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Frankreich und Spanien im WM-Halbfinale - Gewitter trifft auf Uhrwerk

Sport

Es gibt zwei Metaphern, die Frankreich und Spanien treffend beschreiben. Die eine hat Paraguays Trainer Gustavo Alfaro gefunden, als er über die Franzosen sagte: "Frankreich ist ein Gewitter, und fast alle seine Blitze schlagen ein." Die andere stammt von Ralf Rangnick, seines Zeichens Coach der Österreicher. Er beschrieb die Spanier als "ein fehlerfreies Uhrwerk". Wenn sich Didier Deschamps' Franzosen und Luis de la Fuentes Spanier am Dienstag (21 Uhr) im Halbfinale gegenüberstehen, prallen unterschiedliche Philosophien aufeinander: Es ist das Duell der besten Offensive (Frankreich hat 16 Tore erzielt) gegen die beste Defensive (Spanien hat ein Gegentor bekommen). Doch das greift zu kurz. Vielmehr ist es das Aufeinandertreffen der beiden "komplettesten Mannschaften", sagt Professor Daniel Memmert. Er leitet an der Deutschen Sporthochschule in Köln den Masterstudiengang Spielanalyse und hat beide Teams unter die Lupe genommen. "Der zentrale Unterschied zwischen beiden liegt darin, wie sie zu Chancen kommen." Frankreichs Idee: Vertikale Explosivität Vize-Weltmeister Frankreich steht einen Tick tiefer, gewinnt Kontrolle über die defensive Stabilität (zwei Gegentore, nur drei Großchancen zugelassen) und die enorm athletischen Akteure in den eigenen Reihen. Um gefährlich zu werden, brauchen "Les Bleus" keine langen Ballbesitzphasen. "Wir werden deshalb sehen, dass Frankreich keine Angst haben wird, Spanien viel Ballbesitz zu geben", sagt Memmert. Frankreichs Idee: Auf die wenigen Abspielfehler der Spanier lauern und blitzschnell umschalten. Aus der kompakten Defensive heraus stürmen sie nach Ballgewinnen überfallartig nach vorne. Kylian Mbappé (8 Tore), Ousmane Dembélé (5), Bradley Barcola (2) und Desiré Doué (1) lieben es, wenn sie Raum vor sich haben und ihre Endgeschwindigkeit ausspielen können. Es sind Spieler, die nicht nur jedem Gegenspieler der Welt weglaufen können, sondern auch technisch exzellent und kreativ sind. "Frankreich reicht auch eine halbe Situation, um daraus eine Großchance zu entwickeln." Vor allem Michael Olise, dem Deschamps jegliche Freiheiten einräumt, ist immer für einen genialen Moment gut. Er ist der beste Vorlagengeber des Turniers (5). Frankreichs Probleme gegen tiefstehende Gegner Was der besten Kontermannschaft des Turniers weniger liegt: mit langer Ballzirkulation Chancen zu entwickeln. Das war beispielsweise gegen Paraguay zu beobachten. Frankreichs Offensivspiel folgt in solchen Momenten keiner klaren Systematik. "Es ist abhängig von den Einzelaktionen, weniger von gruppentaktischen Mitteln", sagt Memmert. Werden sie gezwungen, dauernd in die Breite anstatt in die Tiefe zu spielen, sind die Franzosen anfälliger für Abspielfehler oder Eigensinnigkeiten, die zu Ballverlusten führen. In solchen Momenten arbeiten zwar auch die Superstars eifrig zurück, doch die Restverteidigung sei "nicht die absolute Stärke", sagt Memmert. Spaniens Idee: Strukturelle Dominanz Europameister Spanien hat weniger individuelle Wucht, dafür seine Stärken in der Struktur, der Kontrolle und dem Spielrhythmus. Anders als beim WM-Titel 2010 spielen die Spanier kein fußballromantisches Tiki-Taka mehr, sondern funktionalen, modernen Positionsfußball. "Der Ballbesitz ist kein Selbstzweck. Es geht darum, die Gegner zu verschieben, Räume zu öffnen und nach Ballverlusten gut abgesichert zu sein", sagt Memmert. Spanien ist geduldig und nutzt kleine Lücken in der gegnerischen Hintermannschaft durch gezielte Pässe aus. Der entscheidende Spieler ist Rodri. Er organisiert die Angriffe, den ersten Aufbau, bestimmt das Tempo und positioniert sich so, dass er für seine Innenverteidiger anspielbar ist. Was bei ihm oft übersehen wird: Rodri schützt die zentralen Konterräume, organisiert also ständig die Restverteidigung. Spanien: Phasenweise Ballzirkulation ohne Effizienz Ein dichtes Netz aufzubauen und nach Ballverlusten geordnet zu stehen, darin ist Spanien so gut wie keine andere Mannschaft. Aber nicht unfehlbar. Dass die "Furia Roja" schlecht organisiert ist, ist unwahrscheinlich, kam aber in diesem Turnier vor. Beispielsweise im Achtelfinale gegen Portugal und im Viertelfinale gegen Belgien. Gegen die explosiven Franzosen führen solche Fehler in der Regel zu einem Gegentor. Auch das Offensivspiel der Spanier ist nicht frei von Schwächen. Die territoriale Dominanz bedeutet nicht automatisch, dass sie Chancen kreieren. Der Ballzirkulation fehlt es phasenweise an Effizienz. Fazit: Welches Team ist überlegen? Zwei Kardinalfragen bestimmen laut Memmert dieses Halbfinale. Erstens: Kann Spanien seine Ballverluste, die es geben wird, so kontrollieren, dass Frankreich nicht in die offenen Räume hineinspielen kann? Und zweitens: Kann Frankreich in den längeren Defensivphasen, die es ebenso geben wird, genug Entlastung schaffen oder werden die Franzosen von der iberischen Kontrolle erdrückt? "Spanien muss einen Tick mehr Dinge richtig machen, um zu gewinnen", sagt Memmert. Er sieht "Les Bleus" hauchdünn im Vorteil, weil ihre individuelle Qualität derart herausragend ist und sie Ausfälle aufgrund der Breite und Tiefe des Kaders besser kompensieren können.

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