Fluchtwagenfahrerin: Schlüsselfigur im Sechsfachmord
Audioplayer wird geladen Anzeige Auch neun Tage nach der Bluttat von Stade ist die Rolle der 65-jährigen Bremerin, die den Fluchtwagen des 45 Jahre alten tatverdächtigen Fatih G. gefahren haben soll, weiterhin ungeklärt. Zudem scheint die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku untergetaucht zu sein. Nach einem Bericht der „Hamburger Morgenpost“ reagiert die Frau weder auf Medienanfragen noch war sie zuletzt an ihrem Wohnort anzutreffen. Auch an ihrem Arbeitsplatz bei einem Verband, der binationale Familien und Partnerschaften berät, sei sie seit der Tat nicht mehr erschienen. Dabei hatte die 65-Jährige vor der Tat noch selbst die Öffentlichkeit gesucht und eine 20-seitige Chronologie des Sorgerechtsstreits zwischen den Eltern eines drei Monate alten Mädchens und den Behörden an die Presse verschickt, um darauf aufmerksam zu machen. Allerdings hatte sie darin den späteren Tatverdächtigen auch als „ruhigen und besonnenen Mann“ beschrieben. Anzeige Die Bremerin gilt daher weiterhin als eine Schlüsselfigur in dem Fall mit sechs Toten. Einen Haftbefehl gibt es gegen sie bislang allerdings nicht. Die Staatsanwaltschaft sieht derzeit keinen dringenden Tatverdacht, Ermittlungen laufen aber weiter. „Sie hat sicher nur helfen wollen und garantiert nichts von den mörderischen Plänen gewusst“, zitiert das Blatt Nachbarn der 65-Jährigen, die glauben, sie habe „nichts Böses“ getan. „Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Sie ist so eine herzensgute, hilfsbereite Frau!“ Lesen Sie auch Nach bisherigen Erkenntnissen begleitete die 65-Jährige den späteren Tatverdächtigen Fatih G. am Tattag (29. Juni 2026) zu einem Hilfeplangespräch in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. Bei dem Termin ging es um den künftigen Umgang des 45-Jährigen mit seiner drei Monate alten Tochter. Anzeige Das Jugendamt hatte das Kind zuvor aus der Familie genommen, nachdem Ärzte eine Gehirnblutung bei dem Kind festgestellt und den Verdacht eines Schütteltraumas geäußert hatten. Laut „Bild“ soll sich das Kind erbrochen und gezuckt haben. Daraufhin sei es ins Krankenhaus gekommen. Dort drangen Ärzte auf eine Operation, was die Eltern jedoch ablehnten. Der Vater soll ausfällig geworden sein, die Ärzte zeigten den Vater an und informierten das Jugendamt, gegen Fatih G. liefen deshalb Ermittlungen. Aber auch Fatih G. stellte seinerseits Anzeige gegen die behandelnden Mediziner. Lesen Sie auch Der Fall eskalierte vor Gericht, schließlich wurden Mutter und Kind in der Einrichtung in Stade untergebracht. Nach Medienberichten war der 45-Jährige allerdings bereits mehrfach mit Behörden in Konflikt geraten und galt im Umgang mit Ämtern als schwierig. Unklar ist zudem, inwiefern auch Ermittlungen in der Türkei für das Handeln des Jugendamtes eine Rolle spielten. Die „Bild“ hatte berichtet, dass gegen Fatih G. in seiner Heimat Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter aus einer vorherigen Beziehung laufen und er aus dem Gefängnis ausgebrochen sein soll. Die türkischen Behörden ließen eine Nachfrage von WELT zu den Vorwürfen bislang allerdings unbeantwortet. Offen ist auch, ob seine aktuelle Ehefrau davon wusste. Lesen Sie auch Weltplus ArtikelSechsfach-Mord in Stade Bekannt ist inzwischen, dass an dem Gespräch am 29. Juni 2026 neben Vertretern des Jugendamtes und Mitarbeitern der Einrichtung zunächst auch die Mutter des Kindes teilnahm – samt Baby. Wie der „Spiegel“ berichtet, soll Fatih G. seine Frau dann mit dem Kind aus dem Besprechungsraum geschickt haben. Anschließend habe er eine Pistole gezogen und auf die Anwesenden gefeuert. Ermittler gehen davon aus, dass er dabei mehrfach nachlud. Vier Frauen und zwei Männer wurden getötet. Unter den Opfern befanden sich Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover sowie Beschäftigte der Einrichtung. Bei der Tatwaffe soll es sich um eine Pistole vom Typ Beretta Modell 70 gehandelt haben. Der NDR hatte berichtet, dass sich Fatih G. die Waffe samt 21 Patronen etwa eine Woche vor der Tat in Berlin für 4000 Euro auf dem Schwarzmarkt beschafft hat. Mit ihr soll der Verdächtige dann auch in einen Mercedes gestiegen sein, in dem die 65-Jährige auf ihn wartete. Nach Informationen von „Spiegel“ und „Hamburger Morgenpost“ gab die Frau inzwischen an, Fatih G. habe sie mit einer Pistole gezwungen, loszufahren. Erst Schüsse der Polizei auf die Reifen stoppten den Wagen. Beamte nahmen anschließend beide Personen fest. Der 45-Jährige soll später erklärt haben, er habe sich nach der Tat selbst töten wollen, jedoch keine Munition mehr gehabt. Gegen Fatih G. wurde Haftbefehl wegen des Verdachts des sechsfachen Mordes erlassen. Die Staatsanwaltschaft sieht unter anderem die Mordmerkmale Heimtücke und niedrige Beweggründe als erfüllt an. Auch die Rolle der 65-Jährigen wird weiter geprüft. Ob sie vorab Kenntnis von der geplanten Tat hatte oder selbst von den Ereignissen überrascht wurde, ist weiterhin offen. kami