Es strahlt und strahlt und strahlt
Deutschland sucht ein Endlager für den Atommüll. Bundesumweltminister Carsten Schneider macht beim Besuch im Zwischenlager Nord deutlich: Er will die Suche beschleunigen. Doch die Hinterlassenschaften aus sechs Jahrzehnten Atomenergie bleiben eine Aufgabe für Generationen.
Eine Analyse
von Rebecca Sawicki
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Rebecca Sawicki sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Carsten Schneider steht im weißen Ganzkörperanzug, mit weißen Schuhüberziehern über seinen blauen Sneakern und einem blauen Helm auf dem Kopf in einer Traube von Menschen. Alle tragen die gleiche Montur, alle schauen auf meterlange Metallzylinder, auf denen Warnhinweise stehen: Abstand halten!
In den Zylindern im Zwischenlager Nord in Lubmin befinden sich größere Hinterlassenschaften aus dem Kernkraftwerk, das zu DDR-Zeiten nur wenige Meter weiter, hier oben im Norden von Mecklenburg-Vorpommern, betrieben wurde. In acht Hallen werden die unter Umständen strahlenden Reste der Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg abgewickelt. Sie werden sortiert, gelagert, im besten Falle irgendwann entsorgt und ansonsten: erstmal weiter gelagert.
Wohin mit 27.000 Kubikmetern Atommüll?
SPD-Politiker Schneider hat die Hauptstadtpresse nach Lubmin eingeladen. Als Bundesumweltminister ist er auch für die nukleare Sicherheit zuständig. Also für Abfälle aus der Vergangenheit, die das Land trotzdem noch für eine gefühlte Ewigkeit beschäftigen werden.
Etwas mehr als 60 Jahre dauerte das deutsche Atomzeitalter an. Im April 2023 wurden die letzten Atomreaktoren abgeschaltet. Die Abwicklung dieser vermeintlich billigen und sorgenlosen Energiequelle wird noch weit mehr Zeit in Anspruch nehmen. Schneider wird lange nicht der letzte Bundesumweltminister sein, der sich mit der Frage beschäftigen muss, was mit rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktivem Atommüll passiert. Denn ein Endlager gibt es in Deutschland noch nicht. Bis dahin lagert der Müll weiterhin in 16 oberirdischen Zwischenlagern in verschiedenen Bundesländern.
Manche Hinterlassenschaften können "freigemessen" werden
Für den "Kleinkram" lassen sich auch im Zwischenlager Lösungen finden: Zu einem Atomkraftwerk gehören nicht nur der Brennstab, die Turbine, der Dampferzeuger, sondern auch die Schutzkleidung der Mitarbeitenden, die Eingangstür, die Werkzeuge. Sprich: Nicht alles, das in den vielen gelben Fässern und Überseecontainern verstaut ist, muss stark radioaktiv kontaminiert sein.
Bei vielen Hinterlassenschaften handelt es sich um schwach- und mittelradioaktive Reste. Auch die müssen ordentlich gesichert und gemessen werden. Liegt die Strahlenlast gering radioaktiver Bestandteile unter den vorgegebenen Richtwerten, können sie "freigemessen" werden. Das heißt, sie können Teil der Kreislaufwirtschaft werden, laut BUND zum Beispiel als Bauschutt genutzt werden.
Schneider will Endlagerstandort bis 2050
Die größte Herausforderung sind jedoch die AKW-Relikte mit einer hohen Strahlenlast. Auch sie müssen gesichert verwahrt werden, bis es weiter in ein Endlager geht. Sie sind hier noch nicht am Zielort angelangt. Allerdings: Die Suche nach einem Endlager zieht sich, und das schon seit den 70er Jahren. Eine Lösung für hochradioaktive Abfälle ist bislang nicht in Sicht.
Das Freiburger Öko-Institut war in einem Gutachten für das "Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung" (BASE) 2024 zu der Einschätzung gekommen: Selbst unter idealen Bedingungen könnte die Endlager-Suche noch bis zum Jahr 2074 dauern. Das Bundesumweltministerium unter der damaligen Führung der Grünen-Politikerin Steffi Lemke versprach daraufhin, ein Endlager könne "schon" bis 2050 gefunden werden. Einst hatte man sogar das Jahr 2031 angepeilt.
