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Forscher machen erstaunliche Entdeckungen

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„Vollkommen absurd“: Hunderttausende Fässer mit Atommüll in der Tiefsee entsorgt – Forscher machen erstaunliche Entdeckungen im Atlantik

Von: Tobias Utz

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Jahrzehntelang lagen Hunderttausende Fässer mit radioaktivem Abfall auf dem Meeresgrund. Nun zeigen neue Tauchgänge: Einige sind bereits zerfallen.

Jahrzehntelang ruhten sie in der Dunkelheit der Tiefsee, unbeobachtet, vergessen und doch potenziell gefährlich: Hunderttausende Fässer mit radioaktivem Abfall liegen auf dem Grund des Atlantiks. Nun sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zurückgekehrt, um erstmals genauer zu untersuchen, was die Zeit mit diesen Behältern angestellt hat. Die Befunde sind beunruhigend, wenn auch nicht katastrophal.

Die Ergebnisse stammen aus der Forschungsmission NODSSUM (Nuclear Ocean Dump Site Survey and Monitoring), die vom französischen Forschungszentrum CNRS geleitet wird – in Zusammenarbeit mit dem Meeresforschungsinstitut Ifremer, der französischen Atomaufsichtsbehörde ASNR sowie internationalen Partnerlaboren, darunter Subatech, IN2P3 und INSU. Das Projekt wird von den Wissenschaftlern Patrick Chardon (CNRS, Spezialist für die Wirkung von Radioaktivität auf die Umwelt) und Javier Escartín (Meeresgeologe, ENS/CNRS) geleitet.

Erste Kartierung 2025: Tausende Fässer im Visier

Bereits im Juni 2025 kartierte ein Forschungsteam an Bord des Schiffs „L‘Atalante“ ein Gebiet in der Tiefsee des Nordostatlantiks, rund 650 bis 1000 Kilometer vor der französischen Küste. Mithilfe des autonomen Unterwasserroboters „UlyX“, der bis zu 6000 Meter tief tauchen kann, legte das Team bei 16 Tauchgängen 800 Kilometer Meeresboden zurück und lokalisierte dabei 3355 Fässer auf einer Fläche von 163 Quadratkilometern – nach eigenen Angaben des CNRS weniger als zwei Prozent der insgesamt rund 15.000 Quadratkilometer großen Zielregion. „UlyX“ fotografierte 50 der Behälter aus der Nähe. Die Aufnahmen zeigten, dass mehrere Fässer massiv korrodiert und teilweise zerfallen waren – ob bereits Inhalt ausgetreten war, ließ sich anhand der Bilder allein jedoch noch nicht klären.

Von 14 Ländern versenkt – ein radioaktives Erbe aus dem 20. Jahrhundert

Der Ursprung des Problems reicht Jahrzehnte zurück. Zwischen den Jahren 1946 und 1990 versenkten insgesamt 14 europäische Länder mehr als 200.000 Fässer mit radioaktivem Abfall in den Tiefseeebenen des Nordostatlantiks, in Tiefen zwischen 3000 und 5000 Metern. Die Gesamtaktivität des damals versenkten Materials wird auf rund 45.000 bis 85.000 Terabecquerel geschätzt.

Zur Einordnung: Laut Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz ist Terabecquerel (TBq) eine Maßeinheit für Radioaktivität. „Ein Terabecquerel sind 1.000.000.000.000 Becquerel“, heißt es vom BfS dazu. Allein Frankreich entsorgte laut der Umweltorganisation CRIIRAD zwischen den Jahren 1967 und 1969 mehr als 46.000 Behälter – umgerechnet rund 14.200 Tonnen radioaktiven Abfalls aus der Wiederaufbereitungsanlage Marcoule.

Die damalige Überzeugung: Die Tiefsee sei ein geeigneter Ort, um schwach- und mittelradioaktiven Müll dauerhaft loszuwerden. Die Fässer, deren Hohlräume mit Bitumen und Zement verfüllt wurden, sollten die Radioaktivität für rund 20 bis 25 Jahre einschließen – lange genug, so die Annahme, damit sie an Gefährlichkeit verliert. Der Atommüll bestand unter anderem aus kontaminiertem Metall, ausgedienter Laborausrüstung sowie radioaktivem Schlamm. Diese Entsorgungspraxis ist heute durch internationale Abkommen verboten. Der letzte dokumentierte Kontrollbesuch vor der NODSSUM-Mission fand 1985 im Rahmen der Kampagne EPICEA statt, bei der das Tauchgerät „Epaulard“ lediglich sechs Fässer fotografieren konnte – seither, so betont Escartín, habe es vierzig Jahre lang keine gesicherten Erkenntnisse mehr über den Zustand der Fässer gegeben.

Tauchgänge in 4700 Metern Tiefe

Vom 27. Mai bis zum 28. Juni 2026 fuhr ein Team von rund 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Bord des Forschungsschiffs „Pourquoi Pas?“ erneut in das Gebiet, dieses Mal rund 1200 Kilometer vor der Küste der Region Nouvelle-Aquitaine. Mit dem bemannten Tauchboot „Nautile“ absolvierte das Team 20 Tauchgänge in Tiefen von jeweils mehr als 4700 Metern. Basierend auf den 2025 erstellten Karten und den Sedimentmessungen mit den höchsten Aktivitätswerten wählten die Forschenden gezielt jene Fässer aus, die aus der Nähe untersucht werden sollten.

