Fast jeder zählt zur genetischen Hochrisikogruppe - doch das ist völlig okay
Forschende haben knapp 900.000 menschliche Genome analysiert. Das Ergebnis: Jeder Mensch trägt Millionen genetischer Abweichungen – darunter auch solche, die mit Krankheiten verknüpft sind. Das ist allerdings kein Grund zur Panik.
Gentests sollen in bestimmten Fällen Gewissheit über den Gesundheitszustand oder die Risiken und Ursachen für Erkrankungen wie Brustkrebs geben. Doch eine neue Großstudie der Universität Exeter zeigt: Das menschliche Erbgut steckt voller Auffälligkeiten – und zwar bei jedem von uns. Selbst Varianten, die Fachleute mit Erkrankungen in Verbindung bringen, gehören zum genetischen Normalzustand.
Für ihre Untersuchung wertete das Team um Studienleiterin Caroline Wright die Erbgut-Daten von 879.461 Erwachsenen aus, die an zwei großen Forschungsprogrammen in Großbritannien und den USA teilgenommen hatten. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal "Genome Medicine".
Millionen Genabweichungen – und fast alle harmlos
Um die genetischen Daten einzuordnen, verglichen die Forschenden das Erbgut jedes Teilnehmers mit einem sogenannten Referenzgenom – einer Art Standardvorlage für die menschliche DNA. Das Resultat: Pro Person fanden sich zwischen 4,3 und 5,3 Millionen Stellen, an denen das Erbgut von dieser Vorlage abwich. Das klingt nach einer enormen Zahl, doch die allermeisten dieser Varianten sind weit verbreitet und haben nach derzeitigem Wissen keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit. Nur rund 1,5 Prozent der Abweichungen gelten als selten.
Im Durchschnitt entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei jeder untersuchten Person ein bis drei seltene Varianten, die bereits als Auslöser von Erbkrankheiten bekannt sind. Hinzu kamen rund 50 weitere seltene Veränderungen, deren gesundheitliche Bedeutung bislang unklar ist. Außerdem identifizierten die Forschenden durchschnittlich 229 Varianten, die voraussichtlich die Funktion eines Gens beeinträchtigen.
Entscheidend dabei: Eine potenziell krankheitsrelevante Variante im Erbgut zu tragen, bedeutet keineswegs, auch tatsächlich zu erkranken. Bei vielen Erbkrankheiten müssen beide Kopien eines Gens verändert sein – die von der Mutter und die vom Vater geerbte. Wer nur eine veränderte Kopie besitzt, bleibt in der Regel gesund und ist lediglich Träger der Anlage.
Väter vererben mehr neue Mutationen als Mütter
Mithilfe von 2.334 Familien-Trios – also Mutter, Vater und Kind – ermittelten die Forschenden zudem, wie viele völlig neue Veränderungen bei der Weitergabe des Erbguts entstehen.
Demnach kommt jeder Mensch mit etwa 61 frischen Mutationen auf die Welt, dazu kommen rund zwei weitere, die in einem sehr frühen Entwicklungsstadium auftreten. Bemerkenswert: 75 bis 80 Prozent der zuordenbaren Neumutationen gehen auf den Vater zurück.
Bei drei Krankheiten gehört statistisch jeder zur Hochrisikogruppe
Besonders aufschlussreich ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Forschenden berechneten für 28 verbreitete Erkrankungen – darunter Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden und Schizophrenie – sogenannte polygene Risikowerte. Diese fassen den Einfluss vieler kleiner genetischer Varianten zu einem Gesamtwert zusammen. Das Resultat: Jeder Teilnehmer zählte im Durchschnitt bei drei dieser 28 Krankheiten zu den zehn Prozent mit dem höchsten genetischen Risiko. Bei gut jedem Fünften lag mindestens ein Risikowert sogar unter dem obersten einen Prozent.
Allerdings ist die Aussagekraft dieser Werte begrenzt. Zu den zehn Prozent mit dem höchsten genetischen Risiko zu gehören, bedeutet nicht, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erkranken – der Wert zeigt lediglich die relative Position im Vergleich zu anderen Menschen. Zudem wiesen die Forschenden darauf hin, dass die polygenen Risikowerte bei Teilnehmenden nicht-europäischer Abstammung weniger zuverlässig sind, da die zugrunde liegenden Daten überwiegend in europäischen Bevölkerungsgruppen erhoben wurden.
"Wir haben festgestellt, dass jeder Mensch eine kleine Zahl genetischer Varianten trägt, die mit Krankheiten in Verbindung stehen, obwohl viele davon bei der betreffenden Person keine Erkrankung auslösen werden. Es ist daher entscheidend, den Kontext zu berücksichtigen, wenn man Ergebnisse genetischer Tests interpretiert", ordnet Studienleiterin Wright ein.
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Was das für Gentests in Deutschland bedeutet
Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf den wachsenden Markt für Gentests. Denn wer sein Erbgut analysieren lässt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auffällige Befunde erhalten – schlicht, weil genetische Variation der Normalfall ist. Entscheidend sei daher, solche Ergebnisse niemals isoliert zu betrachten, sondern immer gemeinsam mit Symptomen, der Familiengeschichte und dem persönlichen Lebensstil einzuordnen, betont Wright.
In Deutschland schreibt das Gendiagnostikgesetz vor, dass medizinische Gentests ausschließlich von Ärztinnen und Ärzten veranlasst werden dürfen. Vor und nach der Untersuchung ist eine genetische Beratung vorgeschrieben, wenn es um zukünftige Krankheitsrisiken geht. Im Internet angebotene Selbsttests ausländischer Anbieter sind zwar aus Deutschland erreichbar, verstoßen aber gegen diese Vorgaben. (red)