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EZB-Zinsentscheid heute: Sind Leitzinsen von drei Prozent realistisch?

Wirtschaft

EZB-Präsidentin Christine Lagarde Foto: IMAGO/Panama Pictures

EZB-Zinssitzung: Sind Leitzinsen von drei Prozent wirklich realistisch?

Die EZB steht wohl vor dem nächsten Zinsschritt. Die Finanzmärkte rechnen sogar mit weiteren Erhöhungen – doch sie könnten falsch liegen.

GutGut sechs Monate nach Beginn des Iran-Kriegs wird die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag wohl zum zweiten Mal die Leitzinsen anheben. Die Finanzmärkte rechnen mit einem Schritt von 25 Basispunkten. Damit würde der Einlagenzinssatz auf 2,5 Prozent steigen. Das ist der Zinssatz, den Banken dafür bekommen, wenn sie liquide Mittel kurzfristig bei der Notenbank parken. Damit läge der Leitzins auf dem höchsten Niveau seit März 2025.

Doch die große Frage ist, ob dieses Zinsniveau ausreicht, um die gestiegene Inflation zu bekämpfen. Die Finanzmärkte gehen mehrheitlich von einer weiteren Zinserhöhung im Dezember, und einem letzten Schritt bis Mitte 2027 aus. Mehrere Analysten halten jedoch mit ihrer Einschätzung dagegen – demnach wäre der erneute Zinszyklus der EZB mit der Sitzung am Donnerstag schon wieder vorbei. Welche Argumente wird die EZB-Spitze also gegeneinander abwiegen?

Bereits im Juni hatte die Notenbank auf die durch den Iran-Krieg gestiegenen Öl- und Gaspreise reagiert und die Leitzinsen von zwei auf 2,25 Prozent angehoben. Doch die Leitzinsen wirken nur mit Verzögerung und die Blockade der Straße von Hormus halten an. Im August lag die jährliche Inflationsrate im Euroraum, nach vorläufigen Schätzungen, bei 3,3 Prozent. Das ist der höchste Wert seit drei Jahren. Die Energiepreise stiegen im August um gut 14 Prozent. In Deutschland lag die Inflationsrate im selben Monat bei 2,9 Prozent, die Energiepreise stiegen um zehn Prozent.

EZB-Zinsentscheid: Was für eine weitere Zinserhöhung spricht

Eine Öffnung der Straße von Hormus ist nicht in Sicht. Am Montag war der Schiffsverkehr nach gegenseitigen Angriffen der USA und des Iran auf Tanker auf den niedrigsten Stand seit Mai eingebrochen. In den vergangenen zehn Tagen passierten im Durchschnitt nur noch etwa zehn Frachtschiffe pro Tag die Meerenge. Einer Expertenumfrage der Deutschen Bank zufolge halten Analysten eine Öffnung im Zeitraum zwischen Oktober und März kommenden Jahres für am wahrscheinlichsten.

Entsprechend reagieren die Energiemärkte: Der Preis für ein Barrel Öl der Marke Brent nähert sich seit Ende August wieder der 100-Dollar-Marke an. Der Gaspreis ist im vergangenen Monat um gut zwanzig Prozent gestiegen.

Ein weiteres Argument für höhere Leitzinsen ergibt sich aus der Frage, ab welchem Niveau diese tatsächlich die wirtschaftliche Aktivität ausbremsen. Experten schätzen, dass sich der sogenannte neutrale Zins, also das Zinsniveau, das die Wirtschaft weder antreibt noch bremst, erhöht haben könnte.

Darauf gibt es zwei Hinweise: Zum einen zeigt sich die Wirtschaft im Euroraum trotz des Zinsniveaus von 2,25 Prozent vergleichsweise robust. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent in der Eurozone, ausgenommen Irland als volatilen Datenpunkt, trotz der anhaltend hohen Energiepreise. Außerdem vergeben die Banken weiterhin Kredite an Unternehmen. Normalerweise würde das Kreditwachstum in Reaktion auf gestiegene Leitzinsen zurückgehen.

Europäische Wirtschaft zeigt sich robust

Wenn dem so wäre, müsste die EZB die Zinsen über das Niveau von 2,5 Prozent anheben, um einen preisdämpfenden Effekt zu erreichen.

