Frankfurt: Haftbefehl-Konzert in Festhalle nach mehrmonatiger Pause
Eine Kultfigur ist Haftbefehl unabhängig davon, ob er es bei seinem eigenen Konzert noch einmal auf die Bühne schafft oder nicht.
Der gebürtige Offenbacher mit türkisch-kurdischen Wurzeln gab mit seinem Deutschrap Millionen Heranwachsenden mit Migrationshintergrund eine Stimme, die wie er in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen waren. So klang Deutschland eben auch.
Würde er das Konzert absagen?
Allein sein Song "069" aus dem "Weißen Album", angelehnt an die Frankfurter Vorwahl, wurde laut Spotify 157 Millionen Mal gestreamt. Aber Aykut Anhan, wie "Haftbefehl" bürgerlich heißt, erreichte in seiner besten Zeit auch noch die anderen.
2014 verzauberte er mit seinem Album "Russisch Roulette" die Feuilletonisten mit seinen Wortschöpfungen, einer Mischung aus Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Straßenslang und Deutsch – ungeachtet dessen, dass seine Texte Gewalt und Drogen verherrlichten und Frauen als Objekte darstellten.
Und schließlich legte Haftbefehl einen Absturz hin, den jede tragische Figur brauchte, um noch mehr zur Ikone zu werden: Mehrere abgesagte Konzerte, Ermittlungen wegen Fahrerflucht und eine Netflix-Doku belegten, wie krank ihn seine Drogenabhängigkeit gemacht hatte.
Deswegen war eine der wichtigsten Fragen zum Auftakt seiner "Arena-Live-Shows"-Tour in der Frankfurter Festhalle, ob das Konzert wieder kurzfristig abgesagt würde, wie zuletzt beim World Club Dome, und wenn nicht, wie sich "Hafti" auf der Bühne verhalten würde.
Der Auftritt verlief pünktlich – und unspektakulär
Das geriet dann ziemlich unspektakulär. Mit der Frage "Frankfurt, was geht ab?" schlurfte er pünktlich und in Jogginghose auf die Bühne, wie mittlerweile gewohnt mit Maske über Mund und Nase, wobei das aktuelle Modell an Hannibal Lecters Maske aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" erinnerte.
Seine Fans in der ausverkauften Festhalle dürften gewusst haben, dass das an einer Nasenoperation lag, der er sich nach Jahren der Kokainsucht unterzogen hatte. Seine Stimme klang heiser. Die Schultern waren gebeugt. Dieser Zwei-Meter-Mann wirkte unsicher.
Haftbefehl nur Begleiter des Konzertgeschehens
Aber der 40-Jährige hatte sich Unterstützung von vielen anderen Rappern geholt, die während des Konzerts mit auf der Bühne standen: AJÉ rappte "Fettes Steak“, das er in diesem Jahr gemeinsam mit Haftbefehl herausgebracht hatte. Olexesh performte "Avtomat", der Rapper Kardo "Wahnsinnig (Hele Hele)" und Veysel "Kleiner Cabrón“.
Haftbefehl schien das Konzertgeschehen eher freundlich zu begleiten und ab und zu mitzurappen, als die Hauptperson zu spielen. Er rappte keinen Song allein. Die Anheizer auf der Bühne waren die Rapper Milonair und AJÉ.
Sohn auf die Bühne geholt
Neben dem bisher unveröffentlichten Song "Licht" bekamen die Fans ältere, bekannte Songs zu hören, zu denen sie im Kreis vor der Bühne tanzten: von "RADW" über "Chabos wissen, wer der Babo ist" bis hin zu "Ich rolle mit meim Besten" und "069", das zwei weibliche Fans auf der Bühne mitrappen durften.
Auch persönlich wurde es. Haftbefehl erzählte seinen Fans, dass er vor vier Jahren mit seiner Frau "da oben am Rang gestanden" habe und ihr gesagt habe: "In vier Jahren spiele ich da wieder."
So wirkte es fast wie ein Beweis für seine Normalität, dass Anhan auch seinen Sohn auf die Bühne holte, der wie er eine Maske trug.
"Wir sind alle Azzlacks"
Insgesamt wirkte das Konzert eher wie ein solidarisches Klassentreffen seiner Musikerkollegen, als wie ein ernst zu nehmendes Konzert. "Die Presse soll schreiben, was sie will, aber wir sind alle Azzlacks", schallte es vorbeugend von der Bühne. Und auch: "Ihr solltet anerkennen, dass unser Bruder hier ist."
Vielleicht sollte das begründen, warum das Konzert statt der angekündigten zwei Stunden bereits nach einer Stunde endete.
Nichts mehr da von der finsteren Energie
Haftbefehl selbst wirkte nicht wie der Rapper, von dem einmal diese enorme, unheimlich finstere Energie ausgegangen war. Der als 14-Jähriger mit dem Dealen angefangen hatte, nachdem sich sein Vater umgebracht hatte. Der vor einem Haftbefehl nach Istanbul geflohen war und nach seiner Rückkehr ein unglaublich erfolgreicher Deutschrapper wurde.
Aykut Anhan wirkte vielmehr wie ein Mann mittleren Alters, der sich Mühe gibt, überhaupt ein Konzert in seiner Heimat zeigen zu können, und der vorsichtig wieder nach seinem Platz in der Gesellschaft sucht.
Man wünscht ihm Glück dabei.