Finals 2026: Turn-Küken Kevric krönt Comeback mit Gold
Als Helen Kevric (MTV Stuttgart) auf dem Siegertreppchen steht, hält sie ihre goldene Medaille in Richtung Tribüne. Es ist ein ganz bewusster Moment des Dankes. Denn auf den Rängen der ZAG Arena sitzen die Menschen, ohne die dieser Triumph - der Deutsche Meistertitel am Stufenbarren - undenkbar wäre. "Meine Familie ist generell immer für mich da, in dieser schweren Zeit war sie es aber nochmal extra. Und auch meine Physios sind heute mit dabei", sagt die 18-Jährige im Sportschau-Interview. Sie haben Kevric durch das vergangene Jahr geholfen - mental und körperlich. Durch eine lange Leidenszeit, heißt es zumeist vage. Konkret wurde der jungen Athletin bei der Heim-EM in Leipzig im Mai 2025 der (Turn-)Boden unter den Füßen weggezogen. Kevric stürzte bei der Landung am Sprung und verletzte sich schwer am Knie. Die Durchstarterin war mit einem Moment komplett ausgebremst. An Turnen war nicht zu denken, denn sie konnte sich ja - für fast zwölf Wochen - nicht einmal ohne Krücken bewegen. Turn-Küken Kevric schlug schon US-Star Biles Ein brutaler Bruch in der jungen Karriere. Denn mit 16 Jahren hatte Kevric 2024 als jüngste von 429 deutschen Teilnehmern in Paris bei den Olympischen Spielen geglänzt. Hatte als Sechste am Stufenbarren sogar den US-Star Simone Biles hinter sich gelassen. Kevric - altersbedingter Spitzname: das Küken - begeisterte die (Turn-)Welt. Ein Jahr später musste sie dann plötzlich, wie sie selbst erzählt, wieder laufen lernen. "Die Zeit war extrem hart. Aber ich habe es geschafft und jetzt stehe ich wieder hier", sagt sie. Hier, das heißt in Hannover. Auf der großen Bühne der Finals. "Es ist einfach nur Wahnsinn", sagt sie selbst, wenn sie an die vergangenen Monate denkt: "Ich konnte nichts machen, was ich sonst täglich tue. Umso stolzer bin ich jetzt, dass ich bei den Meisterschaften bin, wieder normal laufen, landen und springen kann." Es zeigt ihre Dankbarkeit und ist gleichzeitig eine Untertreibung. Sie ist nicht nur zurück. Sie zeigt direkt wieder Weltklasse. Stolz auf die Medaille, nicht zufrieden mit der Leistung Schon im Mehrkampf am Freitag, bei dem Kevric einen halben Vierkampf absolvierte, lieferte sie am Stufenbarren ein Fabel-Comeback ab (14,833 Zähler). Nun krönt sie es im Gerätefinale mit Gold. Trotz leichter Wackler dominiert sie einmal mehr an ihrem Paradegerät mit 14,475 Punkten. Während die Beobachter staunen, erscheint Kevric selbst dabei wie ihre größte Kritikerin. "Extrem stolz" sei sie zwar auf die Gold-Medaille, sagt sie. Mit ihrer Leistung aber hadert sie fast. "Ich war schon extrem nervös und ich glaube, dass deshalb auch nicht alles so rund lief. Sie habe sich vorgenommen, "heute die Verbindung zu machen und das habe ich auch geschafft. Der Rest war noch nicht ganz so gut, aber ich habe ja jetzt noch ein bisschen Zeit." Das nächste Zwischenziel auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles sind die Europameisterschaften im August (13. bis 23.8.) in Zagreb. Bundestrainer Gerben Wiersma räumt ihr dort - mit noch zwei Wochen mehr Training - sogar Medaillenchancen ein. "Dann hat sie sehr gute Werte für das Team und für sich selbst mit einer Finalübung. Mindestens", sagt der Niederländer. Die Tage bei den Finals in Hannover haben gezeigt: Das ist alles andere als eine gewagte Prognose. Schönmaier verteidigt ihren Sprung-Titel Aussichten auf eine EM-Medaille hat dann auch Karina Schönmaier. Sie verteidigt - unmittelbar vor Kevrics Triumph am Stufenbarren - souverän ihren Titel am Sprung. Einen Tag, nachdem sich die 20-Jährige in einem Herzschlag-Finale im Mehrkampf geschlagen geben musste, erhält die Europameisterin aus Chemnitz für ihre beiden Sprünge die Durchschnittsnote von 14.063 Punkten und hat damit fast einen Zähler Vorsprung auf die Zweitplatzierte Mia Reimann. "Sprung ist mein Lieblingsgerät", sagt eine strahlende Schönmaier im Sportschau-Interview. Ihr Ergebnis sei "sehr, sehr gut". Sie habe dabei zum ersten Mal ihren neuen zweiten Sprung gezeigt. "Das war mir auf jeden Fall sehr wichtig. Jetzt mit einer Goldmedaille rauszugehen, macht mich sehr stolz und gibt mir ein sehr gutes Gefühl", so Schönmaier, die zudem das Hannoveraner Publikum lobt: "Es macht so viel Spaß, hier zu turnen. Das gibt mir Energie und Kraft." Turn-Rentner Toba schrammt an zweiter Medaille vorbei Am ersten Tag der Gerätefinals der Männer holt Radomyr Stelmakh vom SC Cottbus seinen zweiten Titel bei den Finals 2026. Er sichert sich - nach Gold im Mehrkampf am Donnerstag - überlegen auch den Meistertitel am Pauschenpferd (14,050 Punkte). Der Mannschafts-Europameister von 2024 mit der Ukraine ist erst seit zwei Wochen für Deutschland startberechtigt, nachdem er die Freigabe vom ukrainischen Turnverband erhalten hatte. "Die Goldmedaille zeigt, dass ich viel gearbeitet habe. Ich bin wirklich zufrieden", sagt Stelmakh. Es habe bei ihm am Pauschenpferd "fast alles gut geklappt. Meine Arbeit lohnt sich." Am Boden, wo sich Alexander Kunz (Turn- und Sportverein Pfuhl 1894) über den Meistertitel freut, und an den Ringen mit dem Bochumer Sieger Artur Sahakyan bleibt der 20-Jährige medaillenlos.