Eva Mamlok: Die junge Kreuzberger Jüdin, die sich Hitler widersetzte
Berlin-Kreuzberg, Anfang der 1930er-Jahre: Ein Mädchen steigt auf das Dach des Warenhauses Tietz am Halleschen Tor. Dort schreibt sie drei Worte auf das damals noch vom Hochbahnsteig sichtbare Dach: "Nieder mit Hitler!"
Für die Aktion wird sie verhaftet. Weil sie zu diesem Zeitpunkt noch keine 14 Jahre alt und damit nicht strafmündig ist, wird Eva Mamlok wieder freigelassen. So erinnert sich jedenfalls ihre spätere Mitstreiterin Inge Berner (damals Gerson). Zeitgenössisch dokumentiert ist die Aktion nicht.
Bisher erinnert der Blücherplatz - wenige Meter entfernt vom ehemaligen Warenhaus Tietz - an Gebhard Leberecht von Blücher, einen Generalfeldmarschall der preußischen Armee, der 1815 in der Schlacht bei Waterloo maßgeblich am Sieg über Napoleon beteiligt war.
Am heutigen Freitag wird der Platz nach Eva Mamlok benannt. Wer war diese junge Kreuzbergerin, die schon vor der NS-Machtübernahme gegen Hitler protestiert haben soll, mit 16 Jahren im Konzentrationslager saß und anschließend trotzdem weiter Widerstand leistete?
Eva Mamlok wird am 6. Mai 1918 in Berlin in eine jüdische Weinhändlerfamilie geboren. Gemeinsam mit ihren Eltern Albert und Martha und ihrer älteren Schwester Hildegard wächst sie in der Neuenburger Straße 3 in Kreuzberg auf.
Ihr Vater betreibt mit seinem Bruder eine Weingroßhandlung, die 1932 aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen schließt. Im selben Jahr eröffnet ihre Mutter eine Wein- und Spirituosenhandlung im Wohnhaus der Familie. Albert Mamlok stirbt 1936 an einer nicht näher bekannten Erkrankung. Nach den Novemberpogromen 1938 verbietet das NS-Regime Jüdinnen und Juden den Betrieb von Einzelhandelsgeschäften und auch Martha Mamlok muss ihre Weinhandlung aufgeben.
Eva Mamlok ist zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren politisch aktiv. Bis zu deren Zerschlagung 1933 engagiert sie sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), danach geht sie in den illegalen Widerstand. Am 21. November 1934 legt Mamlok gemeinsam mit dem Sozialisten Edgar Würgau aus Neukölln Blumen auf den Gräbern der ermordeten KPD-Gründer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nieder.
Die Nationalsozialisten nehmen sie daraufhin in sogenannte Schutzhaft, Mamloks erste aktenkundige Verhaftung. Am 20. Dezember 1934 bringen sie die 16-Jährige in das Frauen-KZ Moringen in Niedersachsen. Laut Lagerunterlagen verhält sie sich auch dort widerspenstig und schließt sich Kommunistinnen an. Ihre Haft wird verlängert. Erst am 8. Mai 1935 kommt Mamlok wieder frei.
Und sie macht weiter: Zurück in Berlin leistet Eva Mamlok erneut Widerstand und lernt über eine Gruppe Gleichgesinnter Pieter Siemsen kennen. Mit ihm ist Mamlok liiert, bis er 1937 nach Argentinien auswandert. Aus Siemsens Nachlass stammen das einzige bekannte Foto von Eva Mamlok sowie ihr Abschiedsbrief an Siemsen. Weitere Schriftstücke von Mamlok sind nicht bekannt.
Zwei Jahre nach Siemsens Auswanderung wird Eva Mamlok Mutter. 1939 kommt ihre Tochter Tana zur Welt. Wer der Vater ist, ist nicht geklärt. Inge Berner erinnert sich später, dass er nicht jüdisch gewesen sei und Mamlok ihn geschützt habe.
Eva Mamlok muss als Jüdin ab 1940 in der heutigen Lobeckstraße in Kreuzberg Zwangsarbeit leisten. Dort arbeitet sie für die Schraubenfabrik Butzke, die auch für die Rüstungsindustrie produziert. Bei Butzke lernt sie 1941 Inge Gerson kennen, die später Inge Berner heißen wird, und die beiden Frauen freunden sich an.
Während der Zwangsarbeit singt Mamlok an einer Drehmaschine Lieder aus Brechts damals verbotener "Dreigroschenoper", erinnert sich Berner. Berner beschreibt ihre Freundin Jahrzehnte später als "sehr schön, voller Lebensfreude und ständig singend".
Auch während der Zwangsarbeit engagieren sich Mamlok und Berner gegen das NS-Regime: Sie verleihen verbotene Bücher, verteilen Flugblätter und kleben Zettel mit Parolen an Hauswände. Weitere Frauen in der Fabrik schließen sich dem Netzwerk um Eva Mamlok an. Als ein Vorarbeiter die Frauen im September 1941 wegen der verbotenen Bücher denunziert, werden Berner und Mamlok sowie eine weitere Frau aus der Gruppe verhaftet.
Nach den späteren Erinnerungen Berners werden die drei Frauen wegen "Zersetzung der Wehrkraft" zunächst sogar zum Tode verurteilt. Das Urteil soll später in eine Deportation umgewandelt worden sein.
Im selben Jahr stirbt Eva Mamloks ältere Schwester Hildegard an Tuberkulose. Berner und Mamlok werden 1942 schließlich nach Riga deportiert. Kurz vor der Deportation darf Mamlok unter Polizeibegleitung noch einmal zurück in ihre Wohnung, um sich von ihrer zweijährigen Tochter Tana zu verabschieden. Es ist das letzte Mal, dass Mutter und Tochter sich sehen. Tana bleibt zunächst bei ihrer Großmutter in Berlin. Eva Mamlok ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt.
In Riga und später im KZ Riga-Kaiserwald müssen Berner und Mamlok erneut Zwangsarbeit leisten. Um die Verbrechen dort zu dokumentieren, lässt sich Mamlok nach Berners Erinnerung eine Kamera - versteckt in einem Kuchen - nach Riga schmuggeln. Ob Mamlok tatsächlich fotografierte und ob Aufnahmen erhalten sind, ist nicht bekannt.
Im Oktober 1942 wird auch Eva Mamloks Mutter Martha gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa Peiser nach Riga deportiert. Die Nationalsozialisten ermorden beide nach ihrer Ankunft.
Tana Mamlok bleibt in einem jüdischen Waisenhaus in Berlin zurück. In den Unterlagen zu ihrer späteren Deportation wird die Dreijährige als "Waisenkind" bezeichnet - obwohl ihre Mutter zu diesem Zeitpunkt noch lebt. Am 29. November 1942 lösen die Nationalsozialisten das Waisenhaus auf und deportieren Tana und 49 andere Kleinkinder nach Auschwitz. Dort werden sie ermordet.
Inge Berner und Eva Mamlok werden schließlich voneinander getrennt, als die SS das KZ Riga-Kaiserwald im Herbst 1944 räumt und die beiden in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert werden. Hier verliert sich die Spur von Mamlok fast vollständig. Was sie in ihren letzten Lebensmonaten in Stutthof erlebt, ist kaum überliefert. Übrig bleiben nur die Dokumente der Täter.
Am 23. Dezember 1944 um 8:35 Uhr stirbt Eva Mamlok in Block 21. Als Todesursache trägt der SS-Lagerarzt "allgemeine Körperschwäche" ein. Eva Mamlok ist 26 Jahre alt.
Dass heute so viel über Eva Mamlok bekannt ist, liegt vor allem an Inge Berner. Sie überlebt Stutthof und berichtet nach dem Krieg immer wieder über ihre Freundin und den gemeinsamen Widerstand. Dennoch bleibt Mamloks Geschichte lange weitgehend unbekannt.
2011 wird ein Stolperstein für sie in der Neuenburger Straße 1 in Kreuzberg verlegt - unmittelbar in der Nähe der Wohnung, in der sie aufgewachsen ist. Später folgen weitere Stolpersteine für Mitglieder ihrer Familie. Ab 2023 rekonstruiert ein Forschungsteam um die Kulturhistorikerin Jutta Faehndrich Mamloks Biografie. 2024 widmet ihr das Friedrichshain-Kreuzberg-Museum auf Grundlage dieser Forschung eine Sonderausstellung. Im Mai 2026 gibt das Bundesfinanzministerium eine Briefmarke zu ihren Ehren aus.
Ob Mamlok tatsächlich als 13-Jährige auf das Dach des Warenhauses Tietz stieg und dort "Nieder mit Hitler!" schrieb, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Dass sie sich in den folgenden Jahren immer wieder gegen das NS-Regime stellte, ist dagegen vielfach dokumentiert.
Am heutigen Freitag wird der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den Blücherplatz in Eva-Mamlok-Platz umbenennen. Mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod steht Eva Mamloks Name dort, wo ihr Widerstand begonnen haben soll.