Forscher identifizieren Meteoriten, der die Dinos tötete
Vor 66 Millionen Jahren löschte ein gewaltiger Asteroideneinschlag die Dinosaurier aus. Ein internationales Forschungsteam hat nun erstmals den genauen Typ des kosmischen Geschosses bestimmt – es war ein extrem seltener Meteorit. Die Erkenntnis stellt bisherige Annahmen über den Ablauf der Katastrophe infrage. Ein internationales Forschungsteam hat den Asteroiden identifiziert, der vor 66 Millionen Jahren auf der heutigen mexikanischen Halbinsel Yucatán einschlug und das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit auslöste. Es handelte sich demnach um einen sogenannten CO-Chondriten – einen äußerst seltenen Typ primitiver Meteoriten. Die Ergebnisse der Studie erschienen im Fachmagazin "Science Advances". Dass ein sogenannter kohliger Chondrit – eine bestimmte Klasse von Meteoriten – für den Chicxulub-Krater verantwortlich war, galt in der Wissenschaft bereits als gesichert. Welcher Untergruppe der Himmelskörper genau angehörte, blieb jedoch bislang ungeklärt. Die meisten Fachleute hielten sogenannte CM-Chondrite für den wahrscheinlichsten Kandidaten. Die neue Untersuchung widerlegt diese Annahme. Nickel als kosmischer Fingerabdruck Um dem Ursprung des Einschlags auf die Spur zu kommen, setzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf eine Art forensische Spurensuche im globalen Maßstab. Sie analysierten die Nickel-Isotopen-Zusammensetzung in dünnen Tonschichten, die sich nach dem Einschlag weltweit ablagerten – der sogenannten Kreide-Paläogen-Grenzschicht. Proben stammten aus fünf verschiedenen Fundorten: Stevns Klint in Dänemark, Caravaca in Spanien sowie Furlo, Frontale und Fornaci in Italien. Nickel eignet sich besonders gut für eine solche Analyse, da das Element in primitiven Meteoriten in weitaus höheren Konzentrationen vorkommt als in der Erdkruste. Zudem besitzen verschiedene Meteoritentypen jeweils charakteristische Nickel-Isotopen-Signaturen – eine Art kosmischer Fingerabdruck. Die Forschenden verglichen die Daten aus den Grenzschicht-Proben mit den Isotopen-Signaturen von elf verschiedenen kohligen Chondriten. Das Resultat fiel eindeutig aus: Die Nickel-Werte stimmten am besten mit denen von CO-Chondriten überein. CM-Chondrite – bis dahin der favorisierte Kandidat – sowie CI-Chondrite und weitere Gruppen konnten die Wissenschaftler dagegen ausschließen. "Unterstreicht, wie viel Pech die Dinosaurier hatten" CO-Chondrite, benannt nach dem Meteoriten von Ornans in Frankreich, zählen zu den seltensten und ursprünglichsten Gesteinen im Sonnensystem. Kohlige Chondrite insgesamt machen nur rund fünf Prozent aller auf der Erde gefundenen Meteoriten aus, wie "ScienceDaily" berichtet. CO-Chondrite bilden davon wiederum nur einen winzigen Bruchteil. "Kohlige Chondrite der Ornans-Klasse sind definitiv nicht wie die typischen Meteoriten, die man in Museumssammlungen findet", sagt Philippe Claeys, Geologe an der Vrije Universiteit Brussel und Mitautor der Studie, laut Pressemitteilung. "Von einem so seltenen, weit entfernten Projektil getroffen zu werden, unterstreicht wirklich, wie viel Pech die Dinosaurier hatten." Weniger Schwefel als gedacht – Staub als eigentlicher Killer Die Entdeckung hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis des Massenaussterbens. Denn CO-Chondrite enthalten deutlich weniger flüchtige Elemente – insbesondere Schwefel, aber auch Kohlenstoff, Zink und Wasser – als andere kohlige Chondrite. Laut der Studie setzt ein CO-Chondrit nur etwa halb so viel Schwefel frei wie ein CM-Chondrit. Bislang galt verdampfter Schwefel als einer der entscheidenden Faktoren der Katastrophe: In die Atmosphäre geschleudert, hätte er das Sonnenlicht blockiert und als saurer Regen Böden und Meere über Jahrtausende vergiftet. Die neuen Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass nicht der Schwefel aus dem Meteoriten selbst, sondern die gewaltigen Mengen feinen Staubs in der Atmosphäre den Hauptanteil an der Vernichtung hatten. "Es ändert nicht unsere Theorie über die Ursache des Aussterbens – aber es macht es unwahrscheinlicher, dass der Schwefel die entscheidende Waffe war. Der feine Staub in der Atmosphäre wäre der primäre Faktor gewesen", erläutert Claeys. Eine Verkettung unglücklicher Umstände Der Asteroid maß nach Schätzungen zwischen 10 und 15 Kilometer im Durchmesser und traf die Erde mit einer Geschwindigkeit von rund 64.000 Kilometern pro Stunde. Die Herkunft des kosmischen Geschosses ist weiterhin nicht restlos geklärt: Es könnte aus dem äußeren Sonnensystem stammen oder aus dem äußeren Bereich des Asteroidengürtels nahe Jupiter. Normalerweise fungiert dieser Riesenplanet als eine Art gravitativer Schutzschild, der Gesteinsbrocken aus den Randbereichen des Sonnensystems davon abhält, in Erdnähe zu gelangen. Dass ein zehn Kilometer großer Brocken diese Barriere durchbrach, war ein außergewöhnlich seltenes Ereignis. Hinzu kamen weitere unglückliche Faktoren: Hätte der Asteroid fast überall anders auf der Erde eingeschlagen oder sie in einem anderen Winkel getroffen, wäre die Verwüstung vermutlich geringer ausgefallen. Selbst die Jahreszeit – der Einschlag ereignete sich im Frühling der Nordhalbkugel – verringerte demnach die Fähigkeit der betroffenen Arten, sich zu erholen. Neue Perspektiven für die Forschung Das Massenaussterben an der Kreide-Paläogen-Grenze zählt zu den fünf größten in der Erdgeschichte. Neben den Dinosauriern verschwanden auch Flugsaurier und Ammoniten – insgesamt etwa 75 Prozent aller damals lebenden Arten. Empfehlungen der Redaktion Viermal so groß wie Mount Everest: Gewaltiger Meteorit prägte junge Erde 200 Jahre alter Stonehenge-Irrtum widerlegt Über 2.000 Jahre alte Silbermünzen entdeckt - wie kamen sie nach Sachsen-Anhalt? Die Identifikation des Asteroiden eröffnet nun neue Forschungswege: Zum einen lässt sich der genaue Mechanismus des Aussterbens präziser rekonstruieren, wenn die chemische Zusammensetzung des Geschosses bekannt ist. Zum anderen liefert die Erkenntnis wichtige Hinweise für die Einschätzung der Risiken, die von möglichen künftigen Einschlägen ausgehen. Die Studie demonstriert zudem, dass Nickel-Isotope ein besonders geeignetes Werkzeug sind, um extraterrestrisches Material auf der Erde aufzuspüren und zuzuordnen. (red)