Fehlgeschlagene Hinrichtung: Mörderin Christa Pike wird im Krankenhaus behandelt – UN
Bei der ersten geplanten Hinrichtung einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren ist es zu Komplikationen gekommen. Nach Darstellung von Christa Pikes Verteidigern lebte die 50-Jährige auch nach der Verabreichung zweier Giftspritzen zunächst noch, wie aus einem entsprechenden Gerichtsdokument hervorgeht. Die 50-Jährige werde in einem nahe gelegenen Krankenhaus behandelt, ihr Zustand sei unbekannt, teilten Pikes Anwälte am Mittwoch (Ortszeit) mit.
„Um 20.26 Uhr berichteten Zeugen der Hinrichtung, dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche“, heißt es in Gerichtsunterlagen. Pikes Anwälte kritisierten den Ablauf der Hinrichtung scharf. Zu den Problemen hätten „geplatzte Venen und minderwertiges Pentobarbital“ gehört. Zudem sei nach dem Hinrichtungsversuch keine medizinische Notversorgung verfügbar gewesen.
„Es sieht so aus, als sei das nicht so abgelaufen, wie es hätte ablaufen sollen“, sagte der Journalist John North vom Sender WBIR, der bei der Exekution als Zeuge zugegen war. „Als wir das Gebäude verließen, war sie, soweit wir wissen, vermutlich noch am Leben“, fügte er hinzu.
Die Journalistin Kim Chandler von der Nachrichtenagentur Associated Press sagte dem Sender CBS News, dass Pike zu Beginn der versuchten Hinrichtung bei Bewusstsein war. „Irgendwann fragte sie die Vollzugsbeamten, ob sie sich denn so fühlen solle.“ Nachdem sich die Vorhänge der Todeskammer schlossen, sei zu hören gewesen, wie Pike „laut schnarchte“.
Die Reporterin Catherine Sweeney vom Fernsehsender WPLN berichtete, sie habe von Pike „fast eine Stunde lang sehr laute Atemgeräusche“ gehört. Die anwesenden Medienvertreter seien dann aufgefordert worden, den Bereich zu verlassen.
Die Mutter des Mordopfers, die die Hinrichtung befürwortet hatte, war ebenfalls anwesend. „Es war Chaos“, sagte sie dem Sender NBC. Dem Gouverneur und der Generalstaatsanwaltschaft Tennessee warf die Mutter Versagen vor: „Sie haben es vergeigt“ („They fucked up“).
Hinrichtung am Mittwoch kurzfristig ausgesetzt
Scharfe Kritik kam von der Non-Profit-Organisation Death Penalty Information Center (DPIC), die die Praxis kritisch begleitet: „Dieser Vorfall ist der schlimmste, den wir je erlebt haben, und mit keiner anderen verpfuschten Hinrichtung der Neuzeit zu vergleichen“, sagte der DPIC-Direktor Robin Maher der „New York Times“. „Es gibt keinen Präzedenzfall.“
Pike war 1996 für den Mord an einer damals 19-jährigen Mitschülerin zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. 1995 hatten drei Teenager das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gefoltert und getötet. Die Anwälte der heute 50-Jährigen forderten eine Begnadigung, weil sie die Tat im Alter von nur 18 Jahren beging und als Opfer langjährigen sexuellen Missbrauchs unter psychischen Problemen litt.
UN-Kommissar Türk fordert Gnade für Christa Pike
Auch UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk forderte Gnade für die 50-Jährige. „Die Todesstrafe hat in keiner Gesellschaft einen Platz“, schrieb er auf X. Er sei zudem grundsätzlich „besorgt über den Anstieg der Hinrichtungen“ in den USA. Ihre Zahl ist seit dem erneuten Amtsantritt von Präsident Donald Trump Anfang 2025 sprunghaft gestiegen. Dieser hatte dazu aufgerufen, die Kapitalstrafe häufiger zu verhängen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des DPIC 47 Menschen hingerichtet, der höchste Stand seit 2009. In diesem Jahr waren es bereits 28.
