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Eskalation im nordamerikanischen Handelskonflikt: „Deutsche und europäische Firmen sind davon erheblich betroffen“

Wirtschaft

Die jüngste Eskalation im Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada betrifft nicht nur die Volkswirtschaften der beiden unmittelbar betroffenen Staaten. Sie könnte auch für Deutschland und die Europäische Union weitreichende Auswirkungen haben. Das sagen vom Tagesspiegel befragte Fachleute.

Das Weiße Haus hatte in der Nacht zu Mittwoch mitgeteilt, dass die USA ein Einfuhrverbot unter anderem für bestimmte kanadische alkoholische Getränke, Motorräder und Milchprodukte verhängt haben. Die Maßnahme trete am 29. September in Kraft.

Zudem belegten die USA weitere Produkte mit Zöllen von 50 Prozent. Zuvor hatte Kanada als Reaktion auf vorherige US-Zölle seinerseits Abgaben auf importierte US-Waren im Wert von 20 Milliarden US-Dollar eingeführt.

„Aus meiner Sicht markieren die angekündigten US-Importverbote gegen ausgewählte kanadische Waren eine deutliche Eskalation des Konflikts“, sagt Christian Lammert, Professor für Politikwissenschaft am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA), dem Tagesspiegel.

Entscheidend sei der Wechsel von hohen Strafzöllen zu gezielten Marktausschlüssen. „Eine neue Qualität liegt vor allem darin, dass die US-Regierung gegenüber ihrem engsten wirtschaftlichen Partner ein handelspolitisches Druckmittel nutzt, das kaum noch auf regelgebundene Konfliktlösung, sondern auf maximale politische Hebelwirkung zielt.“

Für Deutschland und Europa seien die unmittelbaren Effekte zwar vermutlich begrenzt, sofern europäische Produkte nicht direkt erfasst werden.

„Mittelbar kann es aber durchaus Folgen geben“, sagt Lammert: „Deutsche Unternehmen mit Produktionsstandorten, Zulieferern oder Absatzbeziehungen in Nordamerika müssen mit höheren Kosten, Umleitungen von Handelsströmen und einer wachsenden Unsicherheit in grenzüberschreitenden Lieferketten rechnen.“

Der Druck auf die EU nimmt zu

Die neue Eskalation könnte ein Präzedenzfall sein, sagt Lammert: „Wenn Washington Handelspartner selbst bei vergleichsweise begrenzten Gegenmaßnahmen mit Importverboten und 50-Prozent-Zöllen begegnet, erhöht das den Druck auf die EU, sich auf ähnlich konfrontative Schritte in anderen Handelskonflikten einzustellen.“ Handelspolitik werde unter Trump zunehmend als Instrument politischen Zwangs eingesetzt – „und nicht als Bereich verlässlicher, multilateraler Regeln“.

Auch wenn die konkrete Situation Kanadas im Verhältnis zu den USA einzigartig ist, dürfte die neue Entwicklung internationale Folgen haben, denkt auch Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln, auf Anfrage. „Deutsche und europäische Firmen sind davon erheblich betroffen, wenn sie in Kanada produzieren“.

Zahlreiche deutsche Unternehmen nutzen Kanada als strategische Produktionsbasis für den nordamerikanischen Markt. Darunter sind neben Konzernen wie Bosch, Volkswagen, BASF oder Bayer auch zahlreiche mittlere und kleinere Firmen.

Diese Unternehmen könnten zum einen von Zöllen direkt betroffen sein, sagt Jäger. Zum anderen würden Lieferketten möglicherweise neu justiert, um den Anteil an nordamerikanischer Produktion zu erhöhen, denn dann wären manche Produkte zollfrei.

