Fahrdienste mit Uber, Bolt & Co.: „Berlin könnte die erste große Stadt sein, in der man kein eigenes Auto mehr haben muss“
Von den etwa 1,2 Millionen Privatautos in Berlin sind maximal 70.000 gleichzeitig unterwegs; zu den meisten Tageszeiten noch deutlich weniger. Mehr als 95 Prozent der Zeit stehen sie herum und belegen knappen Platz. Neben Carsharing-Autos gelten Fahrdienste wie Uber, Bolt & Co. als Abhilfe gegen diese Ressourcenverschwendung. Doch bisher fehlte es an Daten zum tatsächlichen Effekt dieser Angebote im Verkehrsmix.
Unter Regie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) wurde jetzt die reale Nutzung der Mietwagen mit Fahrer ermittelt – zunächst bundesweit, aber Berlin als mit Abstand größtes Einsatzgebiet ging am stärksten in die Statistik ein. Am Dienstag wurden erste Ergebnisse der Studie präsentiert, für die Hunderttausende Fahrt- und Buchungsdaten des Anbieters Bolt verarbeitet wurden. Die wurden mit Strukturdaten zu Einwohnern und Mobilität sowie Fahrplänen von Bussen und Bahnen kombiniert.
Durch Mehrschichtbetrieb und die Menge der Buchungen würden Bolt-Fahrzeuge pro Tag fast zwölfmal so lange genutzt wie private Autos, berichtet der Verkehrsingeneur Benno Bock, dessen Büro Catchment die Daten ausgewertet hat. Bei den Personenkilometern – also der Summe der von allen Fahrgästen zurückgelegten Strecken – komme ein Mietwagen auf die 23-fache Auslastung. Bei den Personenfahrten – also der Zahl der absolvierten Wege – sei es sogar Faktor 46 gegenüber einem durchschnittlichen Privatauto.
Die Mietwagen sind zu 37 Prozent der theoretisch möglichen Zeit ausgelastet
Mit dieser Auslastung sind die Mietwagen laut der Datenanalyse längst nicht am Limit, sondern nur zu 37 Prozent der theoretisch möglichen Zeit gebucht. Der Zeitgewinn für die Fahrgäste bis zur Abfahrt wurde mit 1,4 Minuten errechnet. Allerdings sind große Abweichungen von diesem Durchschnittswert möglich: Wer eine BVG-Haltestelle vor der Tür hat und dort pünktlich zur Abfahrt von Bus oder Bahn ankommt, ist schneller weg als jemand, der am Stadtrand seinen Anschluss verpasst hat.
Genau wegen solcher Fälle würden sich viele Stadtbewohner nicht von ihrem Privatauto trennen, sagt Andreas Knie, Verkehrsforscher am WZB: Selbst in hervorragend erschlossenen Gebieten würden Anwohner ihr Auto als „Mobilitätsversicherung“ behalten. Da auch der beste öffentliche Nahverkehr nie lückenlos und störungsfrei funktionieren werde und sich nicht jeder Weg mit dem Fahrrad absolvieren lasse, könne „Ridehailing“, also die Nutzung von Mietwagen und Fahrdiensten, der Ausweg sein – gerade in Berlin.
„Wir könnten die erste große Stadt in Deutschland sein, in der man wirklich kein eigenes Auto mehr haben muss – ohne Qualitätsverlust“, sagt Knie. Damit das gelingt, müsse aber „der öffentliche Raum neu bepreist werden“. Als Größenordnung nannte Knie 365 Euro Parkgebühr pro Jahr für jedes private Auto und beispielsweise 150 Euro für gewerbliche Fahrzeuge.
Hinzu könne eine nach Autogröße und Umweltschädlichkeit des Fahrzeugs gestaffelte City-Maut kommen – mit höheren Tarifen für private Fahrzeuge. „Das kann eine neue Landesregierung machen.“