Forscher widmen sich einem der ältesten und ungelösten wissenschaftlichen Rätsel
Seit über 2.000 Jahren zerbrechen sich Gelehrte den Kopf über ein alltägliches Phänomen: Kitzeln. Nun liefert ein niederländisches Forschungsduo neue Erkenntnisse – und die zeigen auffällige Parallelen zu Menschenaffen. Fast jeder Mensch kennt es – aber für Forscher ist es ein Rätsel: Seit Jahrtausenden sinnieren Gelehrte und Wissenschaftler über die Herkunft des Kitzelns. "Menschliche Kitzligkeit ist eines der ältesten und doch ungelösten wissenschaftlichen Rätsel", schreibt ein Forschungsduo der niederländischen Radboud-Universität in Nijmegen – und versucht, das Phänomen zu ergründen. Demnach führte der griechische Universalgelehrte Aristoteles schon im 4. vorchristlichen Jahrhundert das Kitzeln auf die Empfindsamkeit der in manchen Arealen besonders dünnen menschlichen Haut zurück. Mehr als 2.000 Jahre später erklärte dagegen der britische Biologe Charles Darwin, kitzlig seien eher jene Körperpartien, die sonst wenig berührt würden. Unter Partnern ist Kitzeln weniger verbreitet In einer systematischen Analyse beleuchten die Hirnforscher Ziliang Xiong und Konstantina Kilteni im Fachjournal "Nature Human Behaviour" die Hintergründe des Phänomens. Befragungen von fast 450 jungen Erwachsenen – zur Hälfte Männer und Frauen – aus den Niederlanden, Griechenland und China deuten darauf hin, dass Kitzeln ein universelles Phänomen der Menschheit ist. Weit über 90 Prozent der Menschen aus jeder der drei Nationen gaben an, selbst gekitzelt worden zu sein, und ähnlich viele hatten bereits andere Menschen gekitzelt. Und auch die Kitzel-Hotspots im Körper sind demnach kulturübergreifend weitgehend identisch: Achselhöhle, Bauchbereich, Flanke und Taille sowie die Fußsohle. Gekitzelt wird offenbar weltweit mit den Händen, und die Hauptreaktion ist Lachen. Üblich ist Kitzeln meist unter Freunden und in der Familie. In der Partnerschaft ist es dagegen etwas weniger verbreitet. Mit einer in der Befragung angegebenen Frequenz zwischen je nach Nationalität 64 und knapp 78 Prozent aber durchaus nicht ungewöhnlich. Und: In der Kindheit wird generell mehr gekitzelt als im Erwachsenenalter. Auffällige Parallelen zu Menschenaffen Kitzeln sei wohl eine weitverbreitete und kulturunabhängige menschliche Erfahrung, folgert das Duo. Dies stehe im Gegensatz zu anderen Formen sozialer Berührungen wie etwa Umarmungen und Streicheln, die je nach Kultur unterschiedliche Bedeutungen haben könnten. Dass Kitzeln global gängig zu sein scheint, überrascht kaum – sind doch Parallelen zu Menschenaffen überaus auffällig: Auch sie kitzeln sich gegenseitig, bevorzugen dabei ähnliche Areale wie Menschen und reagieren ebenfalls mit Lachen und Rufen. Und auch bei unseren nächsten Verwandten werden meist junge Individuen gekitzelt. Mit dem Alter nimmt das Verhalten ab. Forscher-Duo bestätigt Darwins Theorie teilweise "Zusammengenommen deuten diese Muster stark darauf hin, dass Kitzelverhalten ein evolutionär verwurzeltes Verhalten ist, das Hominide gemein haben", heißt es. Das Forschungsduo sieht zudem Darwins Vermutung teilweise bestätigt: "Körperzonen, die wenig berührt werden, könnten besonders kitzlig sein, weil der Kontakt dort weniger antizipiert wird und so eine stärkere 'Überraschungs'-Reaktion hervorruft", schreibt es. Studien zufolge ist dieser Überraschungseffekt ein wesentlicher Aspekt beim Kitzeln. Dass man sich nicht selbst kitzeln kann, wird vor allem damit erklärt, dass das Gehirn die Reize bereits erwartet – der Überraschungseffekt also ausbleibt. Die Ursache des Phänomens ist damit allerdings dennoch nicht geklärt. Kitzligkeit sei wahrscheinlich während der Evolution über Millionen von Jahren bewahrt worden, heißt es, auch wenn die Funktion noch immer rätselhaft bleibe. Empfehlungen der Redaktion Gorilla bricht bei Experiment in Gelächter aus Wie Kindheitstraumata eine physische Narbe im Gehirn hinterlassen Berliner Charité überzeugt: Diese App kann Brustkrebs-Patientinnen helfen Das Team bezieht sich in dem Artikel lediglich auf die Form der sogenannten Gargalesis – also des Kitzelns durch Druck, nicht aber auf die sogenannte Knismesis durch leichte Reizung der Haut etwa mit einer Feder. (Walter Willems, dpa/bearbeitet von mak)