Das UN-Menschenrechtsbüro erklärte zudem: „Der Fall von Christa Pike macht eine Vielzahl von Gründen deutlich, warum die Todesstrafe abgeschafft werden sollte. Das anhaltende körperliche und seelische Leiden durch mehrere gescheiterte Hinrichtungsversuche ist verabscheuungswürdig und grausam.“
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, Pikes Fall zeige abermals, „dass es keine humane Hinrichtungsmethode gibt“. Die Todesstrafe müsse überall abgeschafft werden, forderte die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Julia Duchrow.
Ein US-Bundesgericht in Tennessee hatte am Mittwoch die Hinrichtung kurzfristig ausgesetzt. Das Berufungsgericht sprach von einem „kurzen Aufschub“, bis alle Argumente für und gegen die Exekution der 50-Jährigen geprüft seien. Kurze Zeit später hatte das Oberste Gericht der USA den Weg für die zuvor aufgeschobene Hinrichtung frei gemacht. Die Anordnung des US-Berufungsgerichts vom 30. September werde aufgehoben, verfügte der Supreme Court am Mittwoch.
Immer wieder kommt es zu Komplikationen
Komplikationen wie im Falle Pikes sind bei Hinrichtungen in den USA traurige Realität. Laut einer Untersuchung des DPIC verlief 2022 mehr als ein Drittel aller Hinrichtungen „sichtbar problematisch“ oder nahm übermäßig viel Zeit in Anspruch. Bei einem Fall in Alabama brauchten die Henker drei Stunden, um den intravenösen Zugang zu legen – es war die längste Hinrichtung in der US‑Geschichte.
Als Reaktion auf die gescheiterte Hinrichtung kündigte der republikanische Gouverneur Bill Lee an, die letzte für dieses Jahr geplante Vollstreckung einer Todesstrafe auszusetzen. Lee erklärte laut dem US-Radiosender NPR, er habe eine „umfassende Untersuchung durch eine unabhängige Stelle“ angeordnet, „um genau zu ermitteln, was vorgefallen ist“. Unklar ist noch, ob Pike zu einem späteren Zeitpunkt erneut hingerichtet werden soll. Das Todesurteil besteht formell weiter.
Pike war nach Angaben der offiziellen Webseite der Regierung von Tennessee die einzige Frau, die derzeit im Todestrakt des US-Bundesstaates eine Strafe verbüßte. Sie ist laut der Forschungseinrichtung Cornell Center on the Death Penalty Worldwide die erste Frau seit 1819, die in Tennessee hingerichtet werden sollte. Seit der Wiederzulassung der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976 wurden landesweit 1683 Menschen hingerichtet, darunter 18 Frauen. Zuletzt hatte Tennessee im Mai die geplante Hinrichtung eines Mannes abgebrochen, weil keine geeignete Vene für die Giftspritze gefunden werden konnte.
Die EU erließ Exportverbote
Die Europäische Union lehnt die Todesstrafe strikt ab und hat Exportverbote für Medikamente erlassen, die bei Hinrichtungen in den Vereinigten Staaten zum Einsatz kommen. Auch mehrere US-Pharmaunternehmen schränkten die Abgabe ihrer Produkte an Gefängnisbehörden ein. Dies führte mehrfach zur Verschiebung von Tötungen.
Die Hinrichtung per Giftspritze ist in dem Land die mittlerweile verbreitetste Methode zur Vollstreckung der Todesstrafe. Dabei wird der Verurteilte in der Regel zunächst sediert, anschließend wird ein Muskelrelaxans injiziert, das die Atemmuskulatur lähmt. Zuletzt soll die Gabe von Kaliumchlorid schließlich zum Herzstillstand führen.
Die Behörden in Tennessee verwendeten bei Christa Pike hingegen nur das Medikament Pentobarbital. Henker verabreichten Pike zwei Dosen des stark wirksamen Barbiturats, das sie töten sollte – und letztlich fehlschlug. (doe mit Agenturen)