„Es ist halb elf, und ich bin fast ausverkauft“: 25-Jähriger haucht dem Bahnhof neues Leben ein
Es ist kurz nach halb elf Uhr am Tuttlinger Bahnhof. Hinter dem kleinen Tresen des historischen Kiosks reicht Julian Liebermann gerade die letzten gefüllten Croissants an eine Mutter mit ihren beiden Söhnen. „Es ist halb elf, und ich bin fast ausverkauft“, sagt er und lacht. Er bemerkt die Ferienzeit - viele Urlauber seien unterwegs. Nun gibt es wieder einen Ort, an dem Reisende kurz durchatmen, Pendler ihren Kaffee holen und Schüler Süßigkeiten kaufen können. Alles andere ist leer, trostlos oder zu, denn das Bahnhofsgebäude wird saniert. Mitten in dieser Umbruchphase hat der 25-Jährige den historischen Kiosk wiedereröffnet. Dabei war der Schritt durchaus mutig. Viele Tuttlinger kennen Liebermann aus der Gastronomie: Er arbeitet auch weiterhin im Service und an der Bar eines Tuttlinger Restaurants. Der Kiosk ist für ihn ein erstes Herantasten an die Selbstständigkeit. „Bisschen Erfahrung und einen Namen machen und etwas dazuverdienen“, beschreibt er seine Motivation. So bekomme er ein Gefühl dafür, ob eine eigene Unternehmung langfristig das Richtige für ihn sei. Zwischenlösung mit offenem Ausgang Vorerst ist Liebermann allerdings nur eine Art Zwischenmieter. Sein Vertrag mit der Stadt läuft bis zum Abschluss der Bahnhofssanierung. Nach aktuellem Stand dürfte das noch rund ein Jahr dauern. Im Frühjahr 2026 hatten die umfangreichen Umbauarbeiten im historischen Bahnhofsgebäude begonnen. Dabei werden die Räume von Restaurant und Spielothek komplett entkernt und das denkmalgeschützte Gebäude umfassend modernisiert. Wie es danach weitergeht, ist offen. Neben dem Kiosk gibt es ein Ladenlokal. Wer die Flächen künftig betreiben wird, steht bis jetzt nicht fest. Je nachdem, welches Konzept sich am Ende durchsetzt, könnte auch der Kiosk wieder Teil einer größeren Nutzung werden. Die Pendler kommen später Die ersten Wochen - seit Mitte Juni hat er offen - haben Liebermann bereits einige Überraschungen beschert. Ursprünglich öffnete er morgens um 6.30 Uhr. Doch das lohnte sich kaum. „Die frühen Bahnfahrer sind vor allem Pendler, die so schnell wie möglich zur Arbeit wollen“, hat er beobachtet. Und: „Das bekomme ich auch selbst nicht hin.“ An manchen Tagen habe erst zwischen 1 und 2 Uhr nachts Feierabend. Der eigentliche Ansturm am Kiosk sei zwischen 8 und 10.30 Uhr. Eine zweite starke Phase folgt zur Mittagszeit. Besonders auffällig: Seine Kundschaft besteht vor allem aus Menschen, die in Tuttlingen in den Zug steigen. Wer ankommt, hat oft Anschlusszüge zu erreichen oder einen Termin vor sich und ist deshalb meist in Eile. Wer dagegen auf die Abfahrt wartet, gönnt sich eher noch einen Kaffee oder einen Snack. Wenn die „zwei großen Züge“ kommen Den Rhythmus des Bahnhofs kennt Liebermann inzwischen genau. Zu jeder vollen Stunde rollen die beiden Intercitys ein. „Die zwei großen Züge“ nennt er sie, die von Zürich nach Stuttgart und umgekehrt fahren. Dann wird es im Bahnhof schlagartig voll. Wenn die Reisenden versorgt sind, schließt er manchmal für eine Viertelstunde die Klappe, um Nachschub zu besorgen. Verkauft werden vor allem Brezeln – „der Top-Seller“ –, belegte Brötchen und Croissants. Dazu kommen Muffins, kleine Kuchen sowie süße und salzige Snacks. „Die Chipstüten und Schokoriegel sind bei den Schülern der Renner“, sagt er schmunzelnd. Seit Beginn der Sommerferien hat sich das allerdings verändert. „Ich habe keine einzige Chipstüte mehr verkauft.“ Einiges in Ausstattung investiert Rund 2500 Euro hat Liebermann in die Ausstattung investiert. Die Stadt sei ihm bei einigen Reparaturarbeiten entgegengekommen und hat unter anderem eine neue Fensterklappe am Kiosk eingebaut, berichtet er. Ein eigenes Branding oder einen neuen Namen für den Kiosk sucht man dagegen vergeblich. Dafür lohne sich der Aufwand bei der begrenzten Laufzeit nicht. Pragmatisch löste er das Problem: Der alte Schriftzug wurde einfach mit einem neutralen Vorhang verdeckt.