Schneider will bei dem Thema Tempo machen. "Wir finden Beschleunigungselemente, die es möglich machen, den Standort festzulegen, wo das Endlager hinkommt, spätestens zum Jahre 2050", sagt der SPD-Politiker. Er hat mittlerweile einen Gesetzentwurf vorgelegt und hofft, dass das Bundeskabinett sich in diesem Jahr damit befasst.
Doch selbst bei einer Entscheidung bis 2050 dürfte es noch bis ins kommende Jahrhundert dauern, ehe in einem solchen Endlager tatsächlich die strahlenden Reste für immer zerfallen.
Technischer Fortschritt soll Suche beschleunigen
Die Suche nach einem möglichen Endlagerstandort ist aufwendig. Bislang muss ein Probebergwerk gebaut werden, um die Beschaffenheiten unter Tage zu erforschen – und so zu erkennen, ob der Standort tatsächlich geeignet ist. Mittlerweile, sagt Schneider, könne man Gestein auch mithilfe von Bohrungen von der Oberfläche aus untersuchen.
Klar ist aber auch: Wenn ein Standort für ein Endlager gefunden ist, bedeutet das nicht, dass der atomare Müll direkt überführt werden kann. Bevor das passiert, sind zahlreiche Genehmigungen, Bauarbeiten, Sicherheitsvorkehrungen nötig.
Das bedeutet: Der Zustand des "Dazwischen" wird noch eine ganze Weile anhalten. Und damit auch die Bewirtschaftung der Zwischenlager. Ursprünglich wurde etwa hier in Lubmin eine Zwischenlagerung von 40 Jahren genehmigt – bis 2039 also. Reichen wird diese Planung nicht einmal bis zur Standortfestlegung für ein mögliches Endlager, schon gar nicht bis zum Bau. Die Castor-Behälter, in denen der strahlende Atommüll eingeschlossen ist, werden noch eine ganze Weile im Zwischenlager warten müssen.
Lösungen für schwach- und mittelradioaktiven Müll gibt es
Anders sieht es bei den schwach- und mittelradioaktiven Resten aus: In Morsleben in Sachsen-Anhalt lagern bereits 37.000 Kubikmeter davon in rund 480 Metern Tiefe. Aktuell findet der Bundesgesellschaft für Endlagerung zufolge ein Genehmigungsverfahren für die Stilllegung statt. Sprich: die Erlaubnis, die Abfälle für die Ewigkeit einzuschließen. Morsleben ist damit das erste Atommülllager, das dauerhaft verschlossen werden soll.
Mit dem Endlager Konrad wird im niedersächsischen Salzgitter aktuell ein weiterer Ort für diese Stoffe errichtet. Ab Beginn der 2030er Jahre soll dort laut Angaben der Bundesgesellschaft für Endlagerung Platz für bis zu 303.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfälle sein. Die Behälter würden mit Beton versiegelt und letztlich alle Hohlräume des gefüllten Bergwerks "verfüllt und langzeitsicher verschlossen".
Atom-Rückbau als Milliarden-Belastung
All das kostet Geld. Das Bundesumweltministerium rechnet zwischen dem Atomausstieg 2023 und dem Jahr 2080 für Rückbau und Entsorgung mit Kosten für die öffentliche Hand in Höhe von 15,2 Milliarden Euro. Die Standortauswahl für ein Endlager sowie dessen Errichtung, Betrieb und Stilllegung sind dort noch gar nicht eingerechnet.
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"Wer behauptet hat, Atomkraft kostet nichts, der wird hier eines Besseren belehrt: Es sind Milliardenlasten, die auf dem Bundeshaushalt liegen", sagt Schneider beim Besuch des Zwischenlagers Nord. Von einer immer wieder beschworenen "Renaissance der Atomkraft", etwa mit sogenannten Kleinreaktoren (Small-Modular-Reactors), will der SPD-Politiker nichts wissen.
Aus Sicht von Schneider birgt die Atomkraft noch immer ein Risiko, das vom Menschen nicht beherrschbar ist. Er spricht von "Ewigkeitslasten". Eine schnelle Lösung für Energiesorgen seien neue Kraftwerke jedenfalls nicht, da Planung, Genehmigung und Bau zu lange dauerten – von den damit verbundenen Kosten ganz zu schweigen. "Wir sprechen von mehreren Menschenleben, die wir hier allein mit dem Rückbau zu tun haben werden", sagt Schneider.