Essen gehen trotz Mehrwertsteuer-Senkung nicht günstiger
Üppig und knusprig-goldbraun lockt das Grillhähnchen auf einem Foto von der Werbetafel des Restaurants "BBQ-Kitchen" in Berlin-Mitte: "Halbes frisches Hähnchen - 5,90 Euro" steht da. Und: "Unser Steuerhähnchen".
Wirt Veiko Narten hat die Mehrwert-Steuersenkung zum Jahresanfang an seine Kunden weitergegeben, zumindest bei seinem Kassenschlager, dem Grillhähnchen. Vorher hatte es 8,90 Euro gekostet. Die anderen Preise seien stabil geblieben, sagt er. Aber es hat auch noch die Mindestlohnerhöhung gegeben. Und: "Wir bekommen eigentlich täglich irgendwelche Erhöhungen von unseren Lieferanten."
Steuersenkung sollte Gastronomen entlasten
Die Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen in der Gastronomie auf sieben Prozent zu Beginn des Jahres sollte die Gastronomiebranche stärken - und weckte bei manchen die Hoffnung, sie würde auch für niedrigere Preise in den Restaurants sorgen.
Doch die milliardenschwere Steuersenkung komme nicht an, zumindest nicht bei den Restaurantbesuchern, heißt es nun von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Mehr als 180.000 Preise von Gerichten in mehr als 12.000 Restaurants bundesweit habe man vom Beratungsunternehmen wmp consult prüfen lassen.
Das Ergebnis: Im Schnitt sei nur etwa ein Prozent der Gerichte günstiger geworden. 91 Prozent der untersuchten Gerichte seien im Preis unverändert geblieben. Und bei rund acht Prozent seien die Preise gestiegen - vor allem bei Bowls, aber auch Schnitzel- oder Steakgerichten.
Gewerkschaft fordert bessere Arbeitszeiten und mehr Lohn
Auch den mehr als zwei Millionen Beschäftigten im Gastgewerbe sei die Mehrwertsteuersenkung nicht zugute gekommen, sagt der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Man habe im Gastgewerbe einen der größten Niedriglohnbereiche in Deutschland, jeder zweite arbeite unterhalb der Niedriglohnschwelle, so der Gewerkschafts-Chef. Und Lohnsteigerungen würden eigentlich immer nur dann erwirkt, wenn es eine Erhöhung des Mindestlohns gebe.
"Das heißt, man hätte natürlich jetzt mit diesem Steuergeschenk die Möglichkeit, betrieblich mal ein bisschen gegenzusteuern und den Beschäftigten mehr Geld zukommen zu lassen", fordert Zeitler. Doch dieselben Betriebe, die das bekämen, sagten "Mehr Geld können wir euch trotzdem nicht geben". Das funktioniere nicht.
Gerade laufen Tarifverhandlungen
In laufenden Tarifverhandlungen mit dem Deutschen Hotellerie- und Gastronomieverband (DEHOGA) erlebe die NGG "eine große Blockadehaltung bei Lohnerhöhungen". Dabei würden fast die Hälfte der Beschäftigten bis zu zehn Stunden täglich arbeiten, ein Fünftel sogar zehn bis vierzehn Stunden.
Das habe eine Befragung unter gut 2.100 Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie ergeben, so die NGG. Etliche Befragte hätten berichtet, dass Dienstplan-Änderungen die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben schwer machten. 71 Prozent der Befragten dächten über den Wechsel in eine andere Branche nach.
Unternehmerverband widerspricht
Der DEHOGA hält dagegen: Die Einführung der sieben Prozent Mehrwertsteuer für Speisen in der Gastronomie sei "kein staatliches Preissenkungsprogramm" gewesen. "Die sieben Prozent kommen an", sagt Jana Schimke, Hauptgeschäftsführerin des DEHOGA-Bundesverbandes, das habe eine bundesweite Umfrage vom Juli ergeben, an der 2000 gastgewerbliche Unternehmen teilgenommen hätten.
Drei Viertel (73,4 Prozent) der Betriebe hätten ihre Preise trotz massiv gestiegener Kosten stabil halten können, 72,2 Prozent gestiegene Personal- und Lohnkosten auffangen und 53,1 Prozent bestehende Arbeitsplätze sichern können. Bei 29,5 Prozent hätten notwendige Preiserhöhungen deutlich geringer ausfallen können, so der Verband.
Mit Blick auf die Arbeitszeiten fordert der DEHOGA eine Umstellung auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gemäß der EU-Arbeitszeitrichtlinie; nicht mehr Arbeit, aber eine flexiblere Verteilung. "Unsere Mensch-zu-Mensch-Branche ist geprägt von Nachfragespitzen, Schwankungen, kurzfristigen Umplanungen", sagt Verbands-Chefin Schimke. Eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit schaffe für die Beschäftigten bessere Möglichkeiten, Arbeit und Privatleben so zu organisieren, wie es zum individuellen Lebensentwurf passe, so der Verband.
Gäste gehen weniger aus
Veiko Narten, der Wirt mit dem "Steuerhähnchen" in Berlin-Mitte, sagt, er habe eigentlich keine Probleme, seine Leute zu halten. Seine Beschäftigten arbeiteten in zwei Schichten, normalerweise sieben bis acht Stunden.
Einige seien schon fast zehn Jahre bei ihm. Auch die Gäste würden noch kommen. Allerdings längst nicht mehr so wie früher: Dass man auch nach 22 Uhr noch ausgehe, nach dem Kinobesuch etwa, das falle inzwischen fast völlig weg, sagt Narten. Das habe mit der wirtschaftlichen Lage Deutschlands zu tun.