Flucht ins Bargeld: Russen heben Milliarden von ihren Konten ab
Viele Russen fürchten offenbar um ihre Ersparnisse. Der enorme Bargeldbedarf belastet die Banken in Russland und wird auch für den Kreml zum Problem. In Russland wächst die Nachfrage nach Bargeld kräftig. Allein in den ersten beiden Augustwochen haben die Russen 286,4 Milliarden Rubel abgehoben - umgerechnet rund 2,9 Milliarden Euro. Im Juli waren es bereits rund 6,3 Milliarden Euro. Seit Jahresbeginn sind rund 24 Milliarden Euro aus dem Bankensystem abgeflossen. Damit hat die Flucht ins Bargeld eine bemerkenswerte Größenordnung erreicht: Im ersten Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 waren es umgerechnet rund 20 Milliarden Euro - und damit weniger als bis zum Sommer dieses Jahres. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Furcht in der Bevölkerung zunimmt, der Staat könnte auf ihre Konten zugreifen. So sieht es auch ein führender Manager der Sberbank. Die Kunden reagierten damit auf Äußerungen über eine mögliche Beschlagnahmung ihres Geldes, um den Krieg zu finanzieren, sagte Taras Skworzow bei einer Telefonkonferenz mit Analysten der größten russischen Bank. Er verwies dabei auf Aussagen bekannter Politiker. Auch Alexandra Prokopenko sieht in den Abhebungen ein Anzeichen für einen Vertrauensverlust. Die frühere Beraterin der russischen Zentralbank, die heute am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin arbeitet, sagte der "Washington Post", die Russen fürchteten Eingriffe des Staates in das Bankensystem. Dass Einlagen tatsächlich verstaatlicht werden, hält sie zwar für unwahrscheinlich. Beschränkungen bei Abhebungen schließt sie dagegen nicht aus. "Drohnen fliegen, Dinge brennen" Der starke Anstieg im Juli ist allerdings teilweise saisonal bedingt. Darauf weist der Ökonom Jegor Susin von der staatlich kontrollierten Gazprombank hin. Nach seinen Berechnungen ist etwa die Hälfte des Bargeldzuwachses in diesem Monat auf saisonale Effekte zurückzuführen. Zudem sieht Susin darin eine Rückkehr zum längerfristigen Trend. Die zuvor noch höheren Zinsen hätten die Bargeldhaltung auf ein ungewöhnlich niedriges Niveau gedrückt. Derzeit liegt der Leitzinssatz der russischen Zentralbank bei 14 Prozent. Für die Banken werden die Abhebungen zunehmend zum Problem. "Drohnen fliegen, Dinge brennen. Die Nervosität wächst", beschreibt ein ehemaliger hochrangiger russischer Finanzbeamter die Stimmung gegenüber der "Washington Post". Die Institute hätten nicht mit einem solchen Bargeldbedarf gerechnet, nun kämen die Kunden und holten jeden Monat Hunderte Milliarden Rubel ab. Hinzu kommt, dass die Banken auf Druck der Regierung ihre Kreditvergabe ausgeweitet haben, um den Ausbau der Rüstungsproduktion zu finanzieren. Außerdem haben sie mit faulen Krediten zu kämpfen. Sberbank-Manager Skworzow warnte vor Liquiditätsengpässen. Auch der russische Staat bekommt die knappe Liquidität zu spüren. Heimische Banken zählen zu den wichtigsten Käufern russischer Staatsanleihen. Doch Skworzow zufolge können viele Institute dafür kaum noch Geld entbehren. Das Finanzministerium musste zuletzt geplante Anleiheemissionen absagen. Dabei braucht Moskau dringend Geld. Von Januar bis Juli ist das Haushaltsdefizit bereits auf umgerechnet rund 65 Milliarden Euro gestiegen. Ursprünglich hatte die Regierung für das gesamte Jahr mit rund 38 Milliarden Euro kalkuliert. Gleichzeitig verliert die russische Wirtschaft an Schwung. Hohe Zinsen bremsen Investitionen und verteuern Kredite, während der Staat immer mehr Ressourcen in die Rüstungsindustrie lenkt. Das belastet die zivile Wirtschaft zusätzlich. Im ersten Halbjahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,3 Prozent, nach 1,2 Prozent im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Hinzu kommen die Folgen der ukrainischen Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur. Drohnenattacken auf Raffinerien haben die Treibstoffversorgung unter Druck gesetzt und die Inflationsrisiken erhöht. Für den Staat ist das doppelt problematisch: Einerseits sind Öl und Gas wichtige Einnahmequelle des Haushalts, andererseits verursacht der Krieg immer höhere Ausgaben. Volkswirt gefeuert Dass die wirtschaftlichen Kosten des Krieges inzwischen auch innerhalb staatlicher Institutionen offen infrage gestellt werden, zeigt der Fall Andrej Klepatsch. Die staatliche Entwicklungsbank VEB hat ihren Chefvolkswirt jüngst entlassen, nachdem dessen kritische Äußerungen öffentlich geworden waren. Er hatte bereits im Mai davor gewarnt, dass Russland wirtschaftlich und technologisch immer weiter zurückfalle. Einen Abnutzungskrieg gegen die vom Westen unterstützte Ukraine könne das Land nicht gewinnen, so Klepatsch. Russland gebe sich der Illusion hin, dass die Ukraine zusammenbrechen werde. Das sei jedoch nicht geschehen und werde auch nicht geschehen. Die russische Wirtschaft werde zwar nicht kollabieren. Doch die Kosten des Krieges würden immer weiter wachsen. Zudem warnte er vor einer möglichen sozialen Krise. Nicht nur Privatleute versuchen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Auch russische Unternehmen bemühen sich verstärkt darum, Kapital außer Reichweite der Behörden zu schaffen. Im zweiten Quartal wurden der "Washington Post" zufolge mehr als acht Milliarden Euro aus Russland transferiert. Die Sorge der Unternehmer vor einem staatlichen Zugriff ist begründet. Der Kreml hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen und Vermögenswerte verstaatlicht. Im Juni folgte die bislang größte einzelne Beschlagnahmung seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine: Der Staat konfiszierte Vermögenswerte im Wert von rund 5,6 Milliarden Euro, die mit dem Unternehmer Wadim Moschkowitsch in Verbindung standen. Der Gründer des Agrarkonzerns Rosagro war zuvor festgenommen und wegen schweren Betrugs angeklagt worden. Auch andere prominente Unternehmer haben ihr Vermögen an den Staat verloren. Dazu gehören Dmitri Kamenschik, der frühere Eigentümer des Moskauer Flughafens Domodedowo, und Konstantin Strukow, der eine der größten Goldminen des Landes kontrollierte. "Jeder, der kann, versucht Geld aus dem Land zu schaffen", sagte ein Moskauer Geschäftsmann der "Washington Post". Allerdings werde das zunehmend schwieriger.