Flut im Ahrtal: Eltern führen Patisserie im Gedenken an verstorbene Tochter
Inka Orth, Mutter von Johanna: »Früher hat man in den blauen Himmel geguckt und hat gesagt: Boah, ist das Leben toll, und hat sich auch dafür bedankt. Das ist heute sehr schwer.« Inka und Ralph Orth leben einen Traum: Mit der Pâtisserie Johanna betreiben sie eine erfolgreiche Konditorei mitten in der Hamburger Speicherstadt. Kundinnen und Kunden kommen aus ganz Deutschland. Doch hinter der eleganten Fassade verbirgt sich ein Schicksalsschlag. Inka Orth, Mutter von Johanna: »Das Schlimmste ist, wenn über den geliebten Menschen nicht mehr gesprochen wird. Und für uns ist das natürlich auch etwas, wodurch Johanna extrem weiterlebt. Allein schon, weil sie einfach halt auch dafür gebrannt hat für dieses Handwerk.« Die Orths erfüllen sich hier nämlich nicht ihren eigenen Traum – sondern den ihrer verstorbenen Tochter. Seit ihrer Jugend hatte Johanna Orth auf dieses Ziel hingearbeitet: eine eigene Patisserie, feine Pralinen aus Handarbeit. Dann kam die Flutkatastrophe im Ahrtal. Inka Orth, Mutter von Johanna: »Und genau in diesem Moment bricht alles zusammen.« Im Juli vor fünf Jahren ließ extremer Stark- und Dauerregen die Ahr und ihre Zuflüsse binnen kürzester Zeit dramatisch anschwellen. Es war eine der schwersten Flutkatastrophen der deutschen Geschichte: Große Teile der Infrastruktur wurden zerstört. Mindestens 17.000 Menschen verloren ihr Hab und Gut. 136 Menschen starben. Mehr als die Hälfte der Todesopfer wurde in der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler registriert – so auch Johanna. Die 22-Jährige ist allein in ihrer Wohnung. Ihre Eltern im Urlaub. Um halb eins in der Nacht ruft Johanna sie an. Ralph Orth, Vater von Johanna: »Und sie schrie panisch, in panischer Angst, dass sie bis zu den Knien im Wasser steht, die Wohnungseingangstür nicht mehr öffnen kann und nicht mehr aus der Wohnung rauskommt. Und ich habe dann versucht, mir ein Bild davon zu machen. Was ist da los? Und habe sie gefragt: Was ist? Siehst du irgendwas? Wo kommt das Wasser her? Usw. Und sie sagte nur Nein, ich habe hier Angst. Die Möbel bewegen sich schon. Es ist ganz furchtbar. Also sie war wirklich in panischer Angst, in Todesangst, kann man sagen.« Nach wenigen Sekunden bricht das Telefonat ab. Johanna ist nicht mehr zu erreichen. Ihre Eltern steigen in den ersten Flieger nach Hause und setzen in den nächsten Tagen alles daran, ihre Tochter zu finden: Sie geben eine Vermisstenanzeige auf, starten Social Media Aufrufe und suchen die Umgebung ab – ohne Erfolg. Ralph Orth, Vater von Johanna: »Es war natürlich eine komplette Zerstörung in der Wohnung. Johanna hatte zwei Katzen. Außer der einen Katze war da nichts mehr zu finden.« Denn Johanna schafft es tatsächlich aus ihrer Wohnung raus. Und flüchtet über die Terrasse. Doch die Strömung reißt sie schließlich in die Tiefgarage des Hauses. Drei Tage später wird sie dort von der Feuerwehr gefunden. Ralph Orth, Vater von Johanna: »Es ist heute natürlich anders als vor fünf Jahren, aber es ist nach wie vor eine große Traurigkeit bei uns, dass wir all das, was Johanna noch vor sich gehabt hat, mit uns zusammen, aber auch für ihr eigenes Leben, dass wir das nicht mehr, dass sie und wir das nicht mehr erleben dürfen.« Inka Orth, Mutter von Johanna: »Es war immer mein größter Wunsch, dass ich irgendwann mal eine tolle Familie habe, einen tollen Ehemann und tolle Kinder. Und diesen Wunsch habe ich auch erfüllt bekommen. Aber man hat ihn mir auch viel zu früh weggenommen. Und das. Ist schon nicht einfach. Irgendetwas noch mal. Man kann es nicht mehr so genießen, wie man es früher genossen hat.« Wer ist verantwortlich für den Tod der Menschen im Ahrtal? Mit dieser Frage hat sich DER SPIEGEL bereits wenige Monate nach der Flut beschäftigt und dafür mehr als 5.000 Seiten vertraulicher Ermittlungsakten ausgewertet. Sie zeichnen ein erschütterndes Bild: Nach Einschätzung der Ermittler wurde die Bevölkerung spätestens ab dem Abend nicht ausreichend gewarnt und evakuiert. Der Katastrophenalarm der Stufe 5 wurde vom Landrat erst nach 23 Uhr über die Warn-App Katwarn, Facebook und per Pressemitteilung veröffentlicht – für viele Betroffene zu spät. Deshalb haben Johannas Eltern den damaligen Landrat und den technischen Einsatzleiter wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen angezeigt – erfolglos. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Die Staatsanwaltschaft Koblenz teilt auf SPIEGEL-Anfrage mit: [Es] ist jedoch nicht sicher festzustellen, ob durch weitergehende und frühere Räumungsaufforderungen Personenschäden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermieden worden wären. Viele Menschen würden auf Räumungsaufforderungen zögernd, wenn nicht gar ungläubig reagieren. Diese Argumentation können die Orths nicht nachvollziehen. Ralph Orth, Vater von Johanna: »Es wurde unterstellt, dass die Menschen mehr oder weniger selbst daran schuld sind, dass sie eben auf sich selber nicht genügend informiert haben, dass sie selbst nicht gewisse Warnungen sich besorgt haben, um dann daraus Schlüsse zu ziehen, dieses Gebiet zu verlassen und eben nicht zu Schaden zu kommen. Das ist natürlich für die Betroffenen ein Schlag ins Gesicht, weil am Ende des Tages macht man den Menschen, insbesondere auch Johanna, den Vorwurf, dass sie eigentlich selber schuld ist.« Nun erwägen die Eltern sogar, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Bis dahin arbeitet die Familie Orth in ihrer Patisserie weiter daran, Johannas Traum lebendig zu halten.