Fettleber: Warum Deutschland die Lebergesundheit neu denken muss
Lange galt sie als stille Volkskrankheit, deren Folgen erst sichtbar werden, wenn bereits schwere Leberschäden entstanden sind¹ . Doch die Situation verändert sich: Neue Therapiemöglichkeiten eröffnen erstmals die Chance, das Fortschreiten der Erkrankung gezielter zu behandeln. Dadurch gewinnt auch die frühe Diagnose erheblich an Bedeutung. Bei einem Fachforum des Tagesspiegels wurde deshalb vor allem eine Frage diskutiert: Wie können diese medizinischen Fortschritte künftig schneller und strukturierter in der Regelversorgung ankommen? „Die Leber ist Kraftwerk, Klärwerk und Immunorgan zugleich“, betonte Prof. Heiner Wedemeyer von der Deutschen Leberstiftung. Trotzdem erhält die Fettleber im öffentlichen Bewusstsein deutlich weniger Aufmerksamkeit als andere Volkskrankheiten. Dabei ist rund jeder vierte Erwachsene von einer Fettleber betroffen – oft, ohne davon zu wissen. Genau darin liegt die besondere Herausforderung. „Die Leber leidet still“, erklärte Prof. Martina Müller-Schilling vom Universitätsklinikum Regensburg. Eine Fettleber verursacht über viele Jahre hinweg häufig keine Beschwerden. Bleibt sie unentdeckt, kann sie sich zu Entzündungen, Vernarbungen der Leber („Fibrose“) oder einer Zirrhose entwickeln und erhöht zugleich das Risiko weiterer Erkrankungen etwa des Herz-Kreislauf-Systems oder der Nieren² . Auch die WHO sieht die Leberverfettung als ernsthaftes Public-Health-Risiko³ und fordert die Mitgliedstaaten zum Handeln auf. Neue Medikamente: Wendepunkt in der Therapie Hinzu kommt ein hartnäckiges Stigma. „Lebererkrankungen stehen leider oft in der Schmuddelecke“, sagte Wedemeyer. Noch immer verbinden viele Menschen Leberprobleme vor allem mit Alkohol. Tatsächlich entstehen die heute häufigsten Formen der Fettleber meist im Zusammenhang mit Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen. Prof. Peter Schwarz von der International Diabetes Federation verwies darauf, dass sich vor allem unsere Lebensbedingungen verändert haben: Wir bewegen uns deutlich weniger und ernähren uns gleichzeitig ungünstiger als frühere Generationen. „Wir sind permanent in einer Überernährung.“ Weil heute neue Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, wird die frühe Diagnose zum entscheidenden Hebel. Eine der zentralen Erkenntnisse des Fachforums lautete, dass die medizinischen Möglichkeiten sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt hätten und das Versorgungssystem nun Schritt halten müsse. „Wie kommen wir von einer Zufallsbefundung zu einer frühzeitigen Erkennung?“, fragte Dr. Silke Heinemann aus dem Bundesgesundheitsministerium. Auch aus Sicht der Krankenkassen besteht hier Handlungsbedarf. „Wir müssen Menschen früher erkennen und in die Regelversorgung bringen“, sagte Henning Stötefalke von der DAK-Gesundheit. Diskutiert wurde unter anderem, Untersuchungen auf Leberfibrose stärker in bestehende Disease-Management-Programme (DMPs) oder in den „CheckUp-35“ zu integrieren. Prof. Martina Müller-Schilling wies darauf hin, dass wichtige diagnostische Verfahren bislang vielfach nicht Teil der Regelversorgung seien. Für Dr. Bettina Zippel-Schultz von der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke zeigt sich hier ein grundsätzliches Problem: Fortschritte in der Medizin entfalten ihren Nutzen nur dann, wenn Patientinnen und Patienten strukturiert durch Diagnostik und Behandlung geführt werden. Dafür braucht es klare Versorgungspfade und ausreichend Zeit für Beratung – und die ist gerade in den Hausarztpraxen oft knapp. „Rasante Entwicklung“ bei Behandlungsmöglichkeiten Dass sich die Diskussion verändert hat, liegt auch an neuen therapeutischen Möglichkeiten. Neben einer konsequenten Lebensstiländerung, die den Krankheitsverlauf deutlich verbessern kann, entwickeln sich auch medikamentöse Therapien dynamisch weiter. Prof. Müller-Schilling sprach von einer „rasanten Entwicklung“ der Behandlungsmöglichkeiten. Erstmals eröffnet sich damit die Möglichkeit, nicht nur die Erkrankung früher zu erkennen, sondern auch Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Progressionsrisiko frühzeitig einer lebergerichteten Therapie zuzuführen. Damit verändert sich auch die Bedeutung der Diagnostik grundlegend. Für Betroffene ergeben sich dadurch neue Perspektiven – vorausgesetzt, die Erkrankung wird rechtzeitig erkannt. Auch aus Sicht der Betroffenen ist das ein entscheidender Fortschritt. „Wir haben vom Behandlungspfad her alle Möglichkeiten“, fasste Babette Verster von der Deutschen Leberhilfe zusammen. Nun komme es darauf an, dass diese Möglichkeiten tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Einigkeit bestand auf dem Fachforum auch darüber, dass Prävention künftig breiter gedacht werden muss. Es geht nicht allein um individuelle Lebensstilentscheidungen, sondern ebenso um politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die gesundes Verhalten erleichtern und Krankheiten früher erkennen helfen. Wirksamere Therapien konsequent in die Versorgung bringen Johannes Wagner, Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, sprach sich für eine stärkere Verhältnisprävention aus. Dr. Silke Heinemann kündigte an, dass das Bundesgesundheitsministerium an einer Präventionsoffensive arbeite. Auch Dietrich Monstadt, Mitglied des Bundestages a. D., sieht ein wachsendes politisches Bewusstsein und sprach beim Tagesspiegel von einem „Zeitalter der Prävention“. Prof. Wolf Peter Hofmann von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) erlebt in seiner Praxis täglich, wie groß der Informationsbedarf vieler Patientinnen und Patienten ist. Aufklärung und Ernährungskompetenz blieben deshalb ein wichtiger Baustein, reichten aber allein nicht aus. Das Fachforum machte deutlich, dass sich der Blick auf die Fettleber grundlegend verändert. Neue Therapie-Möglichkeiten und ein zunehmender politischer Handlungswille schaffen die Voraussetzungen dafür, schwere Lebererkrankungen künftig häufiger zu verhindern, oder zumindest frühzeitig behandeln zu können. Die medizinischen Fortschritte sind da. Jetzt gilt es, sie konsequent in eine strukturierte und flächendeckende Versorgung zu übersetzen. Unsere Transparenzerklärung zu diesem Digitorial finden Sie hier