Essen forscht zum Thema Kinderverschickung
"Ich habe da gelernt, dass ich alleine bin, mir keiner hilft. Dass ich ausgeliefert bin. Keine Grenzen setzen darf. Dass mein Körper nicht mir gehört, ich meine Gefühle nicht äußern kann." Diese Worte sind ganz präsent, eingespielt als Audioaufnahme während der Lehrveranstaltung. Die Teilnehmenden hören Regina Basics Schilderungen zu. Danach ist es still. Studierende sprechen mit Betroffenen "Das war für mich ein komplett neues Thema", sagt Olivia Wroblewski. Sie ist eine der beiden Studentinnen, die Basic interviewt und heute ihre Ergebnisse präsentiert haben. "Ich hoffe, dass wir durch unsere Arbeit und die Forschung dazu beitragen können, ein paar Lücken zu schließen und zu erfahren, wie viel Leid da tatsächlich war." Durch die wissenschaftliche Aufarbeitung aus den Berichten lernen Mit dem Projekt möchte der Historiker einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten. Das Thema sei bisher kaum erforscht worden und erst vor wenigen Jahren in die Öffentlichkeit gekommen. "Das ist ein gesellschaftlich sehr relevantes Thema, was man allein schon an der Anzahl der Verschickungskinder erkennt, mit über 10 Millionen Kindern seit 1945", so Hertz. Regina Basic - ein "Verschickungskind" Nach dem Besuch in der Uni sind wir mit Regina Basic verabredet. Zuerst hatte sie überlegt, ihren Namen öffentlich nicht zu nennen. Doch sie wolle jetzt in die Sichtbarkeit gehen, das sei für sie und ihren Prozess der Aufarbeitung essenziell. Erfahrungen als "Verschickungskind" Basic erzählt davon, dass sie regelmäßig nur in Unterhose und mit Kopftuch bekleidet durch den Ort und am Strand "in Reih und Glied maschieren" mussten. "Ich habe mich zu Tode geschämt und fürchterlich entwürdigt gefühlt." Sie berichtet von einer durchgehend bedrohlichen Atmosphäre. Auch, dass in dem Heim ein Essenszwang geherrscht habe. Die Erinnerung an den Geruch im Speisesaal löst in ihr sofort eine Beklemmung aus. Eine Situation hat sie bis heute nicht vergessen, als eine der "Tanten", so wurden die Betreuerinnen dort genannt, sie im Speisesaal angeschrien habe. Sie habe die Sechsjährige aufgefordert, sie anzusehen und sie dann bloßgestellt. Die Post ihrer Mutter hat sie nicht erhalten. In ihrer kindlichen Fantasie hat sie sich damals ausgemalt, dass sie gestorben sei. Sie kam traumatisiert nach Hause zurück Neben diesen einzelnen Erlebnissen und Bildern seien da viele "schwarze Löcher". Viele Erinnerungslücken, wie sie selbst betont. "Wie oft meine Psyche gesagt haben muss: cut." Das Projekt wird von der Uni Duisburg-Essen gefördert Die Ergebnisse der Studie werden im Herbst auf der Website des Vereins "Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW" in Issum veröffentlicht, dem Kooperationspartner der Studie. Hertz gibt eine erste Einschätzung: "Als ein zentrales Ergebnis wäre die Bandbreite an negativen Erfahrungen zu nennen, die sichtbar werden. Also von Angst und Demütigung über Essenszwang bis hin zu körperlichen Züchtigungen." Er betont, dass die Betroffenen gehört und ernst genommen werden wollen. "Und genau das tun wir mit unserem Projekt." Unsere Quellen: