DAX -1,18 % 26.128,36 Pkt 18:00:00 MDAX -1,92 % 31.839,83 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,95 % 6.468,17 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,72 % 53.343,40 Pkt 22:40:06 S&P 500 -1,21 % 7.691,76 Pkt 22:38:24 Nasdaq -1,64 % 26.289,71 Pkt 23:15:59 Nikkei -3,16 % 65.326,42 Pkt 08:30:01 Gold +0,69 % 4.396,30 USD 08:48:07 Silber -1,39 % 63,06 USD 08:48:12 Brent +0,59 % 91,56 USD 08:48:00 WTI -0,36 % 84,63 USD 08:48:00 Bitcoin -0,63 % 64.274,53 USD 08:58:16 EUR/USD +0,13 % 1,15980 USD 08:57:57 EUR/GBP +0,09 % 0,85560 GBP 08:58:17 EUR/CHF +0,11 % 0,93990 CHF 08:58:16 EUR/JPY +0,05 % 184,631 JPY 08:58:17

Folgen der Trockenheit: aufgewühlte Seelenlandschaft

Wissenschaft

Startseite Meinung Kolumnen Folgen der Trockenheit: aufgewühlte Seelenlandschaft Von: Harry Nutt Uns auf Google folgen Die Trockenheit schrumpft Flüsse und deckt Fehler bei der Anpassung an den Klimawandel auf. Im langen Sommer des Jahres 2018 habe ich mit meiner Mutter oft im Vorgarten des Berliner Pflegewohnheims gesessen, in dem sie fast drei Jahre lang untergebracht war. Ein riesiger Ahornbaum hatte es ihr angetan, immer wieder rätselten wir darüber, wie hoch er wohl sei. Obwohl ein Bewohner regelmäßig die Blätter zusammenharkte, war der Rasen abends stets von trockenem Laub und Rinde übersät. Das komme von der Trockenheit, sagte meine Mutter, als sei ihr die Erkenntnis aus ihrem früheren Leben herübergeweht. Während sie aufgrund ihrer fortgeschrittenen Demenz daran erinnert werden musste, Flüssigkeit zu sich zu nehmen, war ihr der Wassermangel in Landschaft und Garten überaus bewusst. Die Pflegerinnen und Pfleger der Einrichtung waren bemüht, die Räume so kühl wie möglich zu halten. Gegen Gewohnheiten jedoch schien kein Kraut gewachsen. Der allgemeinen Einsicht, die Fenster wegen der hohen Außentemperaturen geschlossen zu halten, kam kaum jemand nach. Hitzetote? Es wird sie gegeben haben. Herr Z., der emsig um die Beseitigung der fallenden Blätter bemüht war, starb an Herzversagen. Eher unwahrscheinlich, dass sein Tod in eine Klimastatistik eingegangen ist. Die Nachrichten über die Dürre der vergangenen Wochen haben mir die Erinnerungen an eine Dampferfahrt mit meinen Eltern auf dem Rhein in Erinnerung gerufen. Die Bezeichnung Mäuseturm hat meine kindliche Fantasie lange beschäftigt. Jahrzehnte später noch verspürte ich ein unangenehmes Krabbeln und Zirpen. Die Vorstellung, dass das schlossähnliche Gebäude im großen Fluss bei Bingen von Mäusen bevölkert sei, hatte mich stets hoffen lassen, dort so schnell wie möglich voranzukommen. Auf den aktuellen Bildern sind die Wasserbänke schmutzig-braun, selbst die in der Ferne aufragenden Weinberge, die die Landschaft um diese Jahreszeit in ein sattes Grün tauchen, wirken ausgedorrt. Aus dem Mittelrhein erheben sich kleine Inseln, an einigen Stellen ist der Fluss für die Berufsschifffahrt unpassierbar. Wo die sacht dahinfließende Wasserstraße ein Symbol für Gleichmaß, Kontinuität und erhabene Anmut war, fasziniert sie nun mit bizarrer Kargheit. Wie kaum zuvor hat die anhaltende Trockenheit eine deutsche Seelenlandschaft aufgewühlt. Da hilft es wenig, dass meiner Mäusephobie mit etymologischem Wissen leicht beizukommen wäre. So verweist der Name Mäuseturm nicht auf flinke Bewohner, sondern auf seine Funktion. Der Turm wurde als Wärterhäuschen zur Zoll㈠erhebung errichtet, erstmals erwähnt 1516, auf einer Ansicht von 1638 wird die Schreibung Meuß-Thurm verwandt. Mutmaßlich geht der Name auf das mittelhochdeutsche Wort „mûsen“ für „spähen, lauern“ zurück oder auf den althochdeutschen Begriff „muta“ für „Wegezoll“. Der praktische Nutzen des Rheins war schon früh viel wichtiger als dessen Anregung der Fantasie zur Erzeugung von Mythen. Nun jedoch ist dieser Pragmatismus bedroht. Lieferketten zerreißen, Wälder brennen, Kulturlandschaften trocknen aus. Die Widerstände des Unbewussten gegen Anpassung an die Klimaveränderungen sind das eine. Anderswo werden eine „Klimarettungsindustrie“ und „klimareligiöse Verbotskultur“ beschworen, wie es im Wahlprogramm einer Partei in Sachsen-Anhalt heißt. Die Elbe bei Magdeburg hat es nicht gelesen.

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