„Es wird sich wahrscheinlich vieles im Winter entscheiden“: Will Putin bis zum Frühling ein Kriegsende erzwingen?
Bis zu Putins erster Fehlkalkulation dauerte es nicht lange. Offensichtlich zielte der ursprüngliche Plan hinter seinem Angriffskrieg darauf ab, die Ukraine schnell niederzuringen. Doch es gelang nicht, die Regierung in Kyjiw 2022 durch einen überraschenden militärischen Großangriff aus dem Amt zu entfernen.
Auf den gescheiterten schnellen „Enthauptungsschlag“ folgte ein langwieriger und extrem verlustreicher Krieg. Ein neuer Plan musste her.
Die Ukraine war 2026 erfolgreicher, als es Putin lieb sein kann
Im Sommer 2024 umriss der russische Machthaber auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg, wie er seinen Krieg gewinnen will: Es ging darum, den Widerstand der Ukrainer und die Unterstützung der westlichen Verbündeten durch stetig steigende Erschöpfung zu brechen. Hinter dieser Strategie steckte die simple mathematische Überlegung, dass Russland am Ende mehr Waffen, Militärgerät und Soldaten aufbringen könne als der Gegner. Dass Russland sich die eigenen Nachteile durch den Krieg länger leisten kann, als die Ukraine.
Doch zerbricht diese Gewissheit im Kreml gerade wieder? Will Putin den Krieg deswegen bald entscheiden, statt irgendwann? Blicken wir zum besseren Verständnis kurz darauf, was für die russische Armee derzeit schlecht läuft.
Die Ukraine war in diesem Jahr erfolgreicher, als es Putin lieb sein kann:
Die russische Armee musste im Februar verkraften, den Zugang zum US-Satelliteninternet Starlink zu verlieren.
Seit März beobachtet das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) nur noch geringe Geländegewinne der Russen; in manchen Monaten erlangen die Ukrainer sogar mehr Land zurück, als die Invasoren besetzen.
Die Ukrainer stören mit Drohnenangriffen hinter der Front den russischen Nachschub. Sie haben die Invasoren durch erfolgreiche Gegenangriffe im Rahmen der Operation „Vivaldi“ bislang davon abgehalten, die wichtigsten Städte im noch nicht besetzten Donbass zu umzingeln und damit einen russischen Plan für 2026 vereitelt.
Die weitgehend statische Front müsste Putin nicht groß interessieren, ginge sie nicht mit einem horrenden Verlust an Soldaten einher. Die US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies geht von insgesamt 1,4 Millionen toten, verwundeten oder gefangengenommenen russischen Soldaten seit Kriegsbeginn aus. Die Armee benötigt also Nachschub, der auf bisherigem Weg offenbar zunehmend schwer zu beschaffen ist. Die Ukraine- und Osteuropa-Experten erwarten jedenfalls, dass Putin nicht um eine neue, im Land erwartbar unbeliebte Mobilisierung herumkommen wird, sollte der Krieg noch länger andauern.
Putin dürfte ein großes Interesse daran haben, eine Mobilisierung zu vermeiden, zumal ohnehin eine wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung droht – denn die Inflation und der Treibstoffmangel infolge ukrainischer Attacken tief in Russland machen das Leben vieler Bürger unbequem.
Putins Chance: Die Ukraine ist gerade besonders verwundbar
Doch für Putin, der sich einem Waffenstillstand beständig verweigert, tut sich ein Ausweg auf. Er hat die Gelegenheit, den Terror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung zu maximieren und so ihren Widerstandswillen zu brechen. Im schnellen technischen Wettrüsten hat Russland derzeit einen Vorteil, da die neuen Kampfdrohnen des Typs Geran-4/5 zu schnell und zu hoch für die ukrainische Luftabwehr fliegen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gestand gerade erst eine zu niedrige Abfangquote der neuen russischen Angriffsdrohnen mit Düsenantrieb ein. Weil Russland auch mit ballistischen Raketen angreift, die die Ukraine mangels genügend Abwehrmunition nur unzureichend abfangen kann, ist die Lücke in der Luftverteidigung derzeit besonders groß – wie auch die Sorgen vor einem besonders schlimmen Bombenwinter.
