EU-Agrarreform bedroht Ostdeutschlands Landwirtschaft
Stand: 21.07.2026 12:37 Uhr Agrarhilfen von großen zu kleinen Betrieben umverteilen: Die Pläne der EU für die Jahre 2028 bis 2034 klingen nach Verteilungsgerechtigkeit in der Landwirtschaft. Doch Forscher warnen vor unbedachten Folgen für den ostdeutschen ländlichen Raum. Am Beispiel Sachsens deckt eine Untersuchung gravierende Kofinanzierungslücken und Wertschöpfungsverluste auf. Da ganz Ostdeutschland durch die DDR-Vergangenheit von großen Genossenschaften geprägt ist, gelten die Warnungen der Wissenschaftler aber auch für Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. von MDR WISSEN / RR Die Europäische Union plant für den Zeitraum von 2028 bis 2034 eine grundlegende Reform ihrer "Gemeinsamen Agrarpolitik" (GAP). Im Zentrum der Pläne stehen Kürzungen bei den sogenannten Direktzahlungen – also den einkommensstützenden Geldern, die Landwirte bisher pro Hektar Fläche erhalten. Eine wissenschaftliche Studie von Forschern des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle und der Universität Rostock schlägt nun Alarm. Die Studie wurde im Auftrag der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag erstellt und beschäftigt sich deshalb mit den konkreten Folgen für Sachsen. Im Freistaat bewirtschaften die 100 größten Unternehmen rund 30 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Insgesamt entfallen über 60 Prozent der Agrarfläche auf Betriebe mit mehr als 500 Hektar. Dabei handelt es sich aber kaum um anonyme Großinvestoren. Ein Großteil dieser Flächen wird von lokal verwurzelten Agrargenossenschaften und traditionsreichen Betrieben bestellt, die viele Mitarbeiter beschäftigen und wesentliche Säulen der ländlichen Wirtschaft sind. Gleichzeitig fließen in Sachsen derzeit rund 91 Prozent der Mittel für Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen in besonders anspruchsvolle, wirksame Umweltprogramme – in der Fachsprache als "dunkelgrüne" Maßnahmen bezeichnet. Wie die geplante Agrarreform großbetriebliche Strukturen belastet Die Reformvorschläge der Europäischen Kommission sehen vor, die flächenbezogene Einkommensstützung mit steigender Betriebsgröße schrittweise zu verringern (sogenannte Degression) und ab einer Summe von 100.000 Euro pro Betrieb pro Jahr vollständig zu deckeln. Einschnitte sollen bereits ab einer Fördergrenze von 20.000 Euro greifen. Was auf den ersten Blick nach mehr Verteilungsgerechtigkeit aussieht, erweist sich nach den Analysen der Forschungsgruppe als schwere Belastung für ostdeutsche Regionen. Da große Betriebe im Osten Deutschlands häufig arbeitsintensive Viehhaltung betreiben, Sonderkulturen anbauen und viele Angestellte beschäftigen, bedeuten Zahlungskürzungen für sie nicht nur einen Verlust an flüssigen Geldmitteln. Nach Modellrechnungen der Wissenschaftler führt die Einsparung dazu, dass EU-Mittel systematisch aus den strukturschwächeren ostdeutschen Bundesländern abgezogen und in Regionen mit kleineren Hofgrößen – vor allem nach Süd- und Westdeutschland – umverteilt würden. Für Sachsen ermittelten die Forscher einen jährlichen Wertschöpfungsverlust von über 100 Euro pro Hektar, was einer Gesamtsumme von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr entspricht. Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Thüringen und Sachsen-Anhalt Auch wenn die Studie den Freistaat Sachsen als konkretes Modell nutzt, lassen sich die Ergebnisse auf andere ostdeutsche Bundesländer übertragen. Überall ist die Landwirtschaft historisch bedingt durch große Genossenschaften und Kapitalgesellschaften geprägt. In Thüringen fällt der negative Effekt der geplanten Kappung laut Studie prozentual sogar noch stärker aus als in Sachsen, da die durchschnittlichen Betriebsgrößen und die Flächenkonzentration bei Großbetrieben dort noch höher liegen. Neben den direkten Verlusten bei den Betriebseinnahmen drohen der gesamten Region laut der Forschungsarbeit spürbare Folgen auf dem Pacht- und Arbeitsmarkt. Weil viele Großbetriebe Flächen von zahlreichen Kleinverpächtern nutzen, sinken bei fallenden Erträgen auch die Pachteinnahmen von zehntausenden privaten Landeigentümern in den Dörfern. Zudem geraten Arbeitsplätze und Löhne im ländlichen Raum unter Druck. Gefahr für den Umwelt- und Klimaschutz Als besonders kritisch stuft die Forschungsgruppe die geplante Neuordnung der Finanzierung ein. Während die reine Einkommensstützung für Landwirte weiterhin zu 100 Prozent aus EU-Mitteln bezahlt werden soll, müssten Förderprogramme für Umwelt, Naturschutz und ländliche Entwicklung künftig zu einem deutlich höheren Anteil von den Bundesländern und dem Bund mitfinanziert werden. Für Sachsen allein würde demnach das Aufrechterhalten des bisherigen Förderniveaus über sieben Jahre hinweg zusätzliche Kofinanzierungsmittel von rund 240 Millionen Euro erfordern. Ohne verbindliche Mindestquoten für Umweltausgaben besteht die Gefahr, dass finanzschwache Länder Gelder aus anspruchsvollen Naturschutzprogrammen abziehen. Höfe, die unter starkem finanziellen Druck stehen, könnten sich zudem aus freiwilligen Umweltprogrammen zurückziehen. Damit drohe eine Schwächung der über Jahrzehnte aufgebauten Agrarumweltpolitik. Forderungen und Empfehlungen der Forschungsgruppe Die Forscher um IAMO-Direktor Alfons Balmann empfehlen daher dringend, starre Instrumente wie Kappung und Degression aus ostdeutscher Perspektive abzulehnen. Sollten sie auf EU-Ebene durchgesetzt werden, müssten zumindest Ausnahmeregelungen verhandelt werden – etwa die Anrechnung von gezahlten Lohnkosten oder der Verbleib der eingesparten Gelder in den jeweiligen Regionen. Zusätzlich fordert die Forschungsgruppe die Landwirtschaftsbetriebe auf, ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle aktiver zu erklären. Gerade große Betriebe müssten deutlicher machen, welche Bedeutung sie für Arbeitsplätze, die regionale Wirtschaft und das Erreichen von Umwelt- und Klimazielen auf dem Land haben.