Forderungen aus der Politik Der DFB hat längst Strukturreformen eingeleitet
Am Mittwoch (08.07.2026) tagt der Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Auf der Tagesordnung steht hauptsächlich die "Nachwuchsförderung im Spitzensport". Wer wissen möchte, ob unter dem Punkt 3: "Verschiedenes" über das Abschneiden der Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2026 gesprochen wird, kann die Sitzung über die Bundestagsseite im Livestream verfolgen. Vor 20 Jahren gab es einige Politiker, die den Teamchef Jürgen Klinsmann vor den Bundestag zitieren wollten. Der Wunsch entstand schon Monate vor dem Eröffnungsspiel der WM 2006, nach einer 1:4-Niederlage in einem Test gegen Italien. Peter Danckert, damals Vorsitzender des Ausschusses, lehnte den Vorschlag als "Schnapsidee" ab. Seitdem halten sich Politiker mit solchen Vorstößen zurück. Aber Forderungen werden trotzdem gestellt, und da kristallisierte sich in den Tagen nach der Niederlage gegen Paraguay ein Dissens innerhalb der Unionsfraktion heraus. Während Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) der Meinung war, Deutschland habe trotzdem "begeistert", sprach Stephan Meyer (CSU) von einer "veritablen Blamage". Der sportpolitische Sprecher der Fraktion forderte in der "Rheinischen Post", die "Rolle des Trainers" müsse "kritisch untersucht" und das Aus "mit Demut" aufgearbeitet werden. Außerdem solle sich der DFB "zügig grundlegenden Strukturfragen stellen". Die Sache mit dem Trainer, die im Fußball in der Regel an erster Stelle genannt wird, hat sich schon erledigt. Bleiben die "Strukturen", von denen bei Politikern, Experten, ehemaligen Profis, Medien und Fans auch gerne geredet wird, meistens mit dem Hinweis, dass der DFB jetzt aber jeden Stein umdrehen und dann auf jeden Fall etwas ändern müsse. Das ist vielleicht keine Schnapsidee, aber populistisch, zumal es bei konkreten Vorschlägen meistens darauf hinausläuft, dass personelle Wechsel gefordert werden. So wird Fredi Bobic ins Gespräch gebracht, auch Oliver Kahn und Per Mertesacker, der sich sogar selbst hinein brachte und sagte: "Irgendwie mal beim DFB zu arbeiten, dafür stehe ich natürlich zur Verfügung." "Irgendwie" beim DFB Irgendwie - aber wie? Er könnte Nachfolger von Andreas Rettig werden, der zum Jahresende als Geschäftsführer Sport bei der DFB GmbH & Co. KG aufhört. Er könnte auch Nachfolger von Rudi Völler werden, falls der unter dem designierten neuen Bundestrainer Jürgen Klopp als Sportdirektor, zuständig für die A-Nationalmannschaft der Männer, aufhören sollte oder muss. Mertesacker, jahrelang beim FC Arsenal für den Nachwuchs verantwortlich, könnte theoretisch auch Nachfolger von Hannes Wolf werden, dem Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung. Auch Wolf ist bei der DFB GmbH & Co. KG angestellt, die im Januar 2022 gegründet wurde. So wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten des DFB in eine Gesellschaft ausgegliedert und - vereinfacht gesagt - der Profi- vom Amateurbereich getrennt. Wolf ist federführend dafür verantwortlich, das "Projekt Zukunft" umzusetzen, das schon von Nationalmannschaftsmanager und DFB-Direktor Oliver Bierhoff in Verbindung mit mehreren hundert Expertinnen und Experten geplant worden war, lange bevor der nach dem Ausscheiden bei der WM 2022 in Katar gehen musste. Große Reformen längst umgesetzt Diese Reform bedeutete eine tatsächliche und gewaltige Strukturänderung. Sie zeigt sich in jedem Training und an jedem Wochenende bei den Spielen der Juniorenmannschaften von den knapp 24.000 Vereinen, in denen mehr als acht Millionen Mitglieder organisiert sind. Die Erkenntnis, dass es Fehlentwicklungen im deutschen Fußball gibt, liegt dem "Projekt Zukunft" zugrunde. So soll mehr Wert darauf gelegt werden, positionsspezifisch ausgebildet zu werden, also etwa Außenverteidiger statt Spieler, die mit dem neumodischen Adjektiv "polyvalent" beschrieben werden. Auch das Dribbling und die individuelle Klasse soll gefördert werden, statt allein auf Passspiel und das Kollektiv zu setzen. Bundestrainer Joachim Löw, 2014 Weltmeister in Brasilien, hatte schon während der Europameisterschaft 2016 angeprangert, dass ihm Spieler fehlten, die im direkten Duell mal einem Gegner vorbeikommen. Neue Spielformen, die dafür sorgen sollen, dass Kinder und Jugendliche viel häufiger am Ball sind und somit auch öfter in Zweikämpfe kommen, sind das Resultat dieser Überlegungen, die schon vor zwei Jahrzehnten angestellt wurden. Eine weitere große Strukturänderung hatte es nach der peinlichen EM 2000 gegeben, die mit dem Aus in der Vorrunde geendet hatte. Nachwuchsleistungszentren wurden Anfang des Jahrtausends für sämtliche Bundesligisten und Zweitligisten verpflichtend, um eine Lizenz zu erhalten. U21-Titel 2009 als Folge einer Strukturreform? Gut möglich Ein direkter Nachweis, dass diese Strukturreform zum erstmaligen Titelgewinn bei einer U21-EM führte, ist nicht möglich. Aber bevor die späteren Weltmeister Manuel Neuer, Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Jérôme Boateng, Sami Khedira 2009 Europameister wurden, kam die deutsche Mannschaft seit Mitte der 1980-er Jahre nie über ein Viertelfinale hinaus. Häufig wurde nichtmal die Qualifikation für die Endrunde des Wettbewerbs geschafft, der jedes zweite Jahr gespielt wird. Strukturreformen, die diesen Namen verdienen, benötigen Zeit in Planung, Beschluss, Umsetzung und Wirkung. Wenn sie gefordert werden, wird oft auch nur an die Nationalmannschaft der Männer gedacht, vielleicht noch die der Frauen. Der DFB und seine Strukturen sind weit mehr als die Nationalmannschaft (der Männer) Diese Teams machen aber - wie der gesamte Profibereich - nur einen winzigen Bruchteil des Bereichs aus, für den der gemeinnützige DFB e.V. mit seinem Präsidenten Bernd Neuendorf an der Spitze verantwortlich ist. Streng genommen hat dieser DFB nur 27 Mitglieder: 21 Landesverbände, fünf Regionalverbände und die "Bundesliga", die bis vor ein paar Tagen unter Deutsche Fußball Liga (DFL) firmierte. Es gibt große Spannungsfelder, die sich allein schon aus den unterschiedlichen Interessen eines Dorfvereins und eines Drittligisten ergeben. Für etliche Klubs sind wirksame Programme für die Rekrutierung von Schiedsrichtern und Jugendtrainern wichtiger als die Frage, ob nun (schon wieder) kostenintensiv viel Personal ausgetauscht wird, um beim nächsten Mal dann aber wirklich mal wieder etwas zu reißen.