Im EZB-Direktorium gehen die Meinungen über den neutralen Zins auseinander. Die Commerzbank hat Aussagen der EZB-Mitglieder ausgewertet. Demnach schätzt das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel den neutralen Zins auf drei Prozent. Das heißt, die Leitzinsen müssten noch deutlicher steigen, um die Inflation effektiv zu bekämpfen. So erklärt sich auch die jüngste Einschätzung der Ökonomin zum Zinspfad der EZB: „Beim aktuellen Leitzins ist es unwahrscheinlich, dass die Inflation mittelfristig auf das Zielniveau zurückkehrt.“ Da sich der Konflikt im Nahen Osten hinziehe und sich die Wirtschaft im Euroraum robust zeige, werde eine weitere Straffung erforderlich sein.

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Andere Direktoriumsmitglieder gehen eher von einem neutralen Zins zwischen zwei und 2,5 Prozent aus. Das spräche gegen eine geldpolitische Straffung über 2,5 Prozent hinaus. Letztendlich lässt sich der neutrale Zins nicht messen. Die Einschätzungen geben aber zumindest Aufschluss darüber, wie die Geldpolitiker die Lage beurteilen.

Nach der Zinssitzung wird die EZB auch ihre neuesten Vorhersagen über die Inflation und wirtschaftliche Aktivität veröffentlichen. Ökonomen der US-Investmentbank Goldman Sachs gehen davon aus, dass die EZB die wirtschaftlichen Aussichten geringfügig nach oben korrigieren wird. Die Energiepreise alleine bremsen die Wirtschaft (noch) nicht so stark aus wie befürchtet. Das ließe der Notenbank mehr Spielraum für zusätzliche Zinserhöhungen.

EZB-Zinsentscheid: Was spricht gegen weitere Zinserhöhungen?

Um mit der Unsicherheit umzugehen, die der Iran-Krieg und die volatilen Energiepreise auslösen, hatte die Notenbank verschiedene Szenarien entworfen. Diese zeigen, welcher Verlauf von Inflation und Energiepreisen notwendig wäre, um einen größeren Zinszyklus der EZB auszulösen.

Die Szenarien unterscheiden sich darin, wie stark der Anstieg der Inflation ausfällt, wie sehr die gestiegenen Energiepreise auch Lohnerwartungen und Preise in anderen Branchen erhöhen sowie das Ausmaß der Unsicherheit. Vergleicht man diese Szenarien mit der tatsächlichen Inflations- und Energiepreisentwicklung, befindet sich die Wirtschaft allerdings eher im mittleren und nicht im schweren Szenario.

Zum mittleren Szenario hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde Mitte des Jahres gesagt: „Sollte der Schock zu einer starken, wenn auch nicht allzu anhaltenden Überschreitung unseres Zielwerts führen, könnte eine maßvolle Anpassung der Politik gerechtfertigt sein.“ Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, interpretiert die Lage daher so: „Nach unserer Lesart spricht dies eher für vereinzelte Zinserhöhungen.“ Das wäre mit der zweiten Zinserhöhung im September dann erreicht.

Dazu kommt: Trotz der anhaltend hohen Energiepreise gibt es bislang kaum Hinweise auf große Ansteckungs-, sogenannte Zweitrundeneffekte. Unternehmen zögern scheinbar, ihre gestiegenen Kosten an Kunden weiterzugeben – vor allem, wenn sie unter internationalem Wettbewerbsdruck stehen. Gleichzeitig zeigen auch die Lohnerwartungen und die beginnenden Tarifverhandlungen keine starke Reaktion, wobei sich das im Laufe des Jahres noch ändern könnte.

Ein weiteres Argument gegen weitere Zinserhöhungen steckt in den gestiegenen Anleiherenditen. Seit der EZB-Sitzung im Juli seien die Renditen zehnjähriger europäischer Staatsanleihen um 14 Basispunkte gestiegen, beobachtet Mabrouk Chetouane, Chefstratege des Vermögensverwalters Natixis Investment Managers. Der Anstieg sei vollständig auf die realen Renditen und nicht auf höhere Inflationserwartungen zurückzuführen. Das heißt, die Finanzierungsbedingungen im Euroraum hätten sich bereits verschärft, was eine zusätzliche Straffung der EZB überflüssig mache.

Die Schlussfolgerung des Natixis-Chefstrategen: „Die EZB dürfte nach dem erwarteten Zinsschritt eine Pause bis zum Jahresende signalisieren, um den Markterwartungen einer weiteren geldpolitischen Straffung entgegenzuwirken.“

Während der Pressekonferenz am Donnerstag werden sich also alle Augen darauf richten, wie sich die Prognosen der EZB verändert haben, wie EZB-Präsidentin Lagarde über die Risiken höherer Inflation und einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung spricht – und wie stark sie die Markterwartungen mit ihrer Wortwahl tatsächlich einfangen wird.

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