Finale: Die hässliche Fratze des Fußballs
Gebrochener Fuß, gebrochener Arm, gebrochene Nase. Dazu eine Fleischwunde bis auf die Knochen und viele Spieler mit Bandagen – das war zum Glück nicht die Bilanz des WM-Finals 2026 zwischen Spanien und Argentinien, sondern das Ergebnis der legendären „Schlacht von Highbury“ – einem Länderspiel zwischen England und Italien im November 1934. Es gilt bis heute als der vielleicht brutalste Kick der Fußballgeschichte. Angesichts derartiger Verletzungen war das Endspiel am Sonntag in New Jersey dann doch eher Kindergeburtstag. Obwohl sich viele Argentinier durchaus nach Kräften mühten, ihren spanischen Gegenspielern wehzutun. Enzo Fernandez waren schon in der Verlängerung die Sicherungen endgültig durchgebrannt, er musste mit Gelb-Rot vom Platz. Bei Leandro Paredes wiederum dauerte es bis nach dem Abpfiff, ehe er die Kontrolle über seine Emotionen völlig verlor. Die Frage ist: Wie kann es passieren, dass Fußballspieler derart die Nerven verlieren, dass es ihnen irgendwann sogar egal wird, ob sie einen Gegner möglicherweise sogar schwer verletzen? „Sie werden dafür bezahlt, im Spiel aggressiv zu sein – und diesen Schalter wieder umzulegen und zu dem zurückzukehren, was die Gesellschaft erwartet, ist manchmal wahrscheinlich schwierig“, wurde der New Yorker Sportpsychologe Jonathan F. Katz schon 2012 in einem Bericht über Wutausbrüche von Profisportlern zitiert. Nach dem WM-Finale kam im Falle von Paredes neben der Enttäuschung über die Niederlage vermutlich noch die Erschöpfung hinzu. Dass die Spanier direkt vor ihm feierten, dürfte den drohenden Kontrollverlust zusätzlich befeuert haben. Parallelen zum WM-Finale 1990 Die Argentinier sind dabei durchaus gebrannte Kinder. 1990 im WM-Finale gegen Deutschland, das vielleicht sogar noch unansehnlicher war als das 36 Jahre später gegen Spanien, kassierten sie in 90 Minuten mehr Platzverweise als sie sich Torchancen erspielen konnten. Das DFB-Team gewann ganz folgerichtig durch einen Elfmeter – einen schmeichelhaften wohlgemerkt. Die Mannschaft um Kapitän Diego Maradona hatte sich damals durch das Turnier gemogelt, in sieben Spielen nur fünf Tore erzielt und in der K.o.-Runde zwei Elfmeterschießen nacheinander gewonnen. Im Vergleich dazu bot Argentinien bei der jüngsten WM regelrechtes Spektakel. In den sieben Spielen vor dem Finale traf der Titelverteidiger immer mindestens zweimal, insgesamt standen am Ende stolze 19 Tore zu Buche. Und dennoch igelten sich Lionel Messi und seine Kollegen gegen Spanien vor dem eigenen Tor ein und hatten an einem Fußballspiel ganz offensichtlich kein Interesse. Wollte Trainer Lionel Scaloni mit dem Team von vornherein nur das Elfmeterschießen erreichen? Im Vertrauen auf die historisch gute Bilanz und den Erfolg vom Punkt vier Jahre zuvor in Katar im Finale gegen Frankreich? Das damalige Endspiel gilt als das beste überhaupt in der WM-Geschichte, es bot alles, was den Fußball so faszinierend macht. Nun zeigte Argentinien die hässliche Fratze des Spiels und fiel in alte Muster zurück, auf die vermeintlich unterlegene Teams immer wieder gern zurückgreifen. Denken wir an Paraguay zurück, das erst Deutschland im Sechzehntelfinale erfolgreich zermürbte und sich im Angesicht der Niederlage eine Runde später gegen Frankreich in Person von Gustavo Velázquez sogar dazu hinreißen ließ, den Elfmeterpunkt vor dem siegbringenden Strafstoß von Kylian Mbappé zu malträtieren. „Wut ist die Folge einer als Kränkung empfundenen Zurücksetzung“, erklärte der US-Psychologe Kevin Chapman in einem Beitrag bei „TrueSport“ über den Umgang von Athleten mit sportlichem Frust. Im Falle Paraguays war der Ärger über den Elfmeter offenbar so groß, dass Velázquez völlig die Kontrolle verlor. Auch, weil die Drucksituation in einem großen Fußballspiel noch einmal eine ganz spezielle ist. Dass nicht jeder Profi Niederlagen sportlich nimmt, ist dabei sogar nachvollziehbar. Schlimmer sind Spiele, in denen Mannschaften gar nicht erst auf Sieg spielen und sich vollends auf verbale und körperliche Scharmützel konzentrieren. In dieser Hinsicht darf diese Fußball-WM letztlich sogar noch als überwiegend fair bezeichnet werden.