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Fatih Birol: Keine Normalisierung der Energiemärkte vor 2027

Wirtschaft

Wenige Wochen nach Beginn des Irankriegs hatte Fatih Birol im Gespräch mit der F.A.Z. vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ gewarnt. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) wählte im März drastische Worte, um, wie er sagte, „die Welt vorzuwarnen“. Der Irankrieg habe dramatische Folgen für die globale Öl- und Gasversorgung, doch die Politik habe die Tragweite des Problems noch nicht verstanden.

Rückblickend sieht sich Birol mit seinem Alarmruf im Recht. „Was wir in den vergangenen acht Monaten gesehen haben, bestätigt alles damals Besprochene“, erklärt er nun im Gespräch mit der F.A.Z. Der Preis für ein Fass der Nordseeöl Brent liegt bei knapp 120 Dollar, die Dieselpreise sind doppelt so hoch wie vor dem Irankrieg, und die Aussichten seien trübe. „Ich sehe keinen plausiblen Weg für eine Normalisierung der Energiemärkte bis 2027“, sagt Birol.

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Er sollte es wissen. Seit mehr als elf Jahren leitet Birol die an die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angedockte IEA, die den Industriestaaten seit 1974 als zentrale Informationsquelle und Schaltstelle in Energieversorgungskrisen dient. Der Türke koordinierte die jüngste Freigabe strategischer Ölreserven, zu deren Bevorratung die 32 IEA-Mitglieder verpflichtet sind, und wird als fachliche Autorität auf der ganzen Welt respektiert.

„Zwischen die Fronten geraten“

Birol sieht nicht nur schwarz. Positiv bewertet er, dass der Irankrieg die Golfstaaten zum Bau neuer Handelswege animiere, um die Straße von Hormus zu umgehen. Insbesondere Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate bemühten sich darum, ihre Exportwege für Öl und Gas zu diversifizieren. Auch das auf der ganzen Welt gestiegene Interesse an der Kernenergie begrüßt Birol. „Ich habe schon vor drei Jahren gesagt, dass die Kernenergie ein Comeback erleben wird, und das geschieht nun“, erklärt er.

Ebenfalls positiv in seinen Augen: das enorme Wachstum von erneuerbaren Energien, Elektroautos und Batterien. „Zum ersten Mal seit Jahren sehe ich, dass die Maßnahmen zur Absicherung der Energieversorgung eng mit dem Kampf gegen den Klimawandel verzahnt sind“, zeigt sich Birol erfreut. Die Kombination aus Erneuerbaren, E-Fahrzeugen, Akkumulatoren sowie Kernenergie sei die richtige Antwort auf die hohen Öl- und Gaspreise. Dass die mancherorts wieder verstärkte Kohleverfeuerung von Dauer sein wird, glaubt er nicht.

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortet Birol gleichwohl auf die Frage, ob die Europäer nun sicher durch den Winter kommen. Sie seien „zwischen die Fronten geraten“. Der Gasimport aus den Golfstaaten bleibe unterbrochen. Und dass Europa sich von Öl und Gas aus Russland loslösen will, mache die Lage nicht einfacher.

„Das ist eine große Herausforderung“

„Daher wird es auf den Märkten für Flüssigerdgas zu einem starken Wettbewerb zwischen asiatischen Abnehmern wie Japan, Korea und China sowie den europäischen Abnehmern kommen; dieser Wettbewerb wird die Preise in die Höhe treiben“, betont Birol. Erschwerend kommen die niedrigen Gasspeicherstände in Europa hinzu. „Das ist eine große Herausforderung. Wir können nur hoffen, dass es kein allzu strenger Winter wird“, sagt er.

„Natürlich ist Hoffen keine Strategie, aber das ist nun einmal die Situation, in der wir uns derzeit befinden“, gibt der IEA-Chef nüchtern zu Protokoll. Die Beschränkungen für russische Gasimporte nach Europa würde er trotzdem nicht lockern. „Wenn man denselben Fehler zweimal begeht, ist es kein Fehler mehr“, sagt Birol. Die Europäer sollten sich nicht noch einmal in die russische Abhängigkeit begeben. Birol zufolge haben mehrere Regierungschefs die Frage aufgeworfen, ob die Beschränkungen für russische Gasimporte gelockert werden sollten, wobei sich andere dagegen aussprechen.

Sein Rat in Energiefragen wird geschätzt: Vergangene Woche traf Birol in Berlin Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (beide CDU) und in Budapest Ungarns Ministerpräsidenten Péter Magyar. Diese Woche stehen Reisen nach Singapur zu einem Treffen mit Ministerpräsident Lawrence Wong und nach Brüssel auf dem Programm.

Ohne Atomausstieg wäre dies einfacher

„Ich werde mich mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treffen. Wir beide sehen die Zukunft Europas in der Elektrifizierung und werden darüber sprechen, welche Fortschritte unter ihrer Führung in diesem Bereich erzielt werden sollen“, sagt Birol. Kurzfristig sei auch möglichst viel eigene Öl- und Gasförderung wichtig. Vor allem aber müsse man „so viel Strom wie möglich erzeugen“ und diesen für Verbraucher so erschwinglich wie möglich machen. Nur so stärke man Europas Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit, mahnt der IEA-Chef. In hohen Energiepreisen sieht er einen gefährlichen Nährboden für Extremisten.

Keine Kritik übt Birol an Deutschlands Plänen, die volatile Energieerzeugung aus Wind und Sonne mit neuen Gaskraftwerken abzusichern. Aber man dürfe die Elektrifizierung auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Er macht indes deutlich, dass dies ohne Atomausstieg einfacher wäre. „Ich habe nie verstanden, wie das Land von Immanuel Kant perfekt funktionierende Kernkraftwerke stilllegen und zur Kompensation versuchen kann, grünen Wasserstoff aus Namibia zu beziehen“, sagt Birol. Nicht ausschließen will er, dass die Deutschen künftig modulare Minireaktoren nutzen.

Die IEA gilt als eine der letzten Bastionen der multilateralen Zusammenarbeit zwischen Europa, den USA und asiatischen Ländern. „Ich gebe mein Bestes, um die Länder diplomatisch und bei den Themen, bei denen sie sich einig sind, auf einen Nenner zu bringen, und das funktioniert gut“, sagt Birol. Doch das Zusammenbringen erfordert Mühe, Zeit, viele Reisestunden und manchmal persönliche Zugeständnisse: „Ich habe mich sehr über das großartige Treffen mit Bundeskanzler Merz gefreut – er ist ein großartiger Staatsmann –, aber der Preis dafür war, dass ich das Champions-League-Spiel meiner Mannschaft Galatasaray gegen Lille am Berliner Flughafen auf meinem Handy ansehen musste.“

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