Forscher entdecken „kleine Bestie“
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„Kleine Bestie“: Forscherinnen untersuchen neuartiges Urzeitwesen
Von: Tobias Utz
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Ein Forscherteam hat eine bislang unbekannte Mosasaurier-Art untersucht, die vor rund 85 Millionen Jahren im heutigen Europa lebte. Die Studienergebnisse stellen ein zentrales Dogma der Wissenschaft infrage.
Mosasaurier gelten als eine der erfolgreichsten Raubtiergruppen der Erdgeschichte. Mit kräftigen Kiefern, scharfen Zähnen und Körpern von bis zu 15 Metern Länge dominierten die eidechsenverwandten Reptilien einst die Weltmeere – zu einer Zeit, als an Land noch die Dinosaurier herrschten.
Bislang gingen Fachleute davon aus, dass sich diese Tiere ausschließlich im Meer entwickelt hatten. Eine neue Studie zweier Forscherinnen aus Frankreich zeichnet nun ein deutlich komplexeres Bild.
Fossilreste aus einem urzeitlichen See
Ausgangspunkt der Arbeit ist ein rund 2,5 Meter langes Fossil, das in kontinentalen Ablagerungen aus dem Santonium – einer Stufe der Oberkreide vor etwa 85 Millionen Jahren – in der Provence entdeckt wurde. Der Fundort lag damals nicht im Meer, sondern am Rand eines Sees. Die Region glich zu jener Zeit einer weitläufigen, tropischen Sumpflandschaft.
Untersucht wurden die Überreste von Nathalie Bardet vom Centre de Recherche en Paléontologie – Paris, das dem Pariser Naturkundemuseum (Muséum national d‘Histoire naturelle) angegliedert ist, sowie von Alexandra Houssaye vom Labor Mécanismes adaptatifs et évolution (Mecadev, CNRS/MNHN). Die Studie wurde am 18. September in der Fachzeitschrift PCI Paleontology veröffentlicht, ein Preprint war zuvor bereits auf der Plattform bioRxiv erschienen.
Das neu beschriebene Tier erhielt den wissenschaftlichen Namen Garamaudo bauciensis. Der Gattungsname geht auf den provenzalischen Ausdruck „Gara au maudo“ – sinngemäß „Hüte dich vor dem Verfluchten“ – zurück, mit dem eine sagenhafte, schlangenartige Kreatur bezeichnet wird, die der Legende nach die Süßwasser der Region heimsuchte. Erwähnt wurde dieses Fabelwesen erstmals 1859 von Frédéric Mistral in seinem Versepos „Mirèio“.
Ein Körperbau zwischen Land und Wasser
Was das Fossil aus Aix-en-Provence so bemerkenswert macht, ist seine ungewöhnliche Anatomie. Während vollmarine Mosasaurier über sogenannte Flossenpaddel verfügten – abgeflachte Knochengliedmaßen, wie sie heute etwa Delfine oder Meeresschildkröten besitzen –, zeigen die Überreste von Garamaudo bauciensis stattdessen Gliedmaßen, die eher an Landtiere erinnern. Die „Beine“ hätten „grosso modo“ denen von Waranen geähnelt, erläutert Alexandra Houssaye. Zusätzlich weist das Tier ein Kreuzbein (Sacrum) auf – eine Struktur, die typischerweise mit terrestrischer Fortbewegung in Verbindung gebracht wird.
Begriffserklärung – Was sind/waren Mosasaurier?
Die Mosasaurier waren in der gesamten Oberkreide eine weltweit verbreitete Gruppe meeresbewohnender Reptilien. Sie gehören wie die heute lebenden Schlangen, Echsen und Doppelschleichen zu den Schuppenkriechtieren und erreichten bis zu 18 Meter Länge. (Quelle: Wikipedia)
Im Größenvergleich mit den Verwandten aus dem offenen Meer, die bis zu 15 Meter lang werden konnten, war Garamaudo bauciensis nach Worten der Forscherin eine regelrechte „kleine Bestie“ („petite bête“) von lediglich 2,5 Metern Länge.
Gleichzeitig belegen die Knochen aber auch eine deutliche Anpassung an das Leben im Wasser: Sowohl die Wirbel als auch mindestens der Oberarmknochen zeigen eine ausgeprägte Osteosklerose, also eine besonders kompakte, verdichtete Knochenstruktur. Diese Eigenschaft reduziert den Auftrieb und erlaubt es einem Tier, mit geringerem Energieaufwand abzutauchen und sich im Wasser zu bewegen. Die Forscherinnen schließen daraus, dass Garamaudo bauciensis vermutlich in geringer Wassertiefe „schwebte“ beziehungsweise sich dort bewegte – vermutlich als lauernder Jäger mit begrenzter Beschleunigungsfähigkeit und Wendigkeit, anders als die schnellen Freischwimmer der offenen Meere.