Mit Roboterarmen entnahm das Team Proben aus Wasser, Sediment und von Meeresorganismen in unmittelbarer Umgebung der am stärksten zerfallenen Behälter. Bereits während der ersten Kampagne 2025 waren rund 5000 Liter Wasser, 345 Sedimentkerne sowie 34 Fisch- und Krebstierproben gesammelt worden. Escartín beschreibt die Szenerie am Meeresgrund so: „Man sieht Fische, Seesterne […]. Die Fässer liegen dort inmitten dieser Fauna – seit über vierzig Jahren.“

Radioaktivität erhöht, aber auf niedrigem Niveau – Entwarnung mit Fragezeichen

Die Untersuchungen bestätigen, was viele Experten befürchtet hatten: Mehrere Fässer sind so weit zerfallen, dass sie ihren Inhalt bereits an das umgebende Meerwasser abgegeben haben. In seiner offiziellen Pressemitteilung vom 2. Juli 2026 erklärt das CNRS wörtlich: „Die vor Ort durchgeführten Messungen bestätigen das Vorhandensein von Radionukliden, die für diesen Abfall charakteristisch sind, in Aktivitätswerten, die höher liegen, als in dieser Zone eigentlich zu erwarten wäre.“ Übersetzt heißt das: Das Forscherteam konnte erhöhte radioaktive Werte nachweisen. Bisher ist aber unklar, inwiefern das die Umwelt in der Tiefsee beeinflusst hat.

Konkret wiesen die Instrumente die Radionuklide Cobalt-60, Niob-94, Cäsium-137 und Americium-241 nach – wobei Cäsium-137 und Americium-241 auch aus Kernwaffentests oder anderen nuklearen Ereignissen stammen können, was eine eindeutige Quellenzuordnung erschwert. Ein radioaktives Großereignis sei dies dennoch nicht, betont Patrick Chardon mit einer Prise Ironie „Wir befinden uns nicht in Tschernobyl.“

Die Tiefsee – unbekannter als die Mondoberfläche

Trotz ihrer enormen Ausdehnung ist die Tiefsee wissenschaftlich schlechter erforscht als die sichtbare Oberfläche des Mondes. Tiefseetiere können nicht einfach an die Oberfläche gebracht werden, da sie die extremen Druckveränderungen nicht überleben würden – sie müssen daher in speziellen Druckbehältern transportiert oder direkt in ihrem Lebensraum beobachtet werden. Zudem ist die Nahrungsdichte in der Tiefsee so gering, dass viele Probenahmen nötig sind, um eine einzige Art überhaupt nachweisen zu können. (Quelle: Wikipedia)

Politisch deutlicher wird Chardon jedoch, wenn er die Entsorgungspraxis selbst bewertet: „Auf lange Sicht ist das keine Praxis, die man in Betracht ziehen sollte. Die Vorstellung, radioaktive Abfälle in einer natürlichen Umgebung zu versenken, ist vollkommen absurd.“

Was noch offen ist

Abschließend bewertet ist die Situation damit noch nicht. Die entnommenen Proben werden nun monatelang im Labor analysiert, um zu klären, wie sich die Radioaktivität in der Meeresumgebung ausbreitet und ob sie von Meeresorganismen aufgenommen wird. Die Ergebnisse sollen unter anderem der OSPAR-Kommission zugutekommen, die den Schutz der Meeresumwelt im Nordostatlantik überwacht und die früheren Erkenntnisse aus der NODSSUM-Mission bereits zur Aktualisierung ihres Wissens über die historischen Verklappungsgebiete nutzt.

Wichtig für die Einordnung: Von den geschätzten mehr als 200.000 ursprünglich versenkten Fässern wurden bislang nur 3355 überhaupt kartiert und lediglich eine kleine Auswahl davon aus nächster Nähe untersucht. Die Aussage, es seien „200.000 Fässer“ untersucht worden, wie sie teilweise in anderen Medien verbreitet wurde, ist daher irreführend – tatsächlich handelt es sich um die historische Gesamtschätzung, nicht um die Zahl der wirklich inspizierten Behälter.

Atomkraft und Strahlungsrisiken bleiben ein europäisches Thema

Das Thema radioaktiver Abfall beschäftigt Europa auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Während die Debatte um die historische Entsorgung von Atommüll auf dem Meeresgrund neu entfacht ist, setzen zugleich viele europäische Staaten wieder verstärkt auf Kernenergie und machen frühere Ausstiegsentscheidungen rückgängig. Deutschland steht mit seiner Ausstiegspolitik damit zunehmend isoliert da.

Für die Wissenschaft bleibt die Aufgabe klar umrissen: Erst die vollständige Auswertung der 2026 gesammelten Proben wird zeigen, in welchem Ausmaß das marine Ökosystem in den betroffenen Teilen des Atlantiks durch jahrzehntelange Meeresentsorgung radioaktiven Materials tatsächlich Schaden genommen hat. (Quellen: CNRS, MITI/CNRS, Flotte Oceanographique, Subatech/IN2P3 – NODSSUM, Science et Vie, Ouest France, Universität Straßburg/Institut Hubert-Curien, Le Monde, France 24, Archivdaten) (tu)

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