Festgeldzinsen liegen wieder über EZB-Einlagezins
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Banken zahlen Sparern plötzlich mehr als die EZB – Festgeldzinsen steigen kräftig
Von: Marcel Reich
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Sparer bekommen bei Festgeld wieder deutlich mehr Zinsen. Eine aktuelle Auswertung zeigt, warum Banken plötzlich mehr zahlen als die EZB.
München – Für Sparer hat sich die Zinswelt innerhalb weniger Monate deutlich verändert. Erstmals seit dem Ende der Null- und Niedrigzinsphase 2022 liegen die durchschnittlichen Festgeldzinsen bei allen untersuchten Laufzeiten wieder über dem Einlagezins der Europäischen Zentralbank. Besonders seit Beginn des Irankriegs sind die Konditionen kräftig gestiegen.
Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Vergleichsportals Verivox von mehr als 800 Banken und Sparkassen. Wer sein Geld für zwei Jahre fest anlegt, erhält bei bundesweit verfügbaren Banken im Durchschnitt mittlerweile 2,53 Prozent Zinsen. Anfang März waren es noch 2,07 Prozent. Innerhalb weniger Monate ist der Durchschnittszins damit um 0,46 Prozentpunkte gestiegen.
Festgeldzinsen steigen bei allen Laufzeiten
Auch bei anderen Laufzeiten zeigt sich die Entwicklung. Einjähriges Festgeld bringt im Schnitt derzeit 2,43 Prozent nach 2,00 Prozent Anfang März. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren stieg der Durchschnittszins von 2,51 auf 2,94 Prozent. Damit haben sich die Konditionen nicht nur am kurzen Ende verbessert, sondern über das gesamte von Verivox untersuchte Laufzeitband hinweg.
Besonders auffällig ist der Vergleich mit der Europäischen Zentralbank. Sämtliche von Verivox untersuchten Festgeldlaufzeiten liegen inzwischen über dem EZB-Einlagezins von 2,25 Prozent. Diesen Zinssatz erhalten Banken derzeit, wenn sie überschüssige Liquidität über Nacht bei der Notenbank parken. Für Sparer ist das ein bemerkenswerter Wechsel: Banken bieten Festgeldkunden im Durchschnitt wieder mehr, als sie selbst für Einlagen bei der EZB erhalten.
Irankrieg verstärkt den Zinstrend
„Schon in den Monaten zuvor gab es bei den Festgeldzinsen eine leichte Aufwärtstendenz, aber seit Beginn des Irankonflikts hat sich dieser Trend erheblich verstärkt“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Auf den ersten Blick erscheint die Entwicklung ungewöhnlich: Warum zahlen Banken Festgeldkunden mehr, als sie selbst für Einlagen bei der EZB erhalten?
Der Grund ist, dass sich Festgeldkonditionen nicht allein am aktuellen Leitzins der Notenbank orientieren. Eine wichtige Rolle spielen auch die Zinsen an den Geld- und Kapitalmärkten – und die sind seit Beginn des Krieges deutlich gestiegen. Banken schauen deshalb nicht nur auf den heutigen EZB-Satz, sondern auf die Finanzierungskosten, die sie für ihr Kreditgeschäft erwarten.
Euribor und Bundesanleihe ziehen deutlich an
Nach Angaben von Verivox kletterte der Zwölfmonats-Euribor, der die Konditionen für unbesicherte Ausleihungen zwischen Banken widerspiegelt, von 2,23 Prozent Anfang März auf 2,99 Prozent am 25. August. Gleichzeitig zogen die Renditen deutscher Staatsanleihen an. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erreichte im August zwischenzeitlich 3,26 Prozent und damit laut Verivox den höchsten Stand seit gut 15 Jahren.
Für Banken kann es deshalb trotz höherer Sparzinsen attraktiv sein, sich über Festgeldeinlagen ihrer Kunden zu refinanzieren. „Die Geldhäuser nutzen fest angelegte Spargelder zur Refinanzierung ihrer ausgegebenen Kredite und verdienen an der Zinsdifferenz“, erklärt Maier. Würden sie sich das Geld für ihr Kreditgeschäft stattdessen am Kapitalmarkt beschaffen, könne dies wegen des dort gestiegenen Zinsniveaus teilweise noch teurer sein.
Hohe Energiepreise treiben Inflationserwartungen
Eine wichtige Rolle für die Entwicklung spielt der Krieg gegen den Iran. Die dadurch gestiegenen Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck – und damit die Erwartungen an die weitere Geldpolitik der EZB. In Deutschland lag die Inflationsrate im August nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts bei 2,9 Prozent. Energie verteuerte sich gegenüber dem Vorjahresmonat sogar um 10,5 Prozent.
Steigende Inflation erhöht den Druck auf die Notenbank, ihre Geldpolitik straff zu halten. Bereits im Juni hatte die EZB ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Im Juli ließ sie den Einlagezins anschließend bei 2,25 Prozent unverändert. Verivox zufolge rechnen viele Marktteilnehmer mit einer weiteren Zinserhöhung im September.
Banken preisen mögliche Zinserhöhung schon ein
„Das preisen die Banken in ihren Festgeldkonditionen bereits ein“, erklärt Maier. Festgeldzinsen können deshalb steigen, noch bevor die EZB einen weiteren Zinsschritt tatsächlich beschließt. Banken orientieren ihre Konditionen nicht nur am aktuellen Leitzins, sondern auch an den erwarteten Finanzierungskosten der kommenden Monate.
Für Sparer bedeutet das: Der Zinsmarkt reagiert oft früher als die Notenbank. Wer nur auf die letzte EZB-Entscheidung schaut, übersieht deshalb einen Teil der Entwicklung. Gerade Festgeldangebote spiegeln stärker wider, wie Banken das künftige Zinsumfeld einschätzen und wie dringend sie planbare Einlagen für ihr Kreditgeschäft benötigen.
Tagesgeld-Sparer profitieren deutlich weniger
Doch die höheren Zinsen kommen längst nicht bei allen Sparern gleichermaßen an. Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen Festgeld und gewöhnlichem Tagesgeld. Bei bundesweit verfügbaren Tagesgeldangeboten liegen die durchschnittlichen Bestandskundenzinsen laut Verivox aktuell lediglich bei 1,39 Prozent. Seit Anfang März ist dieser Wert gerade einmal um 0,09 Prozentpunkte gestiegen.
Noch niedriger sind die Durchschnittszinsen bei vielen regionalen Instituten. Sparkassen zahlen im Mittel 0,42 Prozent aufs Tagesgeld, bei regionalen Volks- und Raiffeisenbanken sind es 0,48 Prozent. Während Banken bei Festgeld inzwischen deutlich höhere Zinsen bieten, bewegt sich bei den Konditionen für bestehende Tagesgeldkunden also vergleichsweise wenig.
Neukundenaktionen bieten deutlich höhere Zinsen
Wer bereit ist, regelmäßig die Bank zu wechseln, kann allerdings auch beim Tagesgeld deutlich höhere Zinsen bekommen. Die höchsten Tagesgeldzinsen gibt es derzeit bei zeitlich begrenzten Neukundenaktionen. Revolut bietet nach der Verivox-Auswertung aktuell 4,25 Prozent. Der Aktionszins gilt für maximal vier Monate und Guthaben bis 25.000 Euro. Zudem müssen Kunden ein Revolut-Girokonto eröffnen und die dazugehörige Karte regelmäßig nutzen.
Chase, der deutsche Ableger der US-Großbank J.P. Morgan, zahlt Neukunden vier Monate lang 4 Prozent. Das Angebot gilt laut Verivox für Guthaben bis zu einer Million Euro. Ein zusätzliches Girokonto ist nicht erforderlich. Solche Angebote sind allerdings vor allem für Sparer interessant, die bereit sind, regelmäßig nach besseren Konditionen zu suchen.
Bestandskunden sollten genau vergleichen
„Aktionsangebote mit befristeten Sonderkonditionen lohnen sich vor allem für Sparer, die bereit sind, ihr Geld gelegentlich umzuschichten und erneut zu einer anderen Bank zu wechseln, sobald die Neukundenzinsen ausgelaufen sind“, sagt Maier. Wer dagegen dauerhaft bei einer Bank bleiben möchte, sollte beim Vergleich stärker auf die Konditionen für Bestandskunden achten.
Die besten dauerhaft angebotenen Tagesgeldzinsen deutscher Banken liegen laut Verivox derzeit bei rund 2,5 Prozent. Damit können Sparer auch ohne kurzfristige Lockangebote deutlich mehr erhalten als bei vielen klassischen Regionalbanken. Entscheidend ist aber, aktiv zu vergleichen. Wer sein Geld einfach auf dem Girokonto oder einem schlecht verzinsten Tagesgeldkonto liegen lässt, verschenkt weiterhin Rendite.
Festgeld wird für Sparer wieder attraktiver
Vor allem für Sparer, die einen Teil ihres Geldes für eine bestimmte Zeit sicher nicht benötigen, ist Festgeld durch den jüngsten Zinsanstieg wieder attraktiver geworden. Allerdings entsteht damit auch eine neue Frage: Wie lange sollte man sich die aktuellen Konditionen sichern? Wer sein Geld heute für viele Jahre festlegt, schützt sich zwar vor wieder sinkenden Zinsen. Steigen die Marktzinsen dagegen weiter, kann er von besseren Angeboten nicht mehr profitieren.
Eine lange Laufzeit ist deshalb nicht automatisch die beste Wahl – auch wenn zehnjähriges Festgeld mit durchschnittlich 2,94 Prozent derzeit höhere Zinsen bringt als kürzere Laufzeiten. Fest steht jedoch: Beim Festgeld hat sich die Zinslage innerhalb weniger Monate deutlich zugunsten der Sparer verschoben. Erstmals seit Ende 2022 liegen die durchschnittlichen Konditionen bei allen von Verivox untersuchten Laufzeiten wieder über dem aktuellen EZB-Einlagezins. (Quellen: Verivox, Europäische Zentralbank, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Globaler Zinsmarkt/Euribor) (mare)