EU-Kommissar zur Energiekrise: EU muss sich von Gas und Öl befreien
Europa muss sich angesichts einer neuen Energiekrise konsequent aus der Abhängigkeit von Öl und Gas befreien und die Energiewende beschleunigen, fordert der EU-Kommissar für Energie.
Der amerikanische Humorist Will Rogers stellte fest, dass es in dieser Welt drei Arten von Menschen gibt: diejenigen, die durch Lesen lernen; diejenigen, die durch Beobachtung lernen; und den Rest, der selbst gegen den Elektrozaun pinkeln muss.
In Europa haben wir auf die harte Tour gelernt.
Die russische Invasion der Ukraine und ihre Folgen haben unser Energiesystem auf den Kopf gestellt. Vor Kurzem hat der Konflikt in der Golfregion neue Schockwellen ausgelöst. Aufgrund unserer Erfahrungen mit der Energiekrise im Jahr 2022 war Europa darauf besser vorbereitet. Tatsache ist jedoch, dass wir immer noch externen Einflüssen ausgeliefert sind.
Seit Beginn des Konflikts hat die EU über 100 Milliarden Euro mehr für importiertes Öl und Gas ausgegeben als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Diese Lektion ist nicht nur hart, sondern auch teuer.
Und sie könnte nicht deutlicher sein: Wir müssen so weit wie möglich und so bald wie möglich unabhängig von der Einfuhr fossiler Brennstoffe werden. Je mehr saubere Energie wir aus heimischen Quellen wie erneuerbaren Energien, Kernenergie und Geothermie selbst erzeugen, desto niedriger werden unsere Rechnungen. Gleichzeitig sorgen wir so auch für unsere Versorgungssicherheit, senken unsere Emissionen und stärken unsere Energieunabhängigkeit.
Erneuerbare Energien sind "Made in Europe"!
Dies ist also die Richtung, die es einzuschlagen gilt. Im vergangenen Jahr haben wir unser Energiesystem um 89 Gigawatt an erneuerbarer Energie erweitert – dabei reicht ein Gigawatt aus, um bis zu eine Million Haushalte mit Strom zu versorgen. Und zum ersten Mal überhaupt hat die EU mehr Strom aus Solar- und Windenergie als aus fossilen Brennstoffen erzeugt.
Mit anderen Worten: Ein größerer Teil unserer Energie ist jetzt "Made in Europe", was unsere Abhängigkeit von der Einfuhr fossiler Brennstoffe verringert. Seit 2022 haben wir unseren Gasverbrauch erheblich gesenkt, und zwar um etwa 17 Prozent.
Zur Person
Dan Jørgensen ist ein sozialdemokratischer Politiker aus Dänemark und seit 2024 Kommissar für Energie und Wohnen in der EU. Zuvor hatte er in seinem Heimatland mehrere Ministerämter inne, zuletzt war er unter Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ab 2019 Energie- und Klimaminister.
Aber es geht nicht nur darum, wie Europa Strom erzeugt, sondern auch darum, wie wir ihn miteinander teilen. In den vergangenen Jahrzehnten haben die EU-Länder ihre Strommärkte so stark wie nirgendwo anders auf der Welt miteinander vernetzt. Dadurch wird es wesentlich einfacher, einander in Zeiten des Bedarfs mit Strom zu versorgen und Strom grenzüberschreitend zum günstigsten Preis zu kaufen und zu verkaufen.
Wir werden den russischen Gashahn zudrehen
Diese Fortschritte haben die Grundfesten unseres Energiesystems verstärkt. Aber können diese Grundfesten in solch unsicheren Zeiten standhalten? Ich bin davon überzeugt, sie können und werden – solange wir an einer verlässlichen Strategie festhalten. Gute Pläne und Zusagen sind nur ein erster Schritt, auf den eine tatsächliche Umsetzung vor Ort folgen muss. Die Verantwortung dafür liegt bei vielen Akteuren: von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten bis hin zu Regionen und Unternehmen.
Über viele Jahre, sogar Jahrzehnte, haben wir 40 Prozent unserer Erdgaseinfuhren aus Russland bezogen. Jetzt liegt dieser Anteil nur noch bei knapp über zehn Prozent und wird bald auf null sinken, weil wir ein Einfuhrverbot für russisches Gas in den EU-Rechtsvorschriften verankert haben.
Während wir den Gashahn aus Russland zudrehen, öffnen wir die Türen für eine vielfältigere Reihe zuverlässiger Lieferanten. Und diese wissen, dass wir verlässliche Abnehmer sind. Die EU steht für Freihandel – unser Markt ist fair, stabil und offen für Unternehmen. Da der Energiehandel über Erdöl und Erdgas hinausgeht, strebt Europa außerdem eine Diversifizierung der Energiequellen an, wobei Elektrizität und neue saubere Energieträger schrittweise ausgebaut werden.
Europäische Unternehmen sind der Schlüssel
Des Weiteren umfasst ein Energiesystem viele Akteure aus dem öffentlichen und privaten Bereich. Dies könnte unterschiedliche Interessen mit sich bringen, aber in Europa spielen wir als Team. Die Mitgliedstaaten stimmen sich eng ab, um Notfallverfahren festzulegen und die Nutzung von Öl- und Gasreserven einzuleiten.
Die europäischen Unternehmen spielen eine Schlüsselrolle – sie beziehen auf dem Weltmarkt die Energie, die wir benötigen, zum bestmöglichen Preis. Darüber hinaus ist Europa attraktiv für Investoren, die unsere Stabilität und Berechenbarkeit schätzen.
Auch deshalb wurde in den vergangenen Jahren massiv in die Energieinfrastruktur der EU investiert: Seit 2023 machen erneuerbare Energien den größten Anteil privater Investitionen in die europäische Infrastruktur aus. Die Investitionen beliefen sich 2024 auf 15,5 Milliarden Euro – ein Wachstum von mehr als 150 Prozent seit 2020.
Einfacher gesagt: Wir arbeiten besser, wenn wir zusammenarbeiten.
Kernenergie und Kernfusion können als Backup dienen
Überdies müssen wir in eine neue Phase der Energiewende eintreten: die Beschleunigung. Wir stärken das europäische Energienetz, indem wir die Wartezeiten für Projekte im Bereich der sauberen Energie verkürzen, grenzüberschreitende Verbindungen stärken und die Netzplanung verbessern. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Wirtschaft der EU zu elektrifizieren, damit unsere Haushalte, Industrien und Verkehrsträger alle von der billigen, sauberen Energie profitieren können, die wir selbst erzeugen.
Um unsere erneuerbaren Ressourcen mit einem zuverlässigen Backup auszustatten, können wir uns auf die bestehenden Kernkraftanlagen stützen und auch die nächste Generation der Kernenergie voranbringen. Durch die Stärkung der Zusammenarbeit der EU bei neuen Technologien wie kleinen modularen Reaktoren und Kernfusion können wir Europa in den Mittelpunkt des nuklearen Fortschritts stellen.
In den kommenden Monaten werden wir darlegen, wie das europäische Energiesystem in den nächsten zehn Jahren aussehen soll. Durch die Festlegung konkreter Ziele für erneuerbare Energien, Effizienz und Elektrifizierung bis 2040 können wir zielgerichtet gemeinsam in unser Energiesystem investieren.
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