„An sich ist das kein spektakuläres Fossil, keine Überreste, die die Massen begeistern werden“, räumt Alexandra Houssaye ein. „Es sind kleine Fragmente, die nicht mehr im anatomischen Verband liegen. Aber dass man diese Reste ausgerechnet in einem Süßwassermilieu findet, beweist, dass die Evolution komplexer und reichhaltiger ist, als wir dachten. Mosasaurier sind nicht einfach nur Tiere, die 15 Meter lang durch die Ozeane schwimmen. Die Natur findet immer mehr Lösungen, mehr Kombinationen, um sich anzupassen.“
Im Vergleich zu den bis zu 15 Meter langen Verwandten aus dem offenen Meer war Garamaudo bauciensis mit 2,5 Metern ein regelrechtes „kleines Tier“, so Houssaye.
Kein zufälliger Ausflug ins Süßwasser
Entscheidend für die Interpretation der Forscherinnen ist der Fundkontext: Am selben Ort wurden auch Fossilien eindeutig süßwassertypischer Arten geborgen, darunter Muscheln und Schnecken sowie weitere Belege für Schildkröten, Krokodile und Fische. Diese Begleitfauna spricht dagegen, dass es sich um ein Tier handelte, das nur zufällig oder vorübergehend – etwa zur Fortpflanzung, wie es bei manchen Meeresarten vorkommt – ins Süßwasser gelangt war. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass Garamaudo bauciensis dauerhaft von einem Süßwasserlebensraum abhängig war.
Eine Evolution, die nicht geradlinig verlief
Die Studie ordnet den Fund der Unterfamilie der Tethysaurinae zu und liefert damit einen wichtigen neuen Baustein für das Verständnis der Mosasaurier-Evolution. Bislang deutete das Fossilmaterial darauf hin, dass diese Reptilien vor rund 100 Millionen Jahren zunächst in warmen, flachen Küstengewässern entstanden und sich von dort zunehmend in die offene See ausbreiteten. „Ab etwa 90 Millionen Jahren finden wir im Fossilbericht praktisch nur noch Mosasaurier, die aktive Schwimmer waren“, so Houssaye. Garamaudo bauciensis, das deutlich jünger ist, zeigt jedoch, dass diese Entwicklung keineswegs geradlinig verlief: Während sich ein Teil der Mosasaurier ins offene Meer vorwagte, entwickelte sich offenbar parallel dazu innerhalb der Tethysaurinae mindestens eine Linie, die sich an Süßwasser-Lebensräume anpasste – ein Beispiel für ökologische Nischenaufteilung innerhalb derselben Verwandtschaftsgruppe.
US-Forscher haben den Beginn der Dinosaurier-Ära neu datiert. Ein Massenaussterben könnte ihre Entwicklung beschleunigt haben.
Nach heutigem Kenntnisstand ist es ausschließlich innerhalb der Tethysaurinae, dass sich mehrere Süßwasserformen entwickelt haben, wie die Autorinnen betonen. Dies lässt sich mit dem Erhalt ursprünglicherer, „landtierähnlicher“ Gliedmaßen- und Beckenmerkmale in dieser Gruppe erklären – während der Großteil der übrigen Mosasaurier mit stärker ans Schwimmen angepassten Gliedmaßen die offene See eroberte.
Wie ihre marinen Verwandten überlebten auch die Süßwasser-Mosasaurier das große Massenaussterben an der Kreide-Paläogen-Grenze vor etwa 66 Millionen Jahren nicht – jenes Ereignis, dem auch die überwiegende Mehrheit der Dinosaurier zum Opfer fiel.
Die Provence als Fossilienregion
Der Fund reiht sich in eine Serie bemerkenswerter paläontologischer Entdeckungen in der Region ein. Erst im Juli 2025 waren bei Gréasque, ebenfalls in den Bouches-du-Rhône, außergewöhnlich gut erhaltene Dinosaurierspuren aus der Endphase der Kreidezeit gefunden worden – seinerzeit als Premiere für Europa gefeiert. Die Provence entwickelt sich damit zunehmend zu einem Schlüsselgebiet für das Verständnis der letzten Jahrmillionen vor dem großen Massenaussterben.
Für die Wissenschaft bedeutet der Fund von Garamaudo bauciensis primär eines: Die Geschichte der Mosasaurier muss neu und differenzierter erzählt werden. Nicht alle Wege dieser urzeitlichen Räuber führten zurück ins offene Meer – manche endeten, zumindest zeitweise, auch in den ruhigen Süßwasserlagen des heutigen Südfrankreichs. (Quellen: PCI Paleontology, bioRxiv, Archiv, Franceinfo, ici.fr, AFP) (tu)