Die Bombardements auf die Energieversorgung haben begonnen – diesmal geht es auch ums Wasser
Die Großangriffe auf die ukrainische Energieversorgung haben bereits Ende September begonnen und könnten noch verheerender werden. Die „New York Times“ berichtet über einen russischen Plan, neben gezielten Luftangriffen auf die Strom- und Wärmeversorgung dieses Mal auch das Wassersystem systematisch zu bombardieren. Nicht nur sollen die ukrainischen Zivilisten so wie im vergangenen Winter, der besonders eisige Temperaturen hatte, im Kalten und Dunkeln sitzen. Es soll auch kein Wasser mehr aus den Leitungen fließen.
Die „New York Times“ schreibt über den Plan: „Kyjiw, Charkiw und Odessa werden als Hauptziele genannt; es ist geplant, die Stromversorgung in diesen Städten um 90 Prozent zu drosseln, die Wärmeversorgung um bis zu 90 Prozent zu reduzieren und das Abwassersystem erheblich zu beeinträchtigen.“
Die Zeitung konnte die Echtheit des Plans nicht unabhängig verifizieren. Putin jedoch hat öffentlich davon gesprochen, die Luftangriffe – die er fälschlicherweise als Reaktion auf ukrainische Langstreckenattacken darstellt – fortzuführen. Gerade Kyjiw rückt mehr und mehr ins Zentrum der Attacken. Anfang Oktober schlugen russische Drohnen in wichtige Flussbrücken ein.
Das US-Institut für Kriegsstudien schrieb in einer Analyse:
Osteuropa-Forscher Andreas Umland hält es im Gespräch mit dem Tagesspiegel zumindest für „plausibel“, dass der Kreml die Entscheidung bis zum Frühling herbeibomben will. „Da wird sich jetzt tatsächlich wahrscheinlich vieles im Winter entscheiden.“
Das Interesse des Kremls an einem baldigen Sieg habe auch mit der Kombination aus den für Russland schmerzhaften Langstreckenangriffen und den westlichen Sanktionen zu tun. Allerdings, so gibt es der Experte zu bedenken, kennen wir Putins Informationsquellen nicht genau. Wie der Machthaber wirklich über die russischen Siegchancen denkt, bleibt sein Geheimnis.
Was gegen eine baldige Kapitulation spricht
So gibt es auch Zweifel daran, ob sich die russische Planung wirklich geändert hat. Für das US-Magazin „Bloomberg“ etwa sind die für 2027 geplanten russischen Rüstungsausgaben von umgerechnet gut 182 Milliarden Euro – der höchste Wert seit Beginn des Angriffskrieges – ein Beleg dafür, dass Russland mit einem noch langen Krieg rechnet.
Der Militärexperte Gustav Gressel sieht die zermürbende Bombardierung der Zivilbevölkerung als einen Teil einer Strategie – als Versuch, die Selenskyj-Regierung indirekt loszuwerden: „Man will, dass sich die ukrainische Bevölkerung gegen die Regierung erhebt, weil sie genug vom Krieg hat und lieber eine Unterwerfung unter Russland als die Fortsetzung der Kämpfe will.“ Zur Strategie gehöre auch, Fortschritte auf dem Schlachtfeld vorzugaukeln, um „die Unausweichlichkeit der Niederlage zu beschwören“.
Allerdings passiere das in Verkennung der realen Tatsachen und der Stimmung in der Ukraine.
Tatsächlich kann ein Kalkül von Putin oder seinen Generälen nicht allein über den Ausgang des Krieges entscheiden. Ob die Ukraine im Winter aufgibt, hängt auch an der Bevölkerung selbst. Daran, wie viel Tod, Kälte und Ausfall sie ertragen will.
Im Spätsommer führte das Internationale Institut für Soziologie in Kyjiw eine Umfrage durch. Eine Frage lautete: „Viele Menschen gehen davon aus, dass Russland diesen Winter versuchen wird, die Energieinfrastruktur der Ukraine anzugreifen, um die Bevölkerung ohne Strom, Heizung und Abwasserentsorgung zu lassen. Was ist die beste Vorgehensweise, sollte Russland dies versuchen?“
Die meistgewählte Antwort der Ukrainer dürfte Putin nicht gefallen. 77 Prozent der Befragten sagten, dass der militärische Widerstand trotzdem fortgesetzt werden soll. (mit dpa)