Flugabwehr: „Ukrainische Patriots? Ich rechne mit mindestens einem Jahr“
Herr Gontscharow, US-Präsident Donald Trump hat der Ukraine beim Nato-Gipfel erlaubt, Raketen für das US-Flugabwehrsystem Patriot selbst zu bauen. Kyjiw hat derzeit nicht genug davon, um sich gegen ballistische Angriffe Russlands zu schützen. Wie schnell kann die Ukraine diese Abfangraketen selbst herstellen? Die Erlaubnis von Trump ist eine gute Nachricht. Aber es wäre eine Illusion, zu glauben, dass die Ukraine zum Ende des Sommers selbstproduzierte Patriot-Raketen haben wird. Ich rechne eher mit mindestens einem Jahr. Die Technologie ist komplex. Die Ukraine muss dafür neue Produktionsstätten bauen und Technik kaufen. Solche Prozesse dauern normalerweise mehrere Jahre. Ukrainische Unternehmen und Ingenieure haben zwar mehrfach bewiesen, dass sie die Welt überraschen können. Aber wir müssen uns an Vorgaben der US-Partner halten und Schritt für Schritt vorgehen. Warum ist der Bau der Abfangraketen so anspruchsvoll? Ich bin kein Ingenieur, aber vereinfacht gesagt: Es ist immer schwieriger, eine Abwehrwaffe zu bauen als eine Angriffswaffe. Die neue Generation der Patriot-Abfangraketen zerstört ballistische Geschosse durch direkte Treffer. Ältere Modelle explodierten in der Nähe der Rakete und zerstörten sie indirekt durch die Explosion. Das war oft weniger effektiv. Die neuen Modelle müssen also hochpräzise sein und benötigen leistungsstarke Triebwerke und ausgefeilte Radarsysteme. Der ukrainische Rüstungssektor hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Heute treffen ukrainische Langstreckendrohnen Ölraffinerien und Waffenfabriken tief in Russland. Auch an eigenen Marschflugkörpern wird gearbeitet. Warum hat die Ukraine bisher kein eigenes Flugabwehrsystem entwickelt? Die Entwicklung eines Waffensystems hängt von drei Faktoren ab: Geld, Zeit und Fachkräften. Hochkomplexe Systeme wie Raketenabwehr kosten enorm viel Geld und Zeit. Die USA entwickelten das erste Konzept für ihren Patriot-Vorläufer im Jahr 1961. Acht Jahre später folgte der erste Flugtest. 1980 startete die Serienproduktion. Die Ukraine hat keine Zeit, das Rad neu zu erfinden. Vor der Vollinvasion produzierte die Ukraine keine Munition. Heute exportiert sie ihre Drohnen ins Ausland und arbeitet mit Nato-Ländern in der Produktion zusammen. Wie gelang dieser Wandel? Wir haben einen enormen Bedarf und keine andere Wahl. Als Joe Biden noch US-Präsident war, erhielten wir viele Waffen aus US-Beständen. Mit dem Amtsantritt Donald Trumps änderte sich die Politik, außerdem leerten sich allmählich die Lager unserer Partner. Die Ukraine musste ihre eigene Produktion hochfahren. Das Verteidigungsministerium gab mehr Geld für heimische Produkte aus. Das Ergebnis sehen wir heute: Vor 2022 hat die Ukraine null Schuss 155-Millimeter-Artilleriemunition hergestellt. Heute erzeugt sie 600.000 Schuss pro Jahr. Auch die Entwicklungen im Bereich Drohnen waren der Not geschuldet: Drohnen kompensierten Lücken bei der Artillerie. Seit Monaten greift die Ukraine fast nächtlich russische Logistik im Hinterland an. Warum gerade jetzt? Um eine Drohne 2000 Kilometer hinter die Front zu fliegen, muss sie diese erst überwinden. Dafür haben ukrainische Truppen russische Flugabwehrsysteme und Radaranlagen zerstört. Außerdem setzen sie vermehrt Marschflugkörper bei den Angriffen ein, um die Abwehr zu verwirren. Das spielt alles zusammen und funktioniert nur als Orchester. Zudem haben wir zuletzt festgestellt, dass die russische Flugabwehr im Land nicht einmal St. Petersburg oder Moskau ausreichend schützen kann. Auch die Russen haben nicht genug Abwehrsysteme. Im Internet kursieren etliche Videos dieser „Deep Strikes“. Darauf ist oft das Hersteller-Logo von Firepoint zu sehen. Die Drohnenfirma hat einen Milliardenvertrag mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium. Wie gut ist sie wirklich? Jeder Hersteller behauptet, seine Drohne sei die beste. Für uns zählt, dass wir Ziele in Russland treffen. Mit welchem System, spielt eigentlich keine Rolle. Firepoint ist in der Kritik, weil die Firma dem Selenskyj-Vertrauten Timur Minditsch nahe stehen soll. Antikorruptionsbehörden ermitteln, ob die großen Aufträge gerechtfertigt sind. Es ist egal, wer „von oben“ anruft. Wenn das Produkt Mist ist, will es keiner kaufen. Die Ergebnisse der Firepoint-Drohnen sehen wir nicht nur in geschönten Präsentationen, sondern in den Videobeweisen der Drohnenpiloten. Außerdem ist die Firma in der Lage, große Stückzahlen zu liefern. Das ist auf dem ukrainischen Drohnenmarkt heutzutage sehr wichtig. Sind die Firepoint-Drohnen die besten auf dem Markt? Vielleicht. Sind andere womöglich besser? Wahrscheinlich. Können sie Tausende Drohnen pro Monat produzieren? Definitiv nicht. Wie viele Drohnen eine Firma produzieren kann, hängt auch von der Höhe der Staatsaufträge ab. Ja, allerdings erhalten Firmen Aufträge für bestimmte Stückzahlen. Wenn sie die nicht produzieren könnten, würden sie den Vertrag nicht bekommen. Sie müssen vorab investieren. Der Markt ist inzwischen sehr wettbewerbsgetrieben. Die Brigaden wählen über Online-Plattformen die Waffen aus, die am besten zu ihren Bedürfnissen passen. Ich wiederhole: Keiner würde eine schlechte Drohne zu einem hohen Preis kaufen. Im vergangenen Jahr produzierte die ukrainische Rüstungsindustrie nur 30 Prozent von dem, was die Kapazitäten eigentlich zulassen. Wie hat sich das entwickelt? Die Zahl bleibt ungefähr stabil. Bürokratie und komplizierte Beschaffungsverfahren verzögern die Produktion. Und wir merken, dass sich die Auszahlung des EU-Kredits verzögert. Aber ich sehe eine positive Entwicklung: Besonders Co-Produktionen mit europäischen Firmen, finanziert von deren Regierungen, helfen uns sehr. Auch, wenn sie nicht unseren gesamten Bedarf decken.