Forscher warnen vor freigesetztem Quecksilber
Startseite Wissen Immer mehr Quecksilber wird freigesetzt: Antarktis-Studie enthüllt Gefahr für die Nahrungskette Von: Tanja Banner Uns auf Google folgen Die Antarktis gilt als unberührte Eiswüste – doch sie birgt ein giftiges Erbe der Industrialisierung, das der Klimawandel gerade freisetzt. Antarktis – Schaut man sich eine Weltkarte an, ist es offensichtlich: Die Antarktis liegt fernab aller Regionen, in denen Menschen leben und arbeiten. Kein Wunder, schließlich gibt es in der Antarktis nur lebensfeindliche Eiswüste – Eis und Schnee, so weit das Auge reicht. Doch der Eindruck einer unberührten Landschaft täuscht: In der Antarktis gibt es große Mengen an Quecksilber – obwohl es keine Industrie weit und breit gibt. Dieses Quecksilber ist zumeist im Eis eingelagert – wird aber durch den Klimawandel und die daraus folgende Eisschmelze freigesetzt. Eine neue Studie, die im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, zeigt das Ausmaß des Problems. Ein Forschungsteam um den Umweltwissenschaftler Maodian Liu von der Peking-Universität hat 16 Sedimentbohrkerne vom Schelf der Antarktischen Halbinsel untersucht und rekonstruierte daraus die Quecksilber-Dynamik der vergangenen 200 Jahre. Der Befund: Die Quecksilber-Konzentration in den Ablagerungen ist seit der Industrialisierung um 160 Prozent gestiegen. Besonders dramatisch beschleunigte sich dieser Anstieg ab den 1950er Jahren. Wie das Quecksilber in die Antarktis gelangte Das Quecksilber gelangt auf zwei Wegen in die Antarktis. Etwa 56 Prozent stammen aus der Atmosphäre: Kohlekraftwerke und Bergbauaktivitäten stoßen das Schwermetall aus, das über atmosphärische Strömungen tausende Kilometer bis zum Südpol transportiert wird. Die eisigen Temperaturen wirken dabei wie eine Falle – das Quecksilber lagert sich auf dem Eis ab und bleibt dort gefangen. Bisher galt die Antarktis deshalb als eine Art natürlicher „Tresor“ für Umweltgifte. Dieser „Tresor“ öffnet sich jetzt. Der Rest des Quecksilbers stammt aus schmelzenden Gletschern. Das Eis gibt frei, was es über Jahrzehnte und Jahrhunderte gespeichert hat. Die Forscher beziffern diesen Anstieg auf 550 Prozent seit Beginn der Industrialisierung. „Der Klimawandel wirkt als Verstärker des Quecksilber-Kreislaufs“, schreibt Liu in einer Mail an das Portal Eos.org, ein Magazin der American Geophysical Union. „Globale Quecksilberverschmutzung und Klimawandel sind keine unabhängigen Umweltprobleme“, so Liu weiter. Klimawandel und Quecksilber: Zwei ökologische Herausforderungen sind miteinander verknüpft Auch Charles T. Driscoll, Professor für Umweltsystemtechnik an der Syracuse University und Mitglied der US-amerikanischen National Academy of Engineering, sieht das auf Nachfrage von Merkur.de von Ippen.Media so: „Meiner Meinung nach liegt die Bedeutung der Arbeit darin, dass sie ein neues Beispiel dafür liefert, wie zwei ökologische Herausforderungen – der Klimawandel und die Quecksilberbelastung – miteinander verknüpft sind.“ Die Konsequenzen sind weitreichend. Sobald das Quecksilber im Meerwasser und in den Sedimenten landet, kann es sich in Methylquecksilber umwandeln – eine deutlich giftigere Form, die sich in Organismen anreichert. Der Weg ist vorhersehbar: Plankton nimmt das Methylquecksilber auf, Krill frisst das Plankton, Fische fressen den Krill, Seevögel und Robben fressen die Fische. Am Ende der Nahrungskette steht auch der Mensch, denn antarktischer Krill und Fisch landen in kommerziellen Fischereien. Methylquecksilber kann das Nervensystem beeinträchtigen In ausreichend hohen Dosen kann Methylquecksilber das Nervensystem, das Verhalten, das Wachstum und die Fortpflanzung beeinträchtigen, warnt Liu in seiner Mail. Driscoll, der an der Studie nicht beteiligt war, betont jedoch auch: „Es bleibt abzuwarten, ob das freigesetzte Quecksilber sich tatsächlich verstärkt in der Nahrungskette anreichert.“ Ähnliche Prozesse sind auch in der Arktis zu beobachten – dort setzt tauender Permafrost Quecksilber frei. Im Nordosten der USA beschleunigen intensivere Stürme Erosionen – und setzen dabei Schwermetalle frei. Besonders beunruhigend: Selbst wenn die Menschheit heute sämtliche Quecksilber-Emissionen stoppen würde, bliebe das Problem bestehen. Solange die Gletscher schmelzen, wird das im Eis gespeicherte Quecksilber weiter in die Ozeane fließen. „Die Umweltbelastung durch Quecksilber wird nicht unmittelbar im Gleichschritt mit Emissionsreduktionen zurückgehen“, schreibt Liu. Internationales Abkommen will seit 2017 die Quecksilber-Emissionen senken Das ist auch eine unbequeme Botschaft für die Minamata-Konvention – das internationale Abkommen, mit dem sich seit 2017 mehr als 140 Staaten verpflichtet haben, ihre Quecksilber-Emissionen zu senken: Selbst wenn die Vereinbarung greift, bleibt das bereits im Eis gespeicherte Erbe bestehen – und droht, durch den Klimawandel freigesetzt zu werden. Die Antarktis verwandelt sich von einem Speicher für Umweltgifte in eine aktive Quelle dieses Gifts. Was vor 200 Jahren aus Fabrikschloten aufstieg, kehrt jetzt zurück – aus dem schmelzenden Eis am anderen Ende der Welt. (Quellen: Nature, Eos.org, eigene Recherche) (tab)