame Versorgung unverzichtbar seien. Psychotherapie spart Milliarden: Das entscheidende Argument gegen die Kürzungen Dabei ist das stärkste Argument gegen die Kürzungen für manche vielleicht kein moralisches, sondern ein ökonomisches. Die DPtV verweist auf Studien, nach denen jeder in ambulante Psychotherapie investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Nutzen von zwei bis vier Euro erzeugt, durch vermiedene Krankenhausaufenthalte, sinkende Krankengeldausgaben, weniger Frühverrentungen und Menschen, die Ausbildung oder Beruf trotz psychischer Erkrankung aufrechterhalten können. „Psychische Erkrankungen zählen zu den Volkskrankheiten und verursachen hohe Kosten“, sagt DPtV-Bundesvorsitzender Dr. Enno Maaß. Wer an dieser Stelle spart, verschiebt die Rechnung lediglich, in andere Kassen, wo sie sich schwerer kontrollieren und teurer beheben lässt. Hinzu kommen grundlegende Gerechtigkeitsfragen, wie der Autor dieses Artikels meint, der (wie erwähnt) selbst in dem Bereich arbeiten will. Psychotherapeuten durchlaufen einen der längsten und kostspieligsten Ausbildungswege im Gesundheitswesen – und müssen Kassensitze teils für über 100.000 Euro erwerben. Die Kürzungen treffen Menschen, die bewusst in die Versorgung investieren wollen. Dass das Feld vor allem weiblich dominiert ist und dabei so wenig Anerkennung erhält, sorgt zusätzlich für bittere Nuancen. Zur Erinnerung: Der Bundestag besteht zu zwei Dritteln aus Männern. Psychotherapie zahlt sich aus: Andere Länder machen es vor Großbritannien: Das NHS-Therapieprogramm behandelt jährlich 670.000 Menschen. Laut LSE-Studie amortisieren sich die Kosten binnen zwei Jahren – durch mehr Beschäftigung und weniger Sozialausgaben. Niederlande: Kostenlose Beratung für alle unter 25. Digitale Therapietools werden staatlich evaluiert und zertifiziert. Dänemark: Gesetzlich verankerte Wartezeit-Garantien für Therapieplätze – psychische Gesundheit ist nationales Arbeitsmarktziel. OECD-Fazit: Unbehandelte psychische Erkrankungen kosten im Schnitt über 4 % des BIP. Niedrigschwellige Therapieangebote reduzieren Symptomdauer und -schwere um bis zu 87 % (hier die Studie). Besonders betroffen ist zudem eine Generation, die mit multiplen Krisen aufgewachsen ist: Corona, Klimawandel, Rentenunsicherheit, vernachlässigte Modernisierung, Sicherheit und Bildung. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für psychische Gesundheit unter Jüngeren deutlich gestiegen. Ausgerechnet dort zu kürzen, wo Bedarf und Bereitschaft zur Behandlung am größten sind, erscheint schwer vermittelbar. Und auch hier ist zu bedenken: Die Bundesregierung ist im Schnitt 53 Jahre alt.