Europas Gasspeicher vor dem Winter nur zu 65 Prozent gefüllt
EU-Speicher auf 15-Jahres-Tief, LNG-Preise auf 3,5-Jahres-Hoch: Der Iran-Krieg und zögerliche Einkäufe gefährden die Energieversorgung.
Europa geht ein hohes Risiko ein. Die Gasspeicher der EU sind Ende August nur zu 65 Prozent gefüllt – der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit mindestens 15 Jahren.
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Wie das Wall Street Journal (WSJ) berichtet, haben Unternehmen den Einkauf von Erdgas bewusst aufgeschoben. Die Wette: Der Krieg im Iran endet bald, Katar kann seine LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus wieder aufnehmen, die Preise sinken. Diese Rechnung geht bisher nicht auf.
Die LNG-Preise kletterten diese Woche auf ein Dreieinhalbjahreshoch. Die niederländischen TTF-Gas-Futures, Referenzpreis für die Region, überschritten 74 Euro pro Megawattstunde – mehr als eine Verdopplung seit Jahresbeginn.
Laut Bloomberg benötigt die Region noch über 100 Terawattstunden Gas im Wert von mehr als 7 Milliarden Euro, um selbst das abgesenkte Speicherziel von 75 Prozent zu erreichen. Goldman Sachs, Rystad Energy und Morningstar halten Winterpreise über 100 Euro pro Megawattstunde für möglich.
„Europa geht mit einem Rekordtiefstand in den Winter, und die Marktpreise verhalten sich so, als wäre das in Ordnung“, sagte Simone Turri, Leiter des Gasdesks für Westeuropa bei der Schweizer MET Group, gegenüber dem WSJ. „Irgendetwas muss nachgeben.“
Deutschland mit historischem Tiefstand
Besonders kritisch ist die Lage in Deutschland. Die größten Speicher des Kontinents sind nur etwas mehr als zur Hälfte gefüllt.
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Der Gasspeicherverband INES meldete historisch niedrige Füllstände: Mitte August lagen sie bei 49 Prozent – im Vorjahr waren es 67 Prozent. Selbst bei voller Nutzung der gebuchten Kapazitäten würde die gespeicherte Menge bei extrem tiefen Temperaturen nicht ausreichen.
Ein Grund für die Zurückhaltung der Händler: Der negative Sommer-Winter-Spread macht die Einlagerung zum Verlustgeschäft. Sommergas kostet derzeit mehr als Wintergas – ein ökonomischer Anreiz zum Einspeichern fehlt schlicht.
Iran-Krieg drosselt LNG-Lieferungen
Die Straße von Hormus bleibt faktisch blockiert für LNG-Tanker. Laut Schiffsverfolgungsdienst Kpler verlassen nur wenige die Meerenge, was auch durch eine Bloomberg-Analyse bestätigt wird.
Von Katars 14 Produktionslinien in Ras Laffan sind laut Wärmebildaufnahmen nur sechs in Betrieb. So ruderte QatarEnergy nach einer kurzen Produktionssteigerung im Juni erneut zurück, als die Gefechte wieder aufflammten, erklärte Wael Sawan, Vorstandsvorsitzender von Shell, gegenüber dem WSJ.
Wood-Mackenzie-Analyst David Lewis schätzt, dass Katar rund zwölf Wochen bräuchte, um die LNG-Produktion vollständig hochzufahren – zwei Anlagen sind durch iranische Angriffe beschädigt.
Folgen für Verbraucher und Strommärkte
Die steigenden Gaspreise schlagen bereits auf die Strommärkte durch: An der Börse EEX liegen die Herbst-Futures über den Winter-Futures – eine Anomalie, wie es sie zuletzt während der Energiekrise 2022 gab. Haushalten drohen bis zu 600 Euro Mehrkosten beim Heizen.
Etwas Hoffnung gibt das Wetter. Meteorologen erwarten einen „Super-El-Niño“, der Europa einen ungewöhnlich warmen Winter bringen könnte. Die Weltorganisation für Meteorologie prognostiziert „mit überwältigender Wahrscheinlichkeit“ überdurchschnittliche Temperaturen. Ob das reicht, um die gefährlich niedrigen Speicherstände auszugleichen, bleibt offen.