„In der Automobil-, Chemie- und Elektrobranche können erhebliche Wirkungen anfallen“, sagt Jäger. „Und bei allem ist zu bedenken: Das muss noch nicht das Ende des Wirtschaftskriegs sein, den Trump gegen Kanada führt.“

Im aktuellen Handelsstreit geht es Donald Trump nur vordergründig um konkrete kanadische Produkte, sagt Jäger: „Wirklich geht es darum, wer Kanadas Handelspolitik bestimmt.“ Der US-Präsident eskaliere die Lage, weil er davon ausgehe, dass die USA die gegenseitigen Zölle länger durchhalten. „Sein Ziel ist, dass Kanada vor seinen Maßnahmen kapituliert.“ Trump wolle Kanadas Freiheit begrenzen, Handelsabkommen mit Dritten einzugehen. „Darüber soll Washington das letzte Wort haben.“

„Dieser Schritt markiert eine neue Stufe der Eskalation – vom Zoll zum vollständigen Marktausschluss“, sagt Yvonne Denz, Geschäftsführerin der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer. Für viele in Kanada handele es sich bei der Auseinandersetzung nicht mehr nur um einen Handelsstreit, sondern um die Erschütterung eines Verhältnisses, das man lange für selbstverständlich gehalten habe: „Es geht nicht mehr nur um Zahlen, sondern um einen Vertrauensbruch, den die kanadische Wirtschaft und Bevölkerung sehr genau registriert.“

Gleichzeitig überwiegt nach Einschätzung von Denz in den Gesprächen, die sie führe, nicht Resignation, sondern Entschlossenheit. Premierminister Carney habe das kürzlich so formuliert: „Our future won’t be decided in Washington, but right across Canada.“ (Über unsere Zukunft wird nicht in Washington entschieden, sondern überall in Kanada.) „Diese Haltung – den Blick auf das zu richten, was man selbst gestalten kann, Handelsbeziehungen zu diversifizieren und die Zusammenarbeit mit Partnern wie Deutschland und der EU zu vertiefen – prägt aktuell die Stimmung in Kanada“, sagt Denz.

Für deutsche Unternehmen ist aus Sicht von Yvonne Denz weltweit derzeit vor allem eines bestimmend: „Unsicherheit“. Zum einen müssten Lieferketten immer wieder an neue Realitäten angepasst werden, mit spürbaren Zusatzkosten und Reibungsverlusten. Zum anderen führe die fehlende Planbarkeit zu spürbarer Zurückhaltung bei Neuinvestitionen: „Wenn sich die Regeln kurzfristig ändern können, wird jede langfristige Standort- oder Investitionsentscheidung zum Risiko.“

Die aktuelle Lage sollte aus Denz’ Sicht „der Weckruf für europäische Unternehmen sein“. Jede neue Eskalationsstufe im Handelsstreit der USA mit Kanada wirke als „Katalysator für die Diversifizierung der kanadischen Wirtschaft und die Intensivierung der Beziehungen mit verlässlichen Partnern wie Deutschland und der EU“. Man spüre bereits eine verstärkte kanadische Nachfrage nach deutschen Produkten, etwa bei Haushaltsgeräten und Elektrotechnik. Denz’ Fazit: „Für die Zusammenarbeit Deutschland‑Kanada liegt in der momentanen Situation eine riesige Chance.“

Auch aus Sicht von Vertretern anderer deutscher Wirtschaftsverbände könnte die aktuelle Eskalation positive Folgen für die europäische Wirtschaft haben. „Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger wird, dürfte ihr Interesse an alternativen Absatzmärkten wachsen“, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, der Deutschen Presse-Agentur. „Europa kann davon profitieren.“

Mit Kanada habe die EU durch das Handelsabkommen CETA bereits eine Grundlage, um die Wirtschaftsbeziehungen weiter zu verbessern, sagte Treier. „Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Abkommens 2017 ist der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um 76 Prozent gewachsen – dennoch ist das Potenzial längst nicht ausgeschöpft.“

Auch Dirk Jandura, Präsident des Exportverbands BGA, sieht Chancen für mehr Handel mit Kanada. „Wir sehen tatsächlich bereits erste deutliche Anzeichen dafür, dass Kanada seine Exporte stärker auf Märkte außerhalb der USA ausrichtet.“ Nach Angaben von Statistics Canada seien die kanadischen Exporte in Länder außerhalb der USA im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen und hätten mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar (etwa 15,9 Milliarden Euro) einen Rekordwert erreicht. „Deutschland gehörte dabei zu den wichtigsten Zielländern.“

Die jüngste Eskalation im Zollstreit dürfte den Trend verstärken, meint Jandura. Kanada spiele im deutschen Außenhandel bisher eine relativ kleine Rolle. „Deshalb gibt es erhebliches Wachstumspotenzial.“ (mit dpa)

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