DAX +0,58 % 25.612,03 Pkt 18:00:00 MDAX -0,55 % 32.216,66 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,53 % 6.344,40 Pkt 18:00:00 Dow Jones -1,02 % 52.208,06 Pkt 22:56:30 S&P 500 +0,12 % 7.437,63 Pkt 22:44:35 Nasdaq +0,99 % 25.122,18 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,97 % 64.940,82 Pkt 04:04:10 Gold +2,74 % 4.145,10 USD 04:09:05 Silber +1,95 % 58,99 USD 04:07:31 Brent -3,02 % 88,00 USD 03:06:23 WTI -3,05 % 81,88 USD 04:09:10 Bitcoin -0,56 % 64.359,65 USD 04:19:07 EUR/USD +0,44 % 1,15180 USD 04:18:23 EUR/GBP -0,26 % 0,85560 GBP 04:19:12 EUR/CHF -0,44 % 0,92860 CHF 04:19:12 EUR/JPY -1,25 % 184,916 JPY 04:19:11

Europas Biotech leidet an Angst, Vorsicht und zu wenig Mut

Wissenschaft

Europa hat kein Ideenproblem und kein Geldproblem. Es hat ein Psychologieproblem. Deutschland und Europa produzieren Weltklasse-Wissenschaft. Exzellente Gründer, bahnbrechende Innovationen, medizinische Technologien, die Leben retten könnten. Und trotzdem: Das Kapital bleibt auf der Seite. Martina Lackner ist Psychologin, Unternehmerin und Expertin für die Psychologie hinter Entscheidungen. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Die Erklärung von Ökonomen und Politikern lautet: Europa hat zu wenige Risikokapitalgeber, zu viel Regulierung, zu wenig Risikobereitschaft. Das stimmt, aber es beschreibt das Symptom, nicht die Ursache. Die eigentliche Ursache ist psychologisch. Und sie sitzt tiefer als jede Regulierung. Verluste werden bestraft. Nichtstun nicht Daniel Kahneman und Amos Tversky haben gezeigt: Menschen gewichten Verluste doppelt so stark wie gleichwertige Gewinne. Das gilt für Privatanleger genauso wie für institutionelle Investoren, Fondsmanager und Entscheidungsträger in Banken und Pensionsfonds. In Europa kommt ein kultureller Verstärker dazu: Wer investiert und scheitert, trägt Verantwortung. Wer nicht investiert und nichts passiert, auch. Die gesellschaftliche und institutionelle Reaktion ist jedoch asymmetrisch. Ein gescheitertes Investment in ein Startup wird intern hinterfragt. Eine verpasste Chance auf einen späteren Milliarden-Exit nicht. Das Ergebnis: Vorsicht wird belohnt. Mut nicht. Das formt Entscheidungskultur über Generationen. ANZEIGE ANZEIGE Niemand will der Erste sein In den USA gibt es eine Kultur des „first mover“: Wer früh einsteigt, gewinnt Status und Rendite. In Europa dominiert das Gegenteil: abwarten, bis andere investiert haben, bis Social Proof vorhanden ist, bis das Risiko sich verteilt hat. Das ist kein Zufall. Es ist Herdenverhalten, einer der interessantesten Befunde der Verhaltensökonomie. Je unsicherer das Umfeld, desto stärker das Herdenverhalten. Europa steckt in dieser Falle und zieht sie durch institutionelle Strukturen noch fester zu. Das Zeithorizont-Problem Amerikanische Universitäts-Endowments und Family Offices denken in Jahrzehnten. Sie können es sich leisten, auf einen Life-Science-Exit zu warten, der 10 oder 15 Jahre dauert. Europäische Pensionsfonds und Banken denken in kürzeren Zyklen, getrieben durch regulatorische Anforderungen, Quartalsberichte und kurzfristige Renditeziele. Life Science passt nicht in diesen Rhythmus. Das ist kein Versagen einzelner Entscheidungsträger, sondern ein systemisches Mismatch zwischen dem Zeithorizont von Innovationen und dem Zeithorizont von Kapitalgebern. Ambiguität: Die Blockade, die niemand kennt Ambiguität bedeutet: Man weiß nicht einmal, was man nicht weiß. Keine verlässlichen Wahrscheinlichkeiten, keine historischen Vergleichsdaten, kein klares Szenario. Und Menschen meiden Ambiguität stärker als jedes bekannte Risiko. Ein konkretes Beispiel: Viele Menschen wählen lieber eine bekannte Route mit 30 Minuten Stau als eine unbekannte Abkürzung, die vielleicht 15 Minuten spart, aber vielleicht auch in einer Sackgasse endet. Das Risiko der langen Route kennen sie. Die Ambiguität der Abkürzung ertragen sie nicht. Genau das passiert bei Investitionen in Biotech und Medtech. Unklare Regulierung, lange Entwicklungszeiten, schwer vorhersehbare Zulassungsszenarien sind keine kalkulierbare Unsicherheit, sondern echte Ambiguität. Selbst erfahrene Investoren ziehen sich zurück, nicht weil die Chance fehlt, sondern weil die Ungewissheit unerträglich wirkt. Dass dies keine theoretische Beobachtung ist, belegt der jüngste EY German Biotechnology Report 2026 eindrücklich: „Das Kapital ist vorhanden, aber es konzentriert sich auf wenige. Viele wachstumsstarke Biotech-Firmen kämpfen ums Weiterkommen.“ Klaus Ort, Senior Partner Life Sciences & Health, EY-Parthenon Was das für Unternehmen bedeutet Wer als Unternehmen in Europa Kapital sucht, kämpft nicht nur gegen Marktbedingungen, sondern gegen tief verankerte kognitive Muster auf der anderen Seite des Tisches. Das bedeutet: Der beste Pitch adressiert Verlustaversion, liefert Social Proof, klärt Zeithorizonte und baut Ambiguität ab, bevor der Investor die erste Folie gesehen hat. Psychologie erklärt das Problem. Die Lösung liegt jenseits davon. Was klar ist: Die beschriebenen Muster werden durch gesetzliche Rahmenbedingungen verstärkt, die Vorsicht belohnen und Mut bestrafen. Ob und wie sich das ändern lässt, ist eine politische und wirtschaftliche Frage. Was die Psychologie dazu beitragen kann, ist Klarheit über die eigentlichen Ursachen. Denn solange die Debatte über europäisches Kapital rein ökonomisch geführt wird, wird sie an den zugrundeliegenden Mechanismen vorbeigehen. Menschen entscheiden nicht rational. Sie entscheiden nur menschlich.

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