Expertin erklärt, wann es für Hunde tödlich wird
Startseite Lokales Rotenburg / Bebra Gewässer kippen um: Expertin erklärt, wann es für Hunde gefährlich wird Von: Elisabeth Sennhenn Uns auf Google folgen Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg drohen Gewässer wegen der Hitze umzukippen. Trinkt ein Hund Wasser mit giftigen Blaualgen, ist das häufig tödlich. Cornberg – Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gilt aktuell ein Entnahmeverbot von Wasser aus Flüssen, Bächen und Seen aufgrund kritischer Pegelstände. Außerdem droht wegen der Hitze die Gefahr, dass Gewässer „umkippen“. Wir haben mit der Limnologin Dr. Petra Podraza, Expertin für Binnengewässer aus Cornberg, gesprochen. Sie engagiert sich in der Nabu-Gruppe Solz. Was genau passiert, wenn ein Gewässer „umkippt“? Grundsätzlich bedeutet es, dass dort durch biologische Prozesse mehr Sauerstoff verbraucht wird als neuer entsteht, mit gravierenden Folgen. In der Wissenschaft spricht man von einem hypertrophen Zustand des Gewässers. Darin haben sich Nährstoffe so stark angereichert, dass Algen gedüngt werden und sich explosionsartig vermehren. Die oberen Algenschichten beschatten die unteren, die absterben. Sie werden von Bakterien abgebaut, was große Mengen Sauerstoff verbraucht. Solche Gewässer sehen von oben grün aus wegen der Algen, das Wasser darunter wird schwarz und riecht, wenn das Gewässer sauerstofffrei ist, nach verfaulten Eiern. Woran orientiere ich mich im Zweifel, ob ich ein Gewässer betreten kann? Badegewässer müssen als solche behördlich ausgewiesen sein, alles andere ist auf eigenes Risiko. Algenmassen schwimmen an der Oberfläche, bilden grüne oder bräunlich-schwarze Decken. Das kann auch wie grüner Pudding aussehen. In solchem Wasser bitte keinesfalls den Hund schwimmen lassen. Welche Gewässer sind besonders gefährdet? Vor allem stehende Gewässer ohne Zu- und Ablauf, weil dort kein Sauerstoffaustausch stattfindet. Tümpel, Teiche, Seen, Weiher sind weitgehend geschlossen und anfällig für Zehrungsprozesse. Bei Fließgewässern kommt immer sauerstoffreicheres Wasser nach und Algen werden ausgespült. Zudem werden dort hohe Nährstoffkonzentrationen verdünnt. Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel? Er führt dazu, dass die Temperaturen früher im Jahr steigen, als das sonst der Fall war. Das erleben wir gerade. Ist es längere Zeit warm, erwärmen sich auch die Gewässer eher und länger. Dann kann sich rein physikalisch weniger Sauerstoff lösen als in kaltem Wasser. Nährstoffe werden zudem bei Wärme schneller von Algen und Pflanzen aufgenommen. Das Algenwachstum wird angeregt, vorrangig Grün-, Gold- und einige Kieselalgen. Sie profitieren von der durch den Klimawandel verlängerten Vegetationszeit. Setzt dann die Bakterienaktivität ein, gerät das Wasser schneller in einen anaeroben Zustand, Tiere und Wasserpflanzen sterben. Insgesamt kann es heute klimabedingt eher zu einem Umkippen kommen als noch vor etwa 15 Jahren. Oft hört man von Cyanobakterien, wenn Badeseen gesperrt werden. Sie werden auch umgangssprachlich als Blaualgen bezeichnet, wobei es sich vom Zellaufbau her um Bakterien handelt, die Licht aufnehmen und sich verhalten wie Algen. Sie betreiben Fotosynthese und können sich explosionsartig vermehren. Es gibt verschiedenste Cyanobakterien, aber ein Teil von ihnen bildet ein Gift, das bei Menschen allergische Reaktionen bis zum anaphylaktischen Schock führen kann. Trinkt ein Hund dieses Wasser, ist dies häufig tödlich. In den meisten Gewässern kommen sie in geringen Konzentrationen vor, oft sind es nicht die toxinbildenden Arten. Blaualgen bedeuten nicht gleich, dass der See umkippt - das passiert erst, wenn sich Unmengen von Algen bilden und der Sauerstoff verbraucht ist. Was ist mit anderen Mikroorganismen? Auch das Vorhandensein von beispielsweise Fäkalkeimen wie E.-coli-Bakterien führt zwar zu Beschwerden beim Menschen. Aber solche Keime, die durch die Nähe zu einer Kläranlage oder durch Landwirtschaft in ein Gewässer gelangen können, tragen nicht zum Umkippen bei. Diese Keime sterben innerhalb einiger Tage ab, da sie keine Wasserorganismen sind. Muss der Mensch im Fall des Falles eingreifen? Jüngst hat zum Beispiel die Feuerwehr Ronshausen Teiche mit Wasserzufuhr unterstützt. Ob solche Maßnahmen wirksam sind, hängt davon ab, wieviel Wasser zugeführt wird, und ob es in hohem Bogen gespritzt wird. Dann ist der Sauerstoffeintrag höher, die Nährstoffdichte wird verdünnt und Algen können nicht mehr so stark wachsen. Zudem kann diese künstliche Wasserzufuhr kühlend wirken und den Stoffwechsel verlangsamen. Wenn es draußen so heiß ist, wie zuletzt, hilft leider nicht mehr viel. Es ist eher wie eine Erste Hilfe, damit Fische nicht sterben. Solche Aktionen müssten wiederholt werden, außer, das Wetter ändert sich und es wird schlagartig kühler. Welche Möglichkeiten gibt es noch, um Gewässer zu retten? Man kann sie beispielsweise chemisch behandeln. So können Nährstoffe gebunden werden und auf den Gewässergrund sinken, wo sie für die Algen nicht mehr erreichbar sind. Dann besteht immer noch die Gefahr, dass sich Phosphate wieder lösen. Deshalb kann man den Grund auch mit Quarzkiesen oder -sand bedecken. Zielführender ist es aber, Schlamm vom Gewässergrund abzusaugen und gleichzeitig den Nährstoffeintrag aus dem Umfeld zu reduzieren: Es darf kein Dünger aus der Landwirtschaft und aus angrenzenden Hausgärten eingespült werden, auch nicht vom Straßenablauf. Von großen Fließgewässern in der Nähe könnte ein Teil durch das stehende Gewässer geleitet werden. Man kann auch Schilfrohr am Ufer anpflanzen, das die übermäßigen Nährstoffe aufnimmt. Sind die Pflanzen im Herbst abgestorben, sollte man sie entsorgen und so die dort gebundenen Nährstoffe mit entfernen. Dieser Prozess muss jedoch jedes Jahr wiederholt werden, sodass es ein paar Jahre dauert, bis der Nährstoffgehalt wirksam gesenkt ist. Die Natur würde nicht für eine Regeneration sorgen? Hervorragend ist ein kräftiger Regenschauer. An meinem ehemaligen Arbeitsort in Nordrhein-Westfalen waren in einem Seitenarm der Ruhr schon die Fische an die Oberfläche gekommen, ich maß kritische Sauerstoffwerte. Wir wollten schon Wasser aus der Ruhr umleiten, da kam uns Petrus zu Hilfe mit Starkregen. Das hat den Fischen das Leben gerettet. Wie sollten wir in Zukunft mit der Gefahr umgehen? Hypertrophie wird ein Problem bleiben. Dennoch ist es für Gemeinden positiv, wenn sie über Kleingewässer wie Teiche verfügen oder welche anlegen, weil diese kleinräumig eine kühlende Wirkung haben. Sie sollten allerdings keine Fische enthalten und keine gefütterten Wasservögel, um Nährstoffeinträge zu vermeiden. Bei Fließgewässern ist darauf zu achten, ob es aufgestaute Bereiche oder stehende Abschnitte gibt, wo sich Nährstoffe